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bild von zarter, rührender Schönheit; das Original . mußte sehr jung noch sein, goldblondes Haar umzog die edle Stirn, worunter zwei tiefblaue Augen träumerisch in die Welt schauten, während die Grübchen im Kinn und der schelmische Zug um den Mund auf kindliche Heiterkeit deuteten.
„Reizend!" rief Natalie, „wem ähnelt dieses liebliche Antlitz?"
„Ja, wer das immer gleich sagen könnte", meinte ’ der Notar nachdenklich, „etwas Bekanntes hat das Bild auch für mich."
In diesem Moment zupfte das Kind an Natalien's Kleid und sagte bittend: „Vera auch sehen, bitte, Tante Tali!"
Diese wandte sich zu ihr und rief dann fast athemlos: „Cs ähnelt der Kleinen — schauen Sie Vera an, lieber Notar!"
„Wahrhaftig, Sie haben recht", nickte der alte Herr heftig erregt, „das goldene Haar, die Augen —"
„Und die schelmischen Grübchen", fiel Natalie ein, „Himmel! vor welchem unheimlichen Räthsel stehen wir hier!"
„Weshalb haben Sie von diesem Funde, überhaupt von ihrer Entdeckung nicht sogleich der Polizei die pflichtschuldige Anzeige gemacht?" fuhr der Notar den jungen Hutmacher heftig an, „Sie haben durch diese Versäumniß sich schwer vergangen und die Entdeckung des Verbrechens fast zur Unmöglichkeit gemacht."
Henning fuhr erschreckt zusammen.
„Da wollte ich doch, ich hätte das unselige Ding in den Fleeth geworfen und keinem Menschen ein Wort davon gesagt", meinte er trotzig. — „Die Geschichte kam so, ich mußte noch am selbigen Abend für meinen Vater nach Kiel und von da mit dem Dampfer nach Kopenhagen, von wo ich erst gestern zurückgekehrt bin."
„Das entschuldigt Sie freilich", sagte der Notar, „aber ein Unglück ist'» doch; wie kamen Sie denn heute Abend dazu, dem Wirth die Geschichte zu erzählen?"
„Sie sprachen zu Hause davon, daß Möllers, die mit uns befreundet sind, ein Kind angenommen hätten und so erfuhr ich die ganze Mordgeschichte, die mich natürlich an jenen Abend erinnerte und hierher trieb. Herr Möller sprach dann davon, daß Sie just im Hause wären, Herr Notar, — und — na, da wollte ich's Ihnen erzählen."
„Woran Sie sehr recht gethan haben, Herr Henning! wollen Sie mir dieses Medaillon einstweilen überlassen?"
„Mit dem größten Vergnügen, mir brennt's wie höllisches Feuer in der Hand. — Aber — Herr Notar!" — setzte er kleinlaut hinzu, „Sie bringen mich doch in keine Ungelegenheiten mit der Polizei?"
„Gewiß nicht, mein Freund! Ohne Ihren Nach- sorschungseifer, der Sie, weiß Gott, zum Criminalisten befähigt, hätten wir dieses corpus delicti ja nicht erhalten. Ich weiß, daß Sie klüger und umsichtiger hätten handeln können, doch soll kein Nachtheil für
Sie daraus erwachsen. Haben Sie die Geschichte öffentlich in der Gaststube erzählt?"
„Nein, ich sprach nur heimlich mit Möller darüber."
„Das ist gut, jetzt reinen Mund gehalten, wissen Ihre Eltern und Geschwister darum?"
„Nein, sie hätten mich nur ausgcspottet und wie gewöhnlich den „Murje Neugier" genannt. So heißen sie mich nämlich zu Hause, weshalb ich ihnen gar nichts erzähle."
„Also hat ein Spitzname auch zuweilen sein Gutes", lächelte der Notar befriedigt; „gut, Herr Henning, wenn sie etwas aursagen oder zu Protocoll geben sollen, werde ich Sie brieflich davon benachrichtigen; geben Sie mir deshalb Ihre Adresse."
Der Hutmacher überreichte ihm seine Karte. (Fortsetzung folgt).
Die Vorfahren der KinLerwäkdker.
Wenn man heutzutage von den weißen Bewohnern des amerikanischen „far west“, des fernen Westen, den sogenannten Hinterwäldlern, etwas liest oder hört, so stellt man sich hierunter unwillkürlich Leute vor, dir nur höchst oberflächlich von der Cultur beleckt sind, in Thierhäute gekleidet rinhergehen, in rohen Holzhütten wohnen, den ganzen Tag nur Bären, Hirsche und Indianer schießen, natürlich keine Idee von Zeitungen und Büchern haben und überhaupt mit der übrigen Menschheit nur in sehr losem Zusammenhang stehen. Diese Auffassung mochte vielleicht zu Coopers Zeiten bis zu einem gewissen Grade ihre Berechtigung haben und auch die Gerstäcker'schen Schilderungen zeichnen manchmal noch das Blld des Hinterwäldler» von altem Schrot und Korn — aber heute präsentirt sich uns die Erscheinung des amerikanischen Hinterwäldlers in ganz anderer Weise, in durchaus modernem Ueberzuge.
Schon der Name ist gewissermaßen eine Anomalie, denn er bedeutet einen Menschen, der „hinter den Wäldern" wohnt, d. h., der abgeschlossen von der übrigen Welt sein Wesen treibt Aber seitdem Schienenwege die Gestade des allantischen Ocean» mit der Küste des stillen Meere« verbinden und sich immer neue Eisenstränge in die Prairien und Wälder des Westens der Vereinigten Staaten einbohren, ist auch der Begriff des „hinter den Wäldern Wohnens" hinfällig geworden und mit ihm ist auch all' die Originalität verschwunden, welche die amerikanischen Hinterwäldler zu einem ganz besonderen Menschenschlag stempelte. Heutzutage trägt der Ansiedler im Westen gewichste Stiefel und schwarze Anzüge, seine Frau und Töchter bearbeiten das Pianino den feinsten New-Uorker Ladies zum Trotz und die Herren Söhne gehen anstatt auf die Bärenjagd oder auf das Ackerfeld in den Club des nächsten Städtchens, um sich hier als Candidaten für dir Repräsentantenkammer aufstellen zu lassen.
Freilich bringt der Geist der Zeit diese Um«


