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„Unsinn!" erwiderte er achselzuckend, aber ihrem lcharf beobachtenden Blick konnte es nicht entgehen, daß trotz seiner scheinbaren Gleichgültigkeit sein . Antlitz bleicher geworden war.
„Du kanntest jene Frau wirklich nicht ?" fragte sie.
„Nein", antwortete er rauh, „wie oft soll ich es wiederholen?"
„Kann nichts geschehen, um jenen Verdacht zu widerlegen?" 8
„Wozu? Wenn ich diesen Versuch machen wollte, wurde ich nicht gerade dadurch Verdacht' auf mich lenken! Und was geht denn mich diese Geschichte an? ^ch kann den Gedanken Anderer nicht gebieten und ich frage auch wenig darnach."
„Vielleicht Hütte Dir Dora ihr Jawort gegeben, wenn jene Frau nicht so plötzlich gestorben wäre."
„Pah, das weiß ich besser. Zwischen uns Beiden steyt Dornberg, Dora wird ihm ihre Liebe bewahren fo lange sie leN, ich habe das leider zu spät er- tannt." Sie waren auf den Corridor hinausgetreten, Ernesune schob den Riegel an der Glasthüre zurück
„Ueberlege es Dir noch einmal", flüsterte sie,' „und wenn Du Deiner Sache nicht vollständig sicher oist, so rathe ich Dir dringend, auf das Unternehmen zu verzichten."
„Wäre ich nicht sicher, so würde ich den Plan nicht entworfen haben", erwiderte er ebenso leise. „Nur Muth, und vor allen Dingen verliere morgen die Geistesgegenwart nicht, wenn die Geschichte entdeckt wird."
,, ging er hinaus, und Ernestine, die nun die Thure nicht verriegelte, kehrte in den Salon zuruck.
Es war die höchste Zeit gewesen, daß Sonnen- berg sich entfernt hatte, schon sehr bald nachher yorte Ernestine Geräusch in der Küche, die alte Magd mußte bereits zurückgekehrt sein.
Die Heimkehr Dora's ließ noch ziemlich lange auf sich warten; der Rolle getreu, die sie spielen wollte,^ fragte auch Ernestine jetzt nicht, sie vertraute darauf, daß Dora das Bedürfniß fühlen werde,
l^’, Ersten beschäftigte, auszuplaudern.
... U"d in diesem Vertrauen sollte sie sich nicht getauscht sehen. —
o während des Abendessens theilte Dora ihr den Inhalt des anonymen Briefes mit, Ernestine be- mv^r.e Je^r ^?hl, ^“6 ihr Mienenspiel bei dieser ^tittherlung sehr scharf beobachtet wurde; Dora zu tauschen und ihre Gedanken ihr zu verbergen, machte ihr keine Muhe.
Sie äußerte Anfangs Zweifel, erst als sie ver- nahm, daß der Doktor Kirchner gerathen hatte, den Brief zu beantworten und eine angemessene Summe anzudieken, ging sie näher auf den Inhalt des Schreibens em, und ihre Zweifel und Bedenken schienen letzt allmälig zu schwinden. Die Antwort ward geschrieben und der Post übergeben, das Weitere mußte man nun abwarten.
Bis in die Nacht hinein sprach Dora mit ihrer Eesellfchaflerin nur über die Vermuthungen, die sich
für sie an jenen Brief knüpften, ohne indeß einen Namen zu nennen, Ernestine kam jetzt ihren Wünschen und Hoffnungen entgegen, und es schien fast, als ob das alte freundschaftliche Verhältniß zwischen den Beiden sich wieder anbahnen wolle.
Für diese Vermuthungen sprach auch die Herzlichkeit, mit der sie einander gute Nacht wünschten, als sie endlich sich trennten, um sich zur Ruhe zu begeben und selbst am anderen Morgen beim Frühstück herrschte dieser warme Ton noch immer.
Ernestine wollte gleich nach dem Frühstück ausgehen, sie mußte sich ja um eine andere Stelle bemühen und wenn auch Dora meinte, es habe damit keine Eile, so that sie doch nichts, um die Freundin zurückzuhalten und wieder an ihre Person zu fesseln.
Der Bruch war einmal da und es schien Beiden einzuleuchten, daß nun auch die Trennung das Beste sei.
Als Ernestine das Haus verlassen hatte, holte Dora den anonymen Brief noch einmal hervor, um ihn abermals zu lesen.
Wenn der Schreiber wirklich die überzeugenden Beweise besaß, die er ihr anbot, dann durfte sie mit ziemlicher Sicherheit erwarten, daß sie dieselben noch im Laufe des Tages empfangen würde.
Und dann mußte Gustav morgen schon aus der Haft entlassen werden.
Welcher Triumph für sie, wenn sie am Arme des geliebten Mannes ihren Verwandten gegenüber» treten und ihnen beweisen konnte, daß all' ihr Jntriguiren vergeblich gewesen war!
Und wie viel größer und glänzender war dieser Triumph, wenn es sich herausstellte, daß der Advokat Kirchner mit seinen Vermuthungen Recht gehabt und Reichert selbst den Diebstahl begangen hatte.
Fränzchen und der Oberst wußten von diesem Brief noch nichts, der Doktor hatte sie gebeten, ihm öiefe Benachrichtigung zu überlassen, die Zeit war doch auch gestern Abend zu kurz gewesen.
In Sinnen versunken, bemerkte Dora den Eintritt der alten Magd nicht eher, bis die rauhe, knarrende Stimme Katharine'S sie aus ihrem Brüten aufschreckte.
„Jetzt haben wir Beide, gnädige Frau!" sagte die Alte in triumphirendem Tone, „Sie werden erstaunen, wenn Sie erfahren, was ich weiß."
„Dann heraus mit der Sprache" antwortete Dora erwartungsvoll, die sehr wohl wußte, daß Katharine kein Wort unnölhig sprach und auch nur Das behauptete, was sie beweisen konnte.
„Heute soll hier eingebrochen werden!"
„Hier? Eingebrochen?" fragte Dora erschreckt.
„Heute Nachmittag um drei Uhr", nickte die Magd mit einer Miene, die deutlich erkennen ließ, vie sehr sie sich in diesem Augenblicke ihres Werthes bewußt war. „Sie werden nach zwölf Uhr einen ^rief empfangen, in dem man Ihnen einen Ort bezeichnet, wo Sie präeise drei Uhr erwartet werden. Sie sollen dort die Beweise empfangen, die Sie erwarten, und Sie dürfen nur Ihre Gesellschafterin


