nachdem er von dem dargebotenen Glase einen Schluck genommen hatte. „Bald verschafften sie sich bei Bankiers durch gefälschte Cheks Geld, bald traten sie in Gestalt von Bauernfängern auf, bald Wieder mischten sie sich mit Geschick in die Kreise der Aristokratie und entpuppten sich als ausgefeimte Hochstapler und Wechselfälscher. Mit ganz ungewöhnlicher Schlauheit wußten sie sich allen Nachforschungen zu entziehen, durch gelegentliche Mittheilungen und Geständniffe anderer zur Haft gekommener Verbrecher erfuhren wir aber nach und nach wenigstens so viel, daß die eigentliche Seele der Bande den Namen „Fuchs" führe, ein anderes hervorragendes Mitglied derselben aber in der Gaunerwelt unter der Bezeichnung „rother Heinrich" bekannt sei. — Unser Augenmerk mußte nun darauf gerichtet sein, das Local ausfindig zu machen, wo sie ihre Zusammenkünfte hielten, denn daß auch diese Bande ihren Schlupfwinkel haben mußte, stand für uns außer Frage. Nur war es schwer, gerade bei diesem Consortium das Richtige zu treffen, denn Hochstapler und Fälscher verkehren mit Vorliebe gerade in den feinsten Localen, weil sie dort eher geeignete Opfer finden. Mir war der Auftrag geworden, Alles aufzubieten, um diese gefährliche Bande aufzuheben, aber so sehr ich mich auch abmühte, und so lebhaft ich auch den ganzen, der kriminalistischen Thätigkeit zur Verfügung stehenden Apparat benutzte, ich gelangte zu keinem Resultate. Offenbar wechselten sie häufig ihren Aufenthalt, um die Polizei irre zu führen. — Da fand vor Kurzem der räuberische Anfall auf den Legationssekretär Herrn von Sohr statt, welcher bekanntlich auf der Heimkehr von hier nach der Stadt von drei Strolchen angehalten, und schwer verletzt wurde. Die begleitenden Umstände waren so eigenthümlicher Art, daß man auf die Vermuthung kommen mußte, es sei weniger auf den Raub, als etwa auf einen Racheact abgesehen gewesen, denn die Verbrecher hatten sich damit begnügt, dem Angefallenen Uhr und Börse abzünehmen, sonst aber ihn unbehelligt gelassen, obwohl Herr von Sohr noch eine Brieftasche mit einer ansehnliche Summe in Banknoten bei sich führte. Der Vorfall lenkte die Aufmerksamkeit der Behörde auch auf Ihre Villa, Herr Baron, und die bei Ihnen verkehrenden Persönlichkeiten, und man beschloß auf diese letzteren ein wachsames Auge zu haben. Außerdem aber gab er erneute Veranlassung, die Thätigkeit der berufenen Organe aufs Aeußerste anzustrengen, um endlich das Dunkel zu lichten, welches auf diesem und noch verschiedenen anderen Vorkommnissen ruhte. — Zu den verschiedenen, der Polizei bekannten Localen, in denen allerhand verdächtiges Gestndel verkehrt, gehört auch der sogenannte Löwenkeller, eine Kneipe untergeordnetsten Ranges in einer entfernten Vorstadtgasse. Es wurde beschlossen, während einer bestimmten Nacht in einer größeren Anzahl der berüchtigtsten dieser Locale gleichzeitig eine Razzia zu veranstalten und die darin befind
lichen Gäste ohne Ausnahme aufzuheben und zu sistiren. Mir wurde der Auftrag, die Expedition im Löwenkeller zu leiten. Mit hinreichender Mannschaft versehen, begab ich mich nach Mitternacht in die Nähe der Kneipe; meine Leute waren, um kein Aufsehen zu erregen, zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedenen Wegen vorausgeeilt, und harrten des verabredeten Signals, eines Pfiffes mit dieser kleinen Pfeife, um gleichzeitig aus ihren Verstecken hervorzubrechen und in den Keller einzudringen. Alles ging vortrefflich; die Ausgänge waren von Bewaffneten besetzt, ein Entrinnen war also unmöglich. Als wir plötzlich in den Raum einstürmten, verlöschten sofort die Lampen, aber wir waren darauf Zefaßt, und zündeten in demselben Augenblicke die mitgebrachien Laternen an. „Niemand rühre sich von der Stelle!" donnerte ich den Anwesenden zu, von denen die meisten den Moment der Finsterniß zu benutzen suchten, um zu entschlüpfen. Gruppenweise ließ ich die Gefangenen durch meine Leute abführen und in Gewahrsam bringen, überzeugt, daß wir an diesem Abend manchen längst Gesuchten in unsere Gewalt bekommen hatten. — Von allen den Leuten, die wir im Löwenkeller abfaßten, interesstrke mich keiner, mehr, als ein stämmiger Kerl mit einem großen rochen Vollbart, und mir kam sofort der Gedanke, daß dies möglicherweise der „rothe Heinrich" sei. Um mir darüber Gewißheit zu verschaffen, nahm ich ihn noch in derselben Nacht mt Amtsstelle vor und nannte ihn aufs Gerathewohl bei diesem Gauner- namen. Zu meiner Freude bemerkte" ich, wie er von dieser Anrede augenscheinlich überrascht und verblüfft wurde und in sichtliche Verlegenheit gerieth; jetzt war ich meiner Sache gewiß, ich hatte den Gesuchten endlich gefunden. — Ich will Sie nicht ermüden mit der Erzählung der Verhöre und der verschiedenen Manipulationen, durch welche es gelang, dem Ge- fangenen ein umfassendes Geständniß abzulocken, jedenfalls aber glaubte er durch ein solches seine eigene Strafe bedeutend herabzumindern. Durch ihn erfuhren wir, daß „Fuchs" der eigentliche Anstifter des Ueberfalles gegen Herrn von Sohr sei, um ein Duell, das er mit diesem contrahirt, unmöglich zu machen."
„Dieser Gauner ein Duell mit dem Legationssekretär?" fragte der Baron verwundert, „wie ist das möglich?"
„Ganz einfach, Herr Baron", versetzte der Beamte, „denn der Mensch, welcher unter dem Namen „Fuchs" sein Wesen trieb, und Herr von Brehmer ist ein und dieselbe Person!"
Ein Ausruf des Erstaunens und Schreckens, von den Anwesenden zugleich ausgestoßen, wurde hörbar. Unwillkürlich faltete Liesbeth die Hände und ein leises Zittern durchrieselte ihre ganze Gestalt.
(Schluß folgt.)
Redactisn: A. Schema. — Druck und Verla- der Brühl'schon Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


