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Auch die Anderen stimmten in diese grollende
— Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) t« Gieße«.
Redaktion; A. Scheyda.
Abmahnung. , , t
„Mit Nichten!" rief Hansen. „Gebietet mir das heilige Wort Gottes, daß ich soll Böser mit Bösem vergelten? Was habe ich für Verdienst, wenn dieser Unglückselige vor meinen Augen verdirbt? Und wenn ich ihn rette, so rette ich vielleicht seine Seele. Auch sind noch andere gute Leute an Bord, Väter vielleicht, deren Weiber und Kinder daheim ängstlich ihrer Wiederkehr harren. Ich muß hinüber!"
„Willst Du Dein eigenes Leben auf'» Spiel setzen, Hansen? Die See wettert furchtbar I Niemand mag die Gefahr mit Dir theilen!" riefen die Fischer von allen Seiten.
Der Lootse aber ließ sich nicht halten.
„Ich will Gott dankbar sein, daß er mich errettet hat, indem ich Andere rette", sprach er und stieß allein vom Ufer, während einige von den Fischern ihm ängstlich nachschauten, andere nach Rettungs- seilen liefen, noch andere aber ihre Boote und Netze in Sicherheit brachten.
Zum zweiten Male voll Angst, ihren väterlichen Beschützer zu verlieren, stand Röschen am Strande und verfolgte Hansens Boot mit den Augen. Dieser ruderte kräftig auf die Barke zu, sah aber mit Erstaunen, daß sie auf einer Seite lag und eine winzige Schaluppe mit nur zwei Menschen von rhr abftieß, während zehn bis zwölf Andere mit emporgestreckten Armen auf dem Schiffsrande standen und durch den heulenden Sturm um Hilfe schrieen. Jeden Augenblick drohten die empörten Wogen das Lootsenboot wie eine Nußschale zu begraben, aber Hansen fürchtete, obwohl ganz durchnäßt, dies Unglück weniger als die Wahrscheinlichkeit, daß alle Paffagiere sich auf sein Boot stürzen und e» durch ihre Schwere zum Sinken bringen würden.
Halb ermattet erreichte er nach unsäglichen Anstrengungen da» Wrack und was er befürchtete geschah. Neun Paffagiere, wovon einer ein Kind auf dem Arme trug, warfen sich, aller Bitten und Drohungen ungeachtet, in sein Boot, und da er an Bord nur noch ein Weib und einen Knaben zaudernd und Hilfe flehend sah, so nahm er, voll Mitleid Alles aus's Spiel setzend, auch noch diese auf und wendete da» schwergefüllte Boot nach dem Strande.
Der Kampf dieser Fahrt war entsetzlich. Zu der Angst vor dem jeden Augenblick drohenden Um- schlage des Bootes, gesellte sich die Kraftanstrengung, welche da» Fortbewegen der schweren Last, das Balanciren gegen Sturzwellen erforderte, die sein Vermögen fast überstieg.
Ein einziges Wesen vom Ufer wagte sich, ange- sichts dieser Gefahr, hinein in den Kampf der Elemente: Röschen, welche, des Fischerhandwerks ge- wohnt, mit einem kleinen Kahne ihrem Pflegevater zu Hilfe eilte. Hansen die» sehend, erlitt doppelte Pein. Er erschrak zum Tode, als er eine riesige Welle über ihr Boot herfallen und es verschwinden sah. Aber Röschen arbeitete sich behend wieder empor und kam endlich dem Lootsen so nahe, daß
sie vier von den Paffagieren aufnehmen konnte. Durch ein Seil mit einander verbunden, erreichten die Boote nach einer qualvollen Stunde den Strand. Die Geretteten fielen, als sie festen Boden erreicht hatten, nieder und umfaßten des Lootsen Knie.
„Sind Alle gerettet?" frug dieser abwehrend.
Ein Kaufmann aus Brügge bekundete, daß der Schiffseigner, Veit aus Nieuport, sich verrätherisch mit dem Steuermann gerettet, im letzten Augenblicke aber einen jungen Mann in die Kajüte gesperrt habe.
Also ein unheimliches Verbrechen? Der Lootse warf sich trotz aller Abmahnungen und seiner Ermattung von Neuem in'» Boot und ruderte dem jetzt dem Strande näheren Wrack zu. Ec hatte dieses noch nicht erreicht, als ein Mensch hastig au» dem Schiffsraum heraufstieg und sich umschaute, in demselben Augenblicke wurde Hansen» Boot von einer Welle begraben; als e» wieder zum Vorschein kam, war es leer. Der Lootse, todesmatt tauchte langsam auf und ward auf den Wogen herumgeschleudert. Da stürzte sich der auf dem Wrack Befindliche in die Fluth, ergriff den Lootsen an den Haaren und schwamm mit ihm an'» User, da« er unter dem Jauchzen der geretteten Paffagiere und Fischer glücklich erreichte.
Kaum ward Röschen des Retters ehre» Pflegevaters ansichtig, so stieß sie einen Schrei der Ueber- raschung aus.
„Wilhelm!" schrieen die Fischer und umringten den jungen Mann, der den Lootsen in seinen Armen hielt. Dieser laute Ruf brachte den Alten wie mit einem Zauberschlage sein Bewußtsein zurück. Er schlug die Augen auf und richtete sich mit dem Kopfe mühsam empor.
„Du bist mein Sohn!" stöhnte er und umfaßte seinen Retter mit beiden Armen.
„Ich bin's", antwortete Wilhelm, „und komme aus Ostindien zurück, zeitig genug, um der Retter meines Vaters zu werden. Aber rasch, den Kranken ins Haus!"
Ec hob mit einem Fischer seinen Vater sanft empor und trug ihn nach dem Dorfe.
Röschen ging ihm zur Seite; die Paffagiere und Fischer felgten, von Rührung ergriffen. An dem bekränzten Erucifix fiel jene» Weib, das der Lootse mit dem Knaben zuletzt noch aufnahm, anbetend auf die Knie und der Lootse flüsterte mit Thränen: „Ich danke dir, daß du mich zum zweiten Male gerettet und glücklich gemacht hast!" Er genas bald, und als er von seinem wiedergekehrten Sohne vernahm, daß dieser nur ausgewandert, weil Röschen sich kalt gegen ihn gezeigt und er zu arm gewesen sei, um ihr etwa» bieten zu können, da wurde sein Glück vollkommen und er fügte die Hände der jungen Leute, die sich und bester verstanden, segnend in einander. , . m
Von dem Schiffseigner Veit, der nach dem Vater auch den Sohn hatte zu Grunde richten wollen, indem er ihn halb erwürgt in die Kajüte warf, ward keine Spur mehr gefunden. Vermuthlich war er ertrunken.


