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gründlich. Sie verliebte sich in Fräulein Forster bis über die Ohren und bald waren die beiden unzertrennlich. Entweder Charlotte war bei ihr, oder Fräulein Forster bei uns, und ich muß gestehen, es war mir nicht unangenehm, wenn ich Abends vom Bureau nach Hause kam und sie da vorfand.
Ich suchte mich zwar zu überreden, daß sie mir gleichgültig sei; doch wenn ich wußte, daß sie bei meiner Schwester war, hatte ich im Geschäft immer sehr wenig zu thun, so daß ich früher nach Hause kam als gewöhnlich und wenn die Mädchen Spaziergänge machten, wußte ich es stets so einzurichten, daß meine Zeit mir erlaubte, sie zu begleiten.
Eines Morgens kam Paula mit der Bitte zu meiner Schwester, ihr bei einigen Einkäufen behilflich zu sein; Charlotte aber überredete sie, zum Mittagessen dazubleiben, und erst dann zu gehen, so daß ich das Vergnügen hatte, sie zu treffen, als ich um zwölf Uhr kam.
Nach Tisch machten sich die beiden Mädchen zum Ausgehen bereit. Fräulein Forster trug ein hübsches Costüm aus weichem braunem Wollenstoff und einen paffenden Strohhut. Lachend zog sie ein Paar schwarze Handschuhe an und sagte zu Charlotten:
„Sieh nur, Lottie, wie hübsch die paffen! Ich hatte ein Paar braune zu diesem Anzuge und habe neulich den einen verloren. Heute will ich mir aber ein Paar neue kaufen!"
Ich horchte hoch auf. Charlotte ging gerade aus dem Zimmer, um etwas zu holen und rasch entschlossen trat ich auf Fräulein Forster zu:
„Wissen Sie, wo Sie Ihren Handschuh verloren haben, Fräulein?" fragte ich.
„Nein", versetzte sie ganz unbefangen. „Ich hatte den einen ausgezogen, weil ich Geld aus meiner Börse nehmen wollte, und vermißte ihn erst, als ich nach Hause kam. Warum fragen Sie, Herr Soldan?
„War es an einem regnerischen Morgen?" fuhr ich fort, ohne auf ihre Frage zu achten.
„Ja", war die Antwort, und eine glühende Röthe bedeckte plötzlich das ganze Gesichtchen.
„Nun, dann will ich Ihnen sagen, warum ich gefragt", fagte ich, indem ich mich zu ihr niederbeugte.
„Es sind ungefähr vierzehn Tage her, da fand ich in einem Trambahnwagen einen kleinen braunen Damenhandschuh; sollte das der Ihre sein?"
Paula erröthete noch tiefer als vorher.
„War es der Ihre, Paula? Waren Sie der Engel, der mich aus der peinlichsten Verlegenheit erlöste? Ja? Und darf ich heute Abend zu Ihrer Tante kommen und Ihnen den verlorenen Handschuh zurückbringen?"
„Ja", entgegnete sie leise, und da in demselben Augenblicke Charlotte in das Zimmer trat, so sprach ich kein Wort weiter.
Am Abend aber machte ich einen Besuch bei Röder's; anstatt jedoch, wie gewöhnlich, nach den Damen zu fragen, fragte ich heute nur nach Fräulein Forster.
Sie kam sogleich in den Salon, und wir unterhielten uns zuerst über gleichgültige Dinge; trotzdem war sie verlegen und beantwortete meine Fragen sehr zerstreut. Als die Unterhaltung so gar nicht in Fluß kommen wollte, zog ich den Handschuh aus meiner Tasche, reichte ihr denselben und fragte:
„Ist das der Ihre, Fräulein Forster?"
„Ja, aber ich begreife immer noch nicht, wo Sie ihn gefunden haben."
„Das will ich Ihnen sagen. Et fiel in meinen Schooß, als Sie mir die zarteste Aufmerksamkeit erwiesen, die mir je widerfahren".
„Ich versichere Sie, ich hatte keine Ahnung, wer Sie seien; ich sah nur, daß Sie ein Gentleman waren, — und ich bedauerte Sie, — und ehe ich recht überlegt hatte, was ich that, war es geschehen! Was mögen Sie gedacht haben?"
„Ich war Ihnen von Herzen dankbar, Paula, und habe mir die größte Mühe gegeben, meine Retterin ausfindig zu machen, doch umsonst; denn ich hatte ja Ihr Gesicht nicht gesehen."
„Ich erkannte Sie sofort wieder, Herr Soldan, als Sie mir den Abend vorgestellt wurden, und ge- rieth in die grenzenloseste Verlegenheit. Sie hatten mich gewiß für sehr aufdringlich gehalten!"
„Aufdringlich! Paula, sagte ich Ihnen nicht, daß ich Ihre zarte Aufmerksamkeit verstand? Und ich will noch etwas hinzufügen. Ich, der erklärte Junggeselle verlor an jenem Morgen mein Herz an die Unbekannte. Doch es wäre wohl noch zu retten gewesen, wenn ich keine Spur von ihr gefunden. Jetzt aber, da ich erfahren,, daß die Retterin im Trambahnwagen und das liebliche Mädchen, das ich seit vierzehn Tagen kenne, eine und dieselbe Person sind, jetzt ist es unwiderbringlich verloren; es müßte denn sein, Sie wollten es mir zurückgeben. Wie ist es Paula? Ihren Handschuh habe ich Ihnen wieder gegeben, was werden Sie mit meinem Eigenthum anfangen? Werden Sie es behalten?"
Paula lächelte erröthend, .dann sagte sie leise: „Wenn es Ihnen einerlei ist, möchte ich es behalten."
„Einerlei!" rief ich und zog das Mädchen an mich, „nein, Paula, einerlei ist es mir nicht, ganz gewiß nicht; . denn ich will es nicht wiederhaben. Aber das Deine mußt Du mir dagegen geben; willst Du, Liebchen?"
„Was Paula darauf antwortete, will ich noch erzählen, daß Charlotte über die vertrauliche Mittheilung, die ich ihr beim Nachhausekommen machte, entzückt war und daß wenigs Tage später unsere Bekannten durch hübsch lithographirte Karten überrascht wurden, auf denen zu lesen stand:
Paula Forster Alfred Soldan Verlobte.
Die Geschichte von dem kleinen braunen Handschuh aber haben wir Niemanden verrathen, nicht einmal meiner Schwester.
Nedaetion: A. Sche,da. — Druck und Verlag der Brühlschen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


