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Sie haben sich ebenso tapfer als edelmüthig benommen. Ich bewundere Sie!"
Er küßte ihre Hand, zog mit ehrerbietigem Gruß den Hut und schritt alsdann den beiden Damen nach.
Clara wandte sich tief erröthend um, während die rebellischen Jünglinge sich eiligst, um dem Zorn der Frau Hartung zu entgehen, aus dem Staube machten, woran sie sehr recht gethan, da die Dame eine grenzenlose Empörung über die Perfidie ihr.r Tochter, welche sie als em Attentat gegen den eigenen Bruder bezeichnete, empfand.
Karl Reimann hatte die beiden Damen, welche sich auf der am oberen Rande des Felsens hin- laufenden Gallerie, dem sogenannten Falm, der Herr- lichen Aussicht über die weite See erfreuten, bald eingeholt und nahte sich ihnen mit höflichem Gruß.
„Guten Morgen, Herr Reimann!" rief ihm Natalie lebhaft entgegen, „kommen Sie nur, um uns ein wenig Gesellschaft zu leisten, — und Neuigkeiten auszukramcn. Was um des Himmels willen ist denn eigentlich geschehen? Wie ist der arme Hartung auf einmal zu einem solchen entsetzlichen Rinaldini geworden?"
„Ach, cs ist der reine Blödsinn gewesen, meine Gnädige!" versetzte Reimann achselzuckend, „der Junge hatte zu viel Champagner getrunken und in der Trunkenheit die Engländer beleidigt, — das ist im Grunde Alles. Was den Sturz von der Treppe anbetrifft, so hat Mr. Morgan ihn angegriffen, als Hartung ruhig in sein Hotel zurückkehren wollte, — ein Factum, das ich bei seinem Character für völlig wahr halte, das di? Engländer aber nun in Mord oder Todschlag rubriciren wollen. Ich habe den Schwerverwundeten besucht und von ihm selber das Nöthigste erfahren, um einige unerläßliche Schritte in der Sache thun zu können. Die gestrenge Frau Mutter gestattete wir dann gnädigst, für sie, respective in ihrem Namen an den Staatsanwalt Helmuth zu schreiben, um ihm die Geschichte zu melden und um seine Hierherkunst zu bitten."
„Das war geschcidt von Ihren, lieber Reimann!" nickte Natalie, „unser Helmuth ist der rechte Anwalt in solchen Dingen."
„Er wird jedenfalls der Quells nachspüren", bemerkte Reimann, „und eine gewiffe Persönlichkeit sich aufs Korn nehmen. — Hm, meine Gnädige", setzte er mit einem raschen Blick auf Vera etwas leiser hinzu, „ich vermisse Ihre gewöhnliche Begleitung, ist Mylord untreu geworden?"
Ein Schatten überflog Nataliens Stirn.
„Vielleicht hat ihm ein Traum es mitgetheilt, daß Madame Borner heute an starker Migräne leidet", versetzte sie leichthin und fuhr dann, als sie bemerkte, daß Vera mit einem alten vornehmen Badegast in lebhafter Unterhaltung sich befand, ebenfalls leiser fort, „Sie glauben, daß dieser Archibald der Mitschuldige ist?"
„Allerdings glaube ich das, da die Geschichte
sich in feiner Wohnung zugetragen hat, welche nebenbei, im Vertrauen bemerkt, eine kleine Spielhölle sein soll."
„Ah", flüsterte Natalie erschreckt, „dann hat mein Widerwille gegen diesen Menschen mich also doch nicht getäuscht!"
„In welchem Gefühl wir uns jedenfalls begegnen, meine Gnädige! — Die freche Zudringlichkeit, womit er, sich Ihnen, _ respective Ihrer Begleitung angeschlossen, hat mich tief empört und kann ich mich nicht des Gedankens erwehren, daß er einen geheimen Plan dabei verfolgt."
Natalie blickte ihn überrascht an.
„Na ja, man kann doch im Ernst nicht daran glauben, daß dieser stolze Mylord in Madame Borner verliebt sein könne", setzte Reimann hinzu.
„Weshalb nicht?" fragte Natalie achselzuckend.
„Bah, Fräulein Gotthard, Sie glauben selbst nicht daran. Hat man Ihnen denn noch nicht zugeraunt, welches Complot gegen Sie und Fräulein Vera in jener Höhle geplant worden ist?"
,^Das klingt ja verzweifelt ernsthaft, mein Lieber! — Sagen Sie mir, bitte, Alles, was Sie davon wissen. Ich habe allerdings schon verdächtige Anzeichen, welche ich nicht zu deuten wußte und auch weiter nicht beachtete, auf unserem Wege bemerkt. Die englische Gesellschaft trug etwas unverkennbar Beleidigendes zur Schau, während unsere Landsleute, — wahrhaftig, lieber Reimann, —" unterbrach sie sich überrascht, „habe ich recht gesehen? — ignorirte man geflissentlich unfern Gruß?"
„Ohne Zweifel, meine Gnädige!" versetzte der junge Mann sehr ernst, „es ist jedenfalls bester, wenn ich Ihnen die volle Wahrheit sage."
„Ich bäte sehr darum."
»Als ich das Ereigniß des gestrigen Abends erfuhr, begab ich mich sogleich in die Wohnung der Frau Hartung, begegnete aber unterwegs einen mir persönlich befreundeten Engländer, welcher mir mittheilte, daß Hartung gestern in der Behausung jenes sogenannten Mylords sich mißliebig über die goldhaarige Lorelei unv deren Beschützerin ausgesprochen und eine famose Geschichte von dem Findelkind eines gemeinen Schenk- wirlhs, welches von polnischen Juden oder Arbeitern abstammen solle, zum Besten gegeben habe, worauf alsdann ein Complot geschmiedet worden, Sie, meine Gnädige, und den frechen Eindringling, welche die Gesellschaft durch solchen Scandal compromittirt, von der Insel zu vertreiben. Leider mußte Hartung, welcher recht übel zugerichtet worden, diese Angaben bestätigen, obwohl er behauptet, betrunken gewesen zu sein und die Engländer jenes Complots halber beleidigt zu haben. — Er will dann in Schlaf gefallen, später nach Hause gegangen und von jenem Morgan unterwegs angegriffen worden und im Ringen mit ihm die Treppe hinabgestürzt sein. Es ist sicherlich die reine Wahrheit, obwohl die Sache übel genug für ihn liegt, da wir uns auf britischem Tecritorium befinden, weshalb unser Dr. Helmuih ihm sehr nothwendig sein wird." (Forts, folgt).
Redaktion: A. Scheyda. - Truck und Verleg der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


