Hießener Jamilienblättn.
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ÄL', 136 Donnerstag den 18. November. 1886»
Wis zur keHLen Klippe.
Original-Roman von @. H einrichs.
(Fortsetzung).
„Verdorbrn bei mir?" fragte Natalie erstaunt, „was denken Sie sich dabei, liebe Frau?"
„Zuerst denke ich mir, daß ich Frau Möller und nicht wie der Janhagel „liebe Frau" heiße. So was sagt man wohl zu einer Waschfrau, mein Fräulein, aber nicht zu mir, denn ich bin die Wirthin „Zur goldenen Traube". Sodann denke ich mir weiter, daß meine Vera bei Ihnen und Ihresgleichen zu verwöhnt und hoffährtig wird, von wegen den Sammtmöbeln und Teppichen und allerhand sonstigem Trödelkram, womit die vornehmen Leute ihre Wohnungen heraurputzm. Wir sind einfache.Leute, aber wir haben was Besseres für das Kind, wir | haben es li-b wie unser eigenes, und darum soll es ; dort nicht verdorben werden und in seinem H-rzen ! uns verachten."
Frau Möller beschrieb mit ihrem kräftigen Arm ■ einen Bogen in der Lust, um damit Alles zu be- j zeichnen, was etwa von Vera verachtet werden - könnte.
Natalie ergriff ihrs Hand und drückte dieselbe - herzlich.
„Wir müssen Freunde werden, Frau Möller! — $ Sie sind so brav und gut, so resolut und verständig, l daß ich Ihre Weigerung vollständig unterschreibe, > und sicherlich hätte die kleine Vera kein besseres \ Mut'erherz auf Erden wiederfinden können. Er- \ lauben Sie mir nur, daß ich zuweilen herauskommen 1 darf, um Ihr liebliches Töchterchen zu sehen."
_ Die Wirthin blickte sie während dieser herzlich ? gesprochenen Worte prüfend an und schüttelte ihr « dann kräftig die Hand.
„Das dürfen Sie gern, mein Fräulein! kommen s Sie nur recht oft, das Kind kann ja nur dabei ! profitiren von wegen der feinen Bildung. Denn ! sehen Sie, — wir haben unser gutes Brot, und \ wenn der Herrgott uns keine eigenen Kinder mehr s bcscheert — ach, unsere kleine Doris war just in • demselben Alter, na, Gott hab' sie selig — aber ich ! wollte nur sagen, daß wir wohl was an die kleine j Vera wenden können und daß sie eine feine Schule ; besuchen soll, um recht gebildet zu werden. Für die Wirthschaft ist sie viel zu hübsch und zu fein, — ■ \ Gott bewahre, nein, sie soll was Besserer werden."
„Das ist brav von Ihnen, Frau Möller!" lächelte Natalie, „nun, was an mir liegt, so will ich
sicherlich das Meine thun, um Sie bei diesem Werk zu unterstützen. Nur eine Bitte darf ich mir erlauben, — wollen Sie nicht böse werden?"
Frau Möller blickte sie mißtrauisch an.
„Sie wollen die Vera oft bei sich haben, wie?"
„Nein, er ist kein solcher Eingriff in Ihre mütterlichen Rechte, welche ich stets respectiren werde. Ich wollte Sie nur bitten, die Kleins vor dem Besuch des Vorderzimmers zu hüten."
„Das versteht sich, Fräulein, und darin haben Sie auch recht", versetzte Frau Möller in treuherziger Verlegenheit. „Möller hat sie im Anfang mit nach vorne genommen, die Mannsleute haben nun einmal kein feines Gefühl, — und die Gäste hatten ihr Pläsir mit dem Göör. Aber da lernte sie allerhand Worte, die mir nicht paßten, denn auf den Anstand halte ich sehr, müssen Sie wissen, — und dann verbot ich es meinem Mann, — in solchen Sachen bin ich kurz angebunden, nicht wahr, Herr Notar?"
„Freilich und ich halte es für ein Glück", lachte der Notar belustigt, „man muß die Männer kurz halten."
„Nicht wahr? — Ja, liebes Fräulein, der Herr Notar Willing kennt mich und wenn ich nein gesagt habe, so wird nichts daraus, denn warum? — Weil ich immer das Richtige treffe, immer den Nagel auf den Kopf — — na, Hannes, was hast Du Deine Nase hier herein zu stecken", fuhr sie den Hausknecht an, der zögernd die Thür öffnete.
„Trina kann die Portionen mir nicht geben, Madame! und die Gäste werden rebellisch."
„Er ist gut, ich komme schon, Hannes! — Na, adieu Fräulein, adieu, Herr NoSarl — Kommen Sie nur bald mal wieder, soll mich immer sehr freuen."
Sie machte ihren Knix, worauf sie sich viel zu Gute that, drückte Beiden die Hand und verließ eilig die Stube.
Die kleine Vera hatte mittlerweile das ganze Confect ve speist und unterhielt sich jetzt angelegentlich mit der neuen Puppe.
Natalie küßte sie zärtlich und fragte, ob sie bald wiederkommen solle.
„Gewiß", nickte die Kleine, „willst Du meine Tante sein?"
„Ja, kannst Du hier allein bleiben?"
„Vera ist artig, sie ärgert Mama nicht, auch nicht den Papa."
„Ob sie gar nichts von der todten Mama mehr weist?" fragte Natalie, sinnend auf das Kind blickend,
Vera schaute lebhaft auf.


