Ausgabe 
19.1.1886
 
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wenig Zeit übrig, so wenig, daß ich sogar zuweilen gezwungen bin, die Pflichten der Höflichkeit zu ver­letzen", erwiderte Alfred, sich leicht verbeugend. Erst jetzt ist es in der Politik etwas still geworden, und man hat mir endlich meine Bitte um einen mehr­wöchentlichen Urlaub gewährt."

Dann hoffe ich nur, daß Sie einen recht an­sehnlichen Theil Ihrer Ferien bei uns zubringen, Sie und Herr von Brehmer sind ohnedies _ die Einzigen, die uns von den vielen in der Hauptstadt zurückgelaffenen Freunden treu geblieben sind", sagte der Hausherr, dem jungen Manne seine kleine, fette Hand reichend.

Herr von Brehmer besucht Sie auch zuweilen?" fragte der angehende Diplomat, und die Hast, mit welcher er dies that, verrieth, daß er ein mehr als gewöhnliches Jntereffe dabei habe.

Er behauptet, noch nirgends ein so gutes Glas Wein getrunken zu haben, als bei uns, vielleicht verdanken wir diesem Umstands das Vergnügen, den Herrn öfter in unserem Hause begrüßen zu können", mischte sich jetzt die Baronin ins Gespräch, und der spöttische Zug, welcher sich um die schmalen Lippen legte, bewies deutlich, daß der junge Mann, von welchem die Rede war, keineswegs ihre Sympathieen besaß.

Auf einen guten Trunk halte ich, und es kommt mir dabei auch nicht auf den Preis an", versicherte der alte Herr.Brehmer ist ein Kenner guter Weine, er weiß meinen Keller zu schätzen, und das rechne ich ihm hoch an. Aber Du trinkst ja nicht, liebe Natalie, darf ich Dir nicht auch ein Gas ein­schenken?"

Die Dame machte eine abwehrende Hand­bewegung.

Ich würde mich schon selbst bedient haben, wenn ich darnach Verlangen trüge," erwiderte sie kalt und ohne ihren Gatten anzublicken.Seit jenem Unglückstage, wo wir durch die Ungeschicklich­keit unseres Kutschers fast das Leben eingebüßt hätten, haben sich meine Nerven noch nicht wieder beruhigt, und Dein schwerer Wein regt mich nur noch mehr auf. Selbst diese Limonade ist mir nicht einmal zuträglich, ich möchte mir bei meinem krank­haften Zustande Alles versagen es ist wirklich recht traurig um meine Gesundheit bestellt."

Aber Du trinkst doch jeden Morgen zum Früh­stück einige recht ansehnliche Glas Malaga"

Ein strafender Blick aus den Augen der Frau brachte den Baron zum Schweigen.

Mißgönnst Du mir auch noch diesen Genuß, den ich mir nur gewähre, um die erschlaffenden Lebensgeister einigermaßen anzuregen?" fragte sie heftig.O, diese Gefühllosigkeit bringt mich vor der Zeit unter die Erde!"

Sie lehnte sich seufzend in den Sessel zurück und bemühte sich ihrem Antlitz einen leidenden Aus­druck zu geben, während der Baron, ohne eine Spur

von Theilnahme zu zeigen, abermals sein Glas füllte und auf einen Zug leerte.

Dann drückte er auf den Knopf einer silbernen Glocke, die auf dem Tisch stand, und befahl dem herbeieilenden Diener die leeren Flaschen fortzu- - nehmen und gefüllte zu bringen.

Wie geht es dem Herrn von Rauschendorff, unserem heldenmüthigen Retter? fragte das junge Mädchen mit einer Stimme, so sanft und wohl­lautend, daß der üble Eindruck, welchen der kleine Zwist auf Alfred hervorgebracht hatte, sofort schwand. Seit zwei Tagen sind wir nicht nach der Stadt gekommen, konnten uns also auch nicht nach seinem Befinden erkundigen."

Das Fieber hat nachgelaffen, aber er bedarf der größten Ruhe und Schonung", berichtete der Lega­tionssekretär.Aus diesem Grunde habe ich heute, bevor ich herausfuhr, auch nur wenige Minuten bei ihm zubringen können, denn der Arzt hat ihm das Sprechen auf's Strengste verboten."

Der arme, junge Mann!" rief Liesbeth im Tone wärmsten Mitgefühls, und in den herrlichen, tiefblauen Augen glänzten Thränenperlen, die reinen, unverfälschten Symbole inniger Menschenliebe.

Der Unfall ist auch für ihn noch ziemlich glück­lich abgelaufen", beruhigte der junge Mann das Mädchen,denn die Befürchtung eines Schädel­bruches oder einer Gehirnerschütterung hat sich als unbegründet herausgestellt. Die freilich sehr schmerzhaften Fleischwunden an Kopf und Armen werden ihn zwar noch geraume Zeit ans Zimmer fesseln, aber keinen bleibenden Nachtheil zurück­lassen."

Nie werde ich den furchtbaren Augenblick ver­gessen, als durch ein von einem vorüberfahrenden Wagen herabrollendes Faß scheu gemacht, unsere Pferde hoch emporbäumten und dann wie rasend davonjagten", erzählte Liesbeth leise, und die Er­innerung an jene schwere Gefahr machte sie noch jetzt erzittern.Der Kutscher versuchte mit aller Anstrengung die Thiere zu bändigen, aber ein ge­waltiger Anprall an einen Laternenpfahl schleuderte ihn von seinem Sitze und überlieferte uns ganz in die Gewalt des Verhängnisses."

Da sandte uns die Vorsehung in Ihrem Freunds den Retter in dem Momente, als wir bereits uns verloren glaubten, aber der edle Mann mußte seine Aufopferung theuer bezahlen, und wenig fehlte, so büßte er seine Nächstenliebe mit dem Tode. Dank den Heiligen, die meine heißen Gebete erhört haben und den hochherzigen Mann nicht ein Opfer seines Muthes werden ließen!"

Und wie ein frommes Kind faltete das junge Mädchen die Hände, der feuchte Blick richtete sich nach oben, und die frischen Lippen bewegten sich leise: ein stilles, inbrünstiges Dankesopfer stieg zum Himmel empor.

(Fortsetzung folgt).

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.