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geben wir ihm zwei volle Monate zum Verhungern, dann ist er sicher tobt. Und wenn dann sein Vater sieht, daß er es ist, wird er als kluger Mann die vollendete Thatsache acceptiren und seinen unzeitigen schrecklichen Tod beklagen, aber nicht rächen."
Diese Gedanken kamen Duprat, als er nach den Arbeitsstunden allein in seinem Zimmer verweilte. Es war jetzt gegen Abend und Etwold war ausgefahren; er hatte also eine Störung von diesem nicht zu fürchten gehabt. Eine solche kam ihm von einer anderen Seite.
Jonas kani nach sanftem Pochen in seiner schleichenden Manier herein und meldete mit vieler Heimlichkeit, daß draußen Jemand sei, der sich durchaus nicht abweisen lassen und ihn allein sprechen wolle.
„Doch nicht derselbe Mann", fragte Duprat erschreckt, der mich schon einmal drüben im Büreau aufsuchte und auch von Ihnen herein gelasien wurde?"
„Wie würde ich denn!" entgegnete Jonas. „Ich hätte ihn, den Verrückten, einfach der Polizei übergeben. Ein wenig verrückt sieht mir der Alte nun auch aus, so eine König Lear-Gestalt. Aber weiß der Henker, er imponirt mir trotz seiner Lumpen irgendwie, und mir ist, als wenn ich ihn schon ein- mal wo gesehen und in besseren Verhältnissen gekannt hätte."
„Und er will seinen Namen nicht nennen?"
„Nein."
„Beschreiben Sie mir seine Person."
Jonas that es.
Nun wußte Duprat, daß es Riston war. Er gab sich Jonas gegenüber aber das Ansehen, als kenne er den Anderen nicht.
„Ein zweiter Irre wird es nicht sein", sagte er, gezwungen scherzend.
„Vielleicht aber ein heimlicher Bote von dem verschwundenen Herrn Eduard?" wagte Jonas bescheiden in Erwägung zu bringen.
„Ein glücklicher Einfall", sagte Duprat auf- athmend. „Ich bin sogar überzeugt, daß Sie Recht haben, Ionas. Lasten Sie den Mann sofort herein. Unser Herr Eduard hatte ja leider immer so plebejische Neigungen. Um so mehr Veranlassung für Sie, draußen auf dem Corridor Wacht zu halten und jeden sich unvorsichtig Nähernden aufzuhalten. Gehen Sie!"
Und Jonas beeilte sich, seinen Auftrag auszuführen.
Duprat zeigte dem eintretenden Riston ein unfreundliches Gesicht.
"Was wollen Sie?" fragte er ungehalten. „Mich aus meiner Stellung verdrängen?"
Riston hatte zuerst neugierig und dann zufrieden umhergeblickt. Er mochte sich nun wohl sagen, daß Duprat geeignet sei, ihm gegebenen Falles Dryden zu ersetzen. Die um den bescheidenen jungen Prokuristen ausgestreute Pracht war wahrhaft fürstlich.
„Wenn ich das gewollt", entgegnete er auf ]
Duprat's unwirrsche Frage, „würde ich wohl eine andere Tageszeit gewählt und direkt zu Ihnen gekommen sein. Im Gegentheil, aus innerster Be- sorgniß um Sie, mein lieber, junger Freund, komme ich. Man ist uns auf der Spur, und jede Stunde kann Entdeckung bringen."
„Ach so, Sie meinen wegen des von Dryden verlorenen Portefeuilles", sagte Duprat leicht, „welches den uns verfolgenden Polizisten in die Hände gefallen, die dann auch die Banknoten richtig als gefälschte erkannten. Sie kommen mit Ihrer Nachricht post festum, Alter; das ist für uns hier oben schon ein überwundener Standpunkt, während es Ihnen, dem Höhlenmenschen, allerdings noch neu sein mag."
„Scherzen Sie nicht. Sie wissen das Aergste noch nicht", entgegnete Riston erregt.
„Daß Dryden geflohen, nachdem er mich um mein ganzes Vermögen beraubt. Auch das weiß ich."
„Sehen Sie, das ist mir neu;" und ich be- daure diese Schurkerei Drydens um so mehr, als es Ihnen selbst die Flucht unmöglich macht, ohne ein neues gewagtes Verbrechen zu begehen, vor dem ich Sie gern bewahrt hätte."
„Die Flucht?"
Duprat trat erbleichend zurück.
„Ich fürchte, es ist das Einzige, was Sie noch retten kann."
„Ist Dryden gefangen? Hat er —"
„Nein, aber die Münze in den Katakomben ist gefunden und entführt worden."
„Alle Wetter! Wer hat uns das gethan? Dryden?"
„Wer sonst als die Polizei."
„Die Polizei? Und wie ist es geschehen?"
„Es war heute gegen Morgen. Ich stand gerade im Begriff einen Gang nach der Münze zu machen, als es um mich her lebendig wurde in einer Weise, daß ich selber Angst bekam, aber nicht wegen der etwa wieder lebendig gewordenen Todten, sondern weil eine größere Anzahl von Beamten die Katakomben durchsuchten. So viel verriethen mir die ersten vernommenen Anrufe. Ich zog mich sofort mit aller Heimlichkeit und Eile nach der Pforte zurück, die ich hinter mir verschloß. An ihr lauschte ich dann, jeden Augenblick der Entdeckung gewärtig und bereit, das Haus durch die andere Thür zu verlassen." (Fortsetzung folgt.)
Wertoren — Gefunden.
Von Leo Sonntag.
„Nicht wahr, Alfred, Du gehst mit, heute Abend?" fragte meine Schwester Charlotte. Sie war mir an die Hausthür gefolgt, wo ich einen Augenblick stehen blieb, um meine Handschuhe anzuziehen.
„Mit wohin, Lottie?"


