Ausgabe 
18.9.1886
 
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Maiwind nippte an seinem Glase und blickte sinnend vor sich hin, ein freudiges Lächeln umspielte seine Lippen und au« jedem Zug- seine« heiteren Gesicht« leuchtete da« Glück, da« seine Seele erfüllte.

Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Thaten seh'n!" nahm er nach einer Weile den abgebrochenen Faden der Unterhaltung wieder auf.Wenn sich Herz und Mund thut laben, muß der Magen auch 'was haben, ich schlage ein kleiner, opulente« Souper mit Sekt vor."

Kein übler Vorschlag!" erwiderte Rommel. Wollen Sie da« Souper geben?"

Wir lassen da» Loos entscheiden, wer zahlen muß!"

Wie, wo und wann?"

,,Wa« Du thun willst, da« thue bald morgen Abend im Russischen Hof; man speist dort ausge­zeichnet."

Ohne Damen?" fragte Görlitz.

Wie Sie wollen! Ich denke, wir überlassen es den Damen, darüber zu entscheiden, ob sie sich be- theiligen wollen. Willst Du genau erfahren, wa» sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an."

Einverstanden 1" nickte der Hauptmann und auch Rommel gab seine Zustimmung.

Gut, nun müssen wir noch feststellen, wer die Zeche zahlen soll", sagte Maiwind.Haben Sie Spielkarten?"

Herr von Görlitz erhob sich und trat mit der Lampe in der Hand an seinen Schreibtisch.

Besessen habe ich einmal ein Kartenspiel", er­widerte er,aber ich weiß nicht, ob e« noch existirt." Der Buchhalter stand neben ihm, ein Schubfach nach dem andern wurde geöffnet, alte, vergilbte Papiere, getrocknete Blumen» Cotillonorden und andere Erinnerungen an vergangene Zeiten kamen zum Vorschein.

Halt, da ist ein Würfel", sagte Maiwind, haben Sie noch einen zweiten?"

Nein", erwiderte der Hauptmann in einem so ernstem Tone, daß die Freunde ihn befremdet an­blickten.Ich wünsche auch nicht, daß dieser Würfel benutzt wird."

Nun, der eine genügt ja", sagte Maiwind nach einer kurzen Pause, während er den Würfel über den Tisch rollen ließ.

Jeder wirft zweimal, und wer die meisten Augen bekommt, muß da« Souper geben."

Topp!" nickte der Referendar.Kommen Sie, Herr von Görlitz, dieser Würfel ist ja so gut, wie jeder andere"

Und ich hätte jetzt schon verloren, denn ich habe zweimal nacheinander Sechs geworfen."

Der Hauptmann hatte die Lampe wieder auf den Tisch gestellt, eine tiefe Furche zeigte sich zwischen seinen zusammengezogenen Brauen.

Ich gebe nicht gern Ihrem Willen nach", sagte er.Wir können das Loos ja in anderer Weise entscheiden lassen."

Sieh' da, sieh' da, Timotheus, immer Sechs!"

rief Maiwind überrascht.Ich kann werfen, wie ich will, stets liegt die Sechs oben. Wer erklärt mir Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur?"

Was sagen Sie da?" erwiderte der Hauptmann erregt, indem er hastig den Würfel aufhob.

Wenn's Wahrheit ist, dann muß der Würfel gefälscht sein", sagte der Referendar, das Resultat des Wurfs mit fieberhafter Spannung erwartend. Wieder Sechs und abermals Sechs!"

Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!" brummte Maiwind.

(Fortsetzung folgt.)

Der Lootse.

Eine Gtrandgeschichte. (Schluß).

Er hatte Recht. Noch vergoldete zwar die unter­gehende Sonne die Fenster mit ihren röthlichen Strahlen, aber am südlichen Himmel zeigten sich bereit« die verhängnißvollen Federwolken, die sich mit Blitzschnelle verdichteten und wie ein wilde« Heer durch die Lüfte heranzogen. Da war für die Fischer, deren Äement die See, kein Bleiben« mehr; sie gingen nach dem Strande und Hansen instinkt­mäßig voran. Da« Meer ging bereits hoch. Die Wellen schlugen mit weißem Schaum prasselnd an die Dünen und verkündeten jenen furchtbaren Auf­ruhr, der sich im Canal so oft wiederholt. Kaum eine Viertelstunde später raste der Sturm in seiner vollen Kraft über die weite Wasserfläche hin und thürmte Wogenberge aufeinander. In der Ferne zeigte sich ein Schiff, dessen obere Segel bereit« ge­refft, während die unteren in Bündel geknüpft waren. Der wilde Gesell der Lüfte, der in einer Secunde eine Strecke von hundert Fuß durcheilt, hatte die« Fahrzeug schon erreicht und warf e» wüthend hin und her. Der Steuermann hielt kräftig auf Nieuport, aber die Gewalt des Sturme« war zu groß, als daß fein Cour« unverändert hätte bleiben können. Das Schiff trieb gegen den Strand oberhalb Nieuport.

Da ist Gefahr im Anzuge", sprach Hansen ernst;da« Fahrzeug ist eine Segelbarke vielleicht ein belgisches Marktschiff, da« von London kommt. E« muß etwas Besonderes damit passirt sein, denn ich sehe soeben, daß die Raaen heruntergenommen und die Masten gekappt werden. Die Barke schöpft Wasser; man wirft Packete aus. Menschen stehen am Steuerbord. Helf Gott! sie sind noch drei Viertelmeile vom Lande."

Mit diesen Worten ging der Lootse, von einigen Männern gefolgt, an'S Ufer, um sein Boot loszu­machen, obschon man ihn ermahnte, seiner zu schonen.

Halt!" rief plötzlich ein Fischer von der hohen Düne herab;ich erkenne deutlich Veits Barke. Für den Hund rührt keinen Finger; mag er ersaufen und so den Lohn finden für seine Schändlichkeit.