Ausgabe 
18.11.1886
 
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Wälzungen in dem Dasein der Hinterwäldler mit sich, letzere selbst können hierfür nicht». Auf den Flüssen, auf denen vielleicht noch vor vierzig Jahren sich nur die schlanken Canoes der Rothhäute oder die plumpen Boote der Ansiedler schaukelten, dringen jetzt die elegantesten Salondampfer in den Urwald ein und tragen alle Requisiten des modern-culturellen Lebens gleich mit sich. Hoteliers, Buchdrucker, Aerzte, Tapezierer, Putzmacherinnen, Apotheker, Damen- und Herrenschneider, Weinreisende, Tele­graphisten. Alles wird von dem Dampfboote zu­gleich ausgespieen ifhb der Landungsort erhält hier­durch sofort eine andere Physiognomie. Wo bislang nur ein paar Blockhütten standen, erhebt sich nach einem halben Jahre schon eine kleine Stadt, natür­lich nach amerikanischen Begriffen, und man kann vom Washington-Hotel aus, wo vor Jahresfrist viel­leicht noch ein Sumpf lag, die in seidenen Gewändern einherrauschenden Damen der Ansiedler bewundern, oder im Billardsaal eine Carambolage versuchen, oder auch im Lesesaale sich in die patriotischen Artikel desCourier für Whoming-City" vertiefen. Den durstigen Seelen stehen dabei Rheinwein und Bordeaux, Sillery undOld Port", Bayrisch Bier und echter Jamaica zur Verfügung und auf der Table d'Hote hat der Hungrige zwischen Hummern und Bärenschinken, Astrachaner Caviar und geräucherten Rheinlachs die Auswahl!

Eme solche Umwandlung der gesammten Lebens- verhältniffe im Westen hätten sich die Vorfahren der heutigen Hinterwäldler allerdings schwerlich träumen lassen weiß doch die heutige G-neration kaum mehr als vom Hörensagen von dem Leben der Ur» grenzdewohner von Missouri, Arkansas, Kansas u. s. w. Man bedenke nur die mangelhaftenWege", die es vor achtzig, neunzig Jahren in diesen Gegenden gab! Sie bestanden aus einem indianischen Spurweg, auf welchem höchstens ein Packpferd passtren konnte oder au» einem Jahrhunderte alten ausgetretenen Büffelpfade denn wer Härte sonst wohl in diesen Wildnissen Wege bauen mögen? Selbstverständlich fehlten zu damaliger Zeit auch die nöthigen Trans­portmittel und hierdurch ergab sich. wiederum ein Mangel von einer Menge von Dingen» die heutzu­tage in Hülle und Fülle vorhanden sind und die so selbstverständlich hingenommen werden, wie der Ge­nuß von Waffer und Luft, Salz mußte auf Pack­pferden in die Niederlassungen geschafft werden, Kaffee und Thee waren nirgends zu sehen und der wenige Zucker, den man aus dem Safte des Zucker­ahornbaumes bereitete, wurde für Kranke und außer­ordentliche festliche Gelegenheiten aufgespart. Mit den Werkzeugen war e» ähnlich, das Eisen ward durch den kostspieligen Transport auf Packpferden über steile Berge und durch die Urwaldsdicktchte so theuer gemacht, daß man es bloß zur Anfertigung und dann bei Reparaturen von Pflügen und anderen nothwendigen Grräthschaften für die Ackerbestellung unb für die Hauswirthschaft verwendete. Angeln,

Zapfen und dergleichen verfertigten sich die Ansiedler aus Holz und selbst der Gebrauch von eisernen Nägeln wurde als eine Verschwendung erachtet. Selbstverständlich machten sich die damaligen Hinter­wäldler auch ihre Kleider selber, respective ihre Weiber und Töchter besorgten dies Geschäfts wie die weiblichen Familienmitglieder auch die primitiven Materialien, aus denen die Hinterwäldlerischen An­züge bestanden, die Häute und Felle der Thiere des Waldes, die Wolle der mitgebrachten Schafheerden u. s. w. zurichteten. Schuhe wurden gewöhnlich nur während des Winters getragen und wenn ein neuer Ankömmling es wagte, in Stiefeln einherzustolziren, so konnte er gewiß sein, als eine besondere Erschein­ung angestaunt zu werden. Trug er aber außerdem noch einen Hut, dem man die Herkunft aus den Oststaaten ansah, auf dem Kopse, gestattete er sich gar den Luxus feiner Leibwäsche und befanden sich an seinem Rocke mehr Knöpfe, als absolut nöthig waren, so wurde er von männiglich als eine Monstrosität betrachtet und zuweilen auch behandelt.

Wir haben schon erwähnt, daß sich die ersten Ansiedler die Angeln, Haspen u. s. ro. ihre Ge- räthschaften selber verfertigten und dies galt auch noch von so manchen anderen Dingen; zum^Mindesten mußte Jeder sein eigener Zimmermann, Tischler u. s. w. sein. Da weder Maler noch Klempner noch Glaser in diesen abgelegenen Gegenden existirten, so waren die Wohnungen dieser Urgrenzbewohner natür­lich von größter Einfachheit. Jeder Ansiedler besaß ja neben der unentbehrlichen Büchse das eben so unentbehrliche Beil und in jeder Ansiedelung gab es wenigstens eine Säge und einen Bohrer, die bereit­willigst hergeliehen wurden und diese drei Werkzeuge, deren Handhabung übrigens dis Ausiedler vorzüglich verstanden, gmügten zur Errichtung eines rohen Blockhauses. Der Fußboden in demselben war von Erde, in welche besonders prachtliebende Familien einige aus alten Fässern herausgespaltene Dauben einstampsten, so wie sie aus dergleichen Fässern Fenster- laden zusammennagelten, wenn sie deren überhaupt brauchten. Inwendig enthielt dieseFamilienwohnung" meist nur ein Zimmer, in welcher sich ein plump gezimmerter Eßtisch, ein paar ebensolche Bettstellen, eine alte Truhe zum Aufbewahren der Familien- schätze und einige ebenfalls höchst primitive Bänke oder Schemel befanden; oft wurde die Stelle der Letzteren durch ein paar roh zngehauene^ Klötze ver­treten; wenn man erwägt, weiche wirklich stattlichen und zugleich im Innern behaglich eingerichteten Wohn- Häuser heute oft in den entferntesten Ansiedelungen zu finden sind und vergleicht sie mit jenen aus roh zubehauenen Baumstämmen aufgeführten jedes Corn- forts entbehrenden Blockhäusern, wie sie noch vor vierzig Jahren in Missouri und Arkansas selbst m den größeren Ansiedelungen vorwiegend anzutreffen waren, so erhellt schon hieraus der ungeheuere Unterschied zwischen jetzt und einst.

(Schluß folgt).

Redaktion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Shr. Pietsch) in Gießm.