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g eblieben sind. Wir setzen nicht den geringsten Zweifel in Ihre persönliche Ehrenwerthigkeit, aber wie mir Herr Asiessor Soltmann hier versicherte, hat Ihre Früulein Tochter, was Ihnen und auch mir entgangen, an der Leiche des Ermordeten eine Bewegung gemacht, welche darauf schließen läßt, daß sie denselben gekannt und jetzt wiedererkannt hat. Weit entfernt, die wohlerzogene, tugendhafte Tochter eines so ehrenwerthen Mannes mit einem so scheußlichen Verbrechen in Verbindung bringen zu wollen, müssen Sie doch zugeben, daß es für uns von der allerhöchsten Wichtigkeit ist, zu ersehen, wer der Ermordete gewesen."
„Und weiter habe ich Ihre Fräulein Tochter auch nichts fragen wollen", mischte sich hier Soltmann in das Gespräch.
Wäre die Scene mit dem rot Heu Mathies nicht vorausgegangen, so würde Etwold jetzt noch einmal aufgebraust sein; aber diese Beobachtung Soltmanns war ja gewissermaßen eine amtliche Bestätigung dessen, was jener gesehen haben wollte, und so gab Etwold nur seiner Bestürzung über eine solche Ver- muthung Ausdruck.
„Dies überrascht mich wirklich", sagte er, „um so mehr als die amtliche Stellung des Herrn Assessors den Gedanken an eine Gehässigkeit gegen mich oder meine Tochter nicht aufkommen läßt."
„Aber Herr Kommerzienrath —" wehrte hier Soltmann entrüstet ab.
„Nicht auskommen läßt, sagte ich", wiederholte jener. „Es wäre doch sehr, sehr merkwürdig" — dies sagte er spöttisch — „wenn meine Tochter Jemanden so gut kennen sollte, den ich noch nie gesehen habe, zumal, wenn der Betreffende aus fernen Landen —"
Es zuckte etwas über des Kommerzienraths Gesicht, das ganz wie blitzartig auflcuchtendes Erinnern aussah; er schwieg plötzlich wie über seine eigenen Worte erschreckt und wandle sich nur zu bereitwillig nach der Thür, wo eben schüchtern geklopft wurde.
Es war der Vüreaudiener Jonas, welcher sehr verlegen schien und den Herrn bat, auf einen Augenblick herauszukommen.
Aber Etwold fühlte die Blöße, die er sich mit seiner plötzlich abgebrochenen Rede gegeben hatte, und er war nicht Willens, die Herren ihre Meinung darüber austauschen zu lassen.
Er fragte schroff, was es denn wieder gäbe, und ob er nicht einmal fünf Minuten fortbleiben könne.
Jonas erwiderte: „Herr Merkel bittet höflichst um Bescheid, wo der Herr Kommerzienrath das Geld hingelegt haben. Der Wechsel wird soeben präsentirt."
„Die dreizehntausend Mark?" sagte Etwold ärgerlich. „Ich sagte dem Herrn Kassirer schon, daß sie auf meinem Büreautisch liegen."
„Uni Vergebung, Herr Kommerzienrath", wandte Ionas ein. „Herr Merkel hat das Geld dort nicht gesehen."
„Es liegt aber dort", beharrte Etwold. „Ich selbst habe es, gleich als ich ins Comtoir kam, dahin gelegt, die genaue Summe in Gold und Banknoten. Herr Merkel soll genauer Hinsehen und mich nicht weiter inkommodiren."
Der Diener ging; der Sanitätsrath, welcher so lange in frostiger Reserve im Zimmer _ verblieben war, nahm die Gelegenheit wahr, um sich zu verabschieden und nochmals die größte Ruhe für Klara zu empfehlep, da ein Nervenfieber zu befürchten stehe. Etwold blieb mit den beiden Beamten allein.
' „Sie sprachen von fernen Landen, Herr Kommerzienrath", nahm Soltmann das Gespräch, wieder auf. „Es trifft das merkwürdiger Weise mit meiner eigenen Beobachtung überein. Aus welchem Grunde vermuthen Sie denn, daß der Ermordete ein Ausländer sei?" Sein dunkles Auge ruhte voll auf dem Gesicht des Kommerzienraths. .
„Ich?" erwiderte dieser in einiger Verlegenheit. „Ich glaube, Jemand sagte es, daß es ein Ausländer sei."
„Wer sagte es?"
,Wer? Nun jedenfalls Jemand in meiner Umgebung. Ich hörte es sagen. Uebrigens machte die Erscheinung des Ermordeten auch auf mich einen fremdländischen Eindruck."
„Ohne Zweifel" sagte der Kommissär, „haben wir es hier mit Jemand von jenseits des Oreans zu thun. Ich glaube, es klopft wieder, Herr Kommerzienrath."
„Herein!" rief dieser.
Ionas präsentirte sich wieder, noch verlegener als vorhin.
„Nun?" fragte Etwold ungehalten.
Der alte Mann zuckte bedauernd die Achseln.
„Nicht da, Herr Kommerzienrath", sagte er. —
„Wcrs nicht da?"
„Das Geld."
„Sie meinen?"
„Die Dreizehntausend —"
Der Kommerzienrath machte eine heftige Bewegung. „Sind das Herrn Merkels Worte, die Sie mir überbringen?" fragte er.
„Mit aller Bescheidenheit — ja", lautete die servile Antwort.
(Fortsetzung folgt).
Wach hohem Ziel.
Novelle von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
„Es war der Kriminalpolizei längst bekannt, daß in unserer Stadt eine Bande von Gaunern ihr Wesen trieb, die in verschiedener Form allerhand I Betrügereien ausführte", erzählte der Commiffär,


