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druch nicht zu den tödtlichen Verletzungen zu rechnen waren, wie dis Aerzte behaupteten.
Schlimmer sah es freilich mit der moralischen Seite der Geschichte aus, da die ganze englische Gesellschaft, welche gerade in dieser Saison sehr stark auf Helgoland vertreten war, in einen förmlichen Aufruhr gerieth und die strengste Bestrafung des schuldigen Thesis, für welchen selbstverständlich der Deutsche gelten mußte, forderte.
Allerdings konnte der Schwerverwundete nach dem Ausspruch des ihn behandelnden Arztes noch nicht vernommen werden, doch sorgten die jungen Gentlemen, welche an der Verschwörung gegen die schöne Vera theilgenommen, sogleich dafür, daß die Geschichte herumgetragen und die Beleidigung der Engländer durch Edmund Hartung hinreichend bekannt wurde, um in solcher Weise öffentliche Stim- mung zu machen, und die Sympathien der anwesenden Deutschen ebenfalls auf den Todten hinzulenken.
Wie gewöhnlich wandte sich auch hier der allgemeine Unwille auf die unschuldige Ursache zurück.
„Weshalb", so ließ sich die schwer geprüf e Frau Hartung im Kreise ihrer Bekannten vernehmen, „hat diese excentrische Natalie, welche sich stets für etwas ganz Apartes gehalten und deshalb alte Jungfer geworden ist, was nun bei ihr wieder für rtwas ganz Besonders gelten soll, weshalb, frage ich, hat sie dieses Findelkind, diese Adoptivtochter eines obscuren und zweifelhaften Schenkwirthes, in unsere M.tte gebracht, sie sozusagen als Gleichberechtigte uns ausgezwungen? — Ist es nicht ein Schlag in's Gesicht, eine Beleidigung der guten Ge- sellschast? Soll diese emancipirte Dame das Recht haben, sich Alles herausnehmen zu dürfen?"
Es befanden sich viele frühere Bewerber um Natalien's Hand hier zur Kur, welche ihr jetzt den Korb mit Jntereffen heimzuzahlen gedachten und der Dame deshalb eifrigst beistimmten, auch nicht abgeneigt waren, an einer kleinen Steinigung theilzu- nehmen.
„Aber Mama!" wagte Clara Hartung schüchtern zu entgegen, „wie konnte gerade Edmund sich soweit erniedrigen, eine junge Dame, auf welcher sonst kein Makel haftet und deren Schönheit er bislang stark gehuldigt, so grausam bloszustellen? Und wie kommt es, daß er gerade deshalb die Engländer beleidigt —"
„Schweig!" unterbrach sie die erzürnte Mutter, „es schickt sich am allerwenigsten für Dich, jene Person zu vertheidigen. Ich begreife Dich nicht, Clara!"
Ihr Blick streifte verächtlich den foeben zu der Gesellschaft tretenden Reimann, der in hoher Aufregung zu sein schien.
„Pardon, meine Herrschaften!" begann er ohne Umschweife, „es war doch die Rede von dem unerhörten Angriff, welchen man auf zwei ehrenhafte Damen unserer Vaterstadt gewagt hat. Wenn Fräulein Clara's Vertheidigung diesen Damen gegolten, dann stimme ich ihr von Herzen bei und '
zolle ihr dafür meine Hochachtung und meinen Dank."
„Gut gebrüllt, Löwe!" lachte einer der abgewiesenen Freier mit hämischen Spott.
„Wünschen Sie etwas von mir?" wandte sich Reimann rasch mit blitzenden Augen zu ihm.
„Bitte, ereifern wir uns nicht unnöthig, Herr Reimann?" sagte Frau Hartung kühl, „daß Sie sich zum Ritter — jener Schönheit aufwerfen würden, war voraus zu sehen. Es ist ein Scandal, dabei bleibe ich, welcher für Fräulein Gotthard schwerer wiegen wird, als sie in ihrem Hochmuth glaubt."
„Wenn der Scandal auf Ihrer Waage gewogen wird, sicherlich, meine Gnädige!" lächelte Reimann geringschätzig, „obwohl ich zu dem gesunden Sinn meiner Mitbürger ein größeres Vertrauen hege, und nimmer glauben mag, daß sie ein solches niedriges Complot gegen die makellose Ehre jener beiden Damen mitplanen könnten. Wenn es indcffen doch sein sollte", setzte er mit erhobener Stimme hinzu, „dann werde ich in der That und Wahrheit den Namen eines Ritters mir zu verdienen suchen und jedem Verleumder zeigen, was ich in dem letzten Feldzug gegen Frankreich gelernt habe. Ihnen aber, mein gnädiges Fräulein!" wandte er sich zu Clara, welche mit gerötheten Wangen und freudestrahlenden Augen seinen Worten gelauscht hatte, „danke ich für Ihre tapfere Parteinahme und bitte Sie herzlich, auch ferner für Hamburg'- Ehre einzutreten."
Er wollte sich entfernen, da Niemand sich bewogen sand, zu antworten, als er plötzlich lebhaft ausrief: „Dort kommen die Vervehmten, meine Herrschaften! — jetzt bekennen Sie Farbe, wenn ich bitten darf."
„Bleiben Sie, meine Herren!" rief Frau Hartung gebieterisch, als einige derselben sich bei dem unerwarteten Erscheinen der betreffenden Damen fortzustehlen suchten. — „Ich will nicht hoffen, daß Sie feig davonlaufen, wo es gilt, für Ihre Ueberzeugung einzustehen.
Die Herren kehrten zögernd und beschämt zurück, warfen der Dame jedoch so finstere Blicks zu, daß -sie selber um den Erfolg ihres Planes besorgt wurde.
Mit ihrer gewohnten Anmuth und Liebenswürdigkeit verbeugten sich die beiden Damen, welche diesmal ohne ihre Sauvegarde, Madame Borner und Mylord Archibald erschienen, vor der Gruppe und schritten in heiterem Geplauder weiter, ohne von dem Gebühren ihrer Landsleute Notiz zu nehmen.
Es war ein seltsamer Anblick, wie die Partei, welche sich um Frau Hartung gebildet hatte, den Gruß tgnorirte und sich brüsk abwandte, während Karl Reimann, Clara Hartung und noch einige junge Herren, welche in der letzten Minute eine Schwenkung gemacht, in gewohnter Weise die Damen begrüßten.
Karl wandte sich jetzt rasch zu Fräulein Hartung und sagte mit einem dankbaren Blick: „Diesen Muth rechne ich Ihnen hoch an, liebe Clara! —.


