Ausgabe 
18.5.1886
 
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Aber Alfred, wie häßlich! Jetzt thust Du, als wüßtest Du von nichts; wir sind doch heute Abend zu Röders eingeladen!"

Liebes Kind, verschone mich, Du weißt, wie unsympathisch mir die Mädchen sind!"

Aber sie haben eben eine reizende Cousine zum Besuch, und ich bin fest überzeugt, Paula Forster wird Dir außerordentlich gut gefallen."

Schwesterlein, Du weißt, ich bin ein unver- besierlicher Junggeselle, es lohnt sich also nicht der Mühe, zu Röders zu gehen, um Fräulein Forster zu sehen, selbst wenn sie ein vollendeter Engel wäre!"

Aber dann kann ich auch nicht gehen!"

Ach so, das ist die Geschichte! Du brauchst einen Cavalier! Nun beruhige Dich, Lottie, ich werde Dich begleiten."

O Du lieber, guter Alfred", rief sie und küßte mich.

Schon gut, ich muß jetzt fort!" Und ich eilte durch den Garten auf die Straße.

Trotzdem wir ziemlich weit von der Stadt und namentlich von meinem Geschäftslocal wohnen, lege ich den Weg dorthin gewöhnlich zu Fuß zurück. Ich hatte jedoch kaum den Garten verlaffen, als es anfing, heftig zu regnen. Ich warf einen fragenden Blick gen Himmel: alles grau! Mein Regenschirm stand im Geschäft und mein neuer Strohhut kam heute zum ersten Male an die Luft. Was thun?

Wie zur Antwort auf diese Frage bog eben ein Trambahnwagen um die Ecke, den ich mich rasch entschloß, zu benutzen. Gedacht, gethan: ein Sprung, und ich stand auf der Plattform. Doch auch hier machte sich der Regen unangenehm bemerkbar, und ich trat in das Innere des Wagens, wo noch ein Platz an der Thüre frei war.

Ich griff in die Tasche, um das Geld bereitzu­halten, sobald der Conducteur käme; da entdeckte ich zu meinem Entsetzen, daß ich meine Börse zu Hause gelassen. Meine peinliche Verlegenheit kann sich wohl Jeder vorstellen; rathlos sah ich mich um, ob ich nicht ein bekanntes Gesicht entdecken könne, doch umsonst. Die einzigen Insassen des Gefährtes waren mehrere Landfrauen mit Körben, eine Amme mit einem Baby und eine junge Dame in schwarzem Kaschmir, die einen dichten Schleier vor das Gesicht gezogen hatte. Von diesen konnte ich doch keine ansprechen. Es blieb mir also nichts übrig, als wieder auszusteigen, und ich war im Begriff, dies zu thun, als die junge Dame dem eben eintretenden Conducteur das Zeichen zum Stillhalten gab und sich erhob. Ich blieb noch einen Augenblick sitzen, um sie vorüberzulassen; da, als sie vorüberstreiste, legte sie leise die Hand auf die meine, und ich fühlte deutlich, wie etwas Hartes zwischen meine Finger glitt. Erstaunt blickte ich hin und bemerkte eine kleine Silbermünze. Ich sprang auf; aber schon hatte sich der Wagen wieder in Bewegung gesetzt, und ich sah nur noch die flinke Figur des Mädchens in einer Seitenstraße verschwinden.

Sie mußte meine Verlegenheit beobachtet haben und in der Güte ihres Herzens wollte sie mir helfen. So wie es gemeint war, nahm ich es auch auf. Voll Dankbarkeit bezahlte ich den Conducteur und als ich das Kleingeld, das er mir zurückgab, in die Tasche stecken wollte, siel etwas zu Boden, das ich bis jetzt noch nicht bemerkt hatte. Ich bückte mich darnach; es war ein kleiner brauner Glaca- handschuh. Er mußte meiner Retterin entfallen sein; vielleicht stand ein Name darin oder sonst ein Zeichen, das mich auf ihre Spur führen konnte. Das mußte ich untersuchen; doch nicht hier. Leise ließ ich den Handschuh in meine Tasche gleiten und zog ihn erst auf meinem Bureau wieder heraus. Doch meine Hoffnung hatte mich betrogen, ich fand nicht das Geringste, das mich meinen schönen Schutz­engel hätte entdecken lassen können, denn schön mußte sie ja sein, das stand bereits bei mir fest.

Thut nichts, ich werde ihn behalten", dachte ich, vielleicht begegnet mir das Mädchen doch noch ein­mal und dann kaufe ich ihr ein Paar neue. Hätte ich nur ihr Gesicht gesehen!"

Meine Aufmerksamkeit war an diesem Tage nur sehr wenig bei meinen Büchern; wohin ich blickte, tauchte die schlanke Gestalt des jungen Mädchens vor mir auf, und obgleich ich weder ihr Gesicht ge­sehen, noch ihre Stimme gehört, so fühlte ich dennoch alle Anzeichen heftigen Verliebtseins.

Am Abend mußte ich meine Schwester zu der Gesellschaft bei Röders begleiten. Die Zimmer waren dicht voll Menschen und die beiden Töchter häßlicher als je.

Kaum waren wir eingeireten, so kam Anna Röder mit einer schlanken, blonden junge Dame auf mich zu, die sie mir als Fräulein Forster vor­stellte.

Ich verneigte mich natürlich sehr höflich; doch kam es mir vor, als ob die junge Dame erröthe. Ich konnte mir nicht denken warum. War sie sehr schüchtern, oder hatten die Röders sie auf mich als gute Parthie aufmerksam gemacht? Es sah ihnen ähnlich; doch das Mädchen gefiel mir, hauptsächlich weil sie in der Statur einige Aehnlichkeit mit meinem Schutzgeist von heute Morgen hatte. Ich fühlte mich unwillkürlich zu ihr hingezogen; doch sie blieb sehr scheu, was mich um so mehr frappirte, als sie im Umgang mit Andern sehr heiter, ja manchmal fast ausgelassen war.

Wie hat sie Dir gefallen?" fragte Charlotte beim Nachhausefahren.

Wer?"

Nun, Fräulein Forster natürlich."

O, recht gut", erwiderte ich laut, während ich im Stillen dachte:Hätte ich sie früher gesehen, so hätte ich mich vielleicht mehr für sie interessiren können; doch jetzt erfüllt mich nur noch der Gedanke an die reizende Besitzerin des kleinen braunen Hand­schuhs. Wenn ich mich je verliebe, so kann nur sie der Gegenstand meiner Neigung fein."

Nun, was ich versäumte, that meine Schwester