Ausgabe 
18.2.1886
 
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Hießener Jamilienbläüer.

Belletristisches Beibiatt MW Gießener AnMiger- M. 21. Donnerstagden 18"Februar."..... 1886.

Wie Jasschmünzer.

Criminal-Roman von Gustav Lössel.

(Fortsetzung).

Soviel zur Charakteristik der beiden Männer, welchen in unserem Roman noch große Aufgaben vorbehalten sind. Soltmann stand am Anfänge seiner Karriere, Neubert am Ende derselben.. Zwischen Beiden herrschte das schönste Einverständniß, wes­halb man sie auch meistens gemeinschaftlich operiren ließ.

Während Neubert noch nach den Räumlichkeiten des Hauses und auch ganz nebenher nach dem Zimmer des rothen Mathies forschte, befand sich Etwold schon auf dem Wege nach demselben. Er blickte dabei scheu um sich, rote um von Niemand gesehen zu werden. Nach einem solchen Auftritt und einer solchen Behandlung des rothen Mathies konnte dies auch wohl kaum anders sein, wußte der Kommerzienrath doch nicht, ob nicht Jemand sie be­lauscht oder Mathies schon erzählt hatte, was zwischen ihnen vorgefallen war. Warum ließ er den Mißhandelten aber nicht rufen warum suchte er ihn auf, der stolze unnahbare Mann, der selbst für Seinesgleichen nicht immer zu sprechen war. Gedachte er vielleicht Mathies durch Geld zum Schweigen über das zu bestimmen, was er ge­sehen haben wollte? Wer weiß es! Etivolds Antlitz hatte in diesem Augenblick einen finsteren, ver- grämten, ja, einen recht menschenfeindlichen Ausdruck.

Wenig benutzte Gänge und ein alle Thüren er­schließender Hauptschlüssel ermöglichten ihm, unge­sehen bis vor das Zimmer des rothen Mathies zu gelangen, welches weiter hinten auf demselben Flügel lag wie die Büreaux.

Hier erinnerte nichts mehr an die Pracht des Vorderhauses. Die Wände waren weiß getüncht und kahl, die kleinen auf den Hof hinausgehenden Fenster bestanden aus Scheiben von grünlichem Glas und waren zum Theil mit Papier verklebt; die Decke war niedrig, der Fußboden ausgetreten und unsauber.

Dieses beobachtete Etwold mit unverhohlenem Mißbehagen, während er sich der Thür desKutscher­zimmers" näherte.

Vor dieser machte er Halt.

Ehe er eintrat, warf er noch einen raschen Blick hinauf und hinab, beugte sich lauschend vor und klopfte.

Auch er mochte gewähnt haben, daß Mathies jetzt mit dem Packen seiner Sachen beschäftigt sei; aber er fand sich getäuscht. Auf sein wiederholtes Pochen blieb drinnen Alles still.

Nun drückte er leise die Klinke nieder. Die Thür war unverschlossen, sie ging auf.

Noch einmal blieb er zögernd auf der Schwelle stehen, dann trat er rasch ein und drückte die Thür hinter sich ins Schloß.

Kurze Zeit darauf näherte sich Neubert mit der­selben Heimlichkeit der Thür des Kutscherzimmers. Unweit derselben erhob er sich sogar auf den Zehen und schlich dann einer Katze gleich weiter.

Dennoch war er drinnen gehört worden, und gewiß hatte gerade sein Schleichtritt Verdacht erweckt.

Noch ehe er die Thür ganz erreicht hatte, glaubte er in seiner unmittelbaren Nähe eine andere Thür sich öffnen zu hören, und fast schien es, als wäre dies in dem Zimmer selbst.

Er schritt nun rascher zu und öffnete ohne an» zuklopfen.

Das Zimmer war leer.

Aber da war ja noch eine zweite Thür. Er eilte auf diese zu sie war verschlossen.

Neubert hielt einen Augenblick lauschend den Athem an, und da wollte es lhn bedüuken, als ver­nehme er aus irgend einer Richtung verhallende schleichende Tritte, woher, das vermochte er nicht zu sagen.

Er trat noch einmal auf den Torridor hinaus; aber da war Niemand und Alles still wie zuvor. Gewiß, er mußte sich geirrt haben.__ Dieser Theil des Hauses war sehr alt und baufällig, und es war nicht unmöglich, daß das, was er neben sich zu hören glaubte, aus einer tieferen Etage herauf­schallte, denn das Kutscherzimmer lag in der zweiten.

Ganz gut", murmelte Neubert,daß er nicht da ist; so werden wir gleich einmal ein Bischen visitiren." ~

Indessen begab sich der Kommerzienrath auf einem anderen Wege nach seinem Komptoir zurück. Er mochte sich gesagt haben, daß es nicht Mathies sein könne, der sich so schleichend seinem Zimmer näherte, und was sollte ein Anderer gedacht haben, wenn er ihn da gesehen hätte. Sehr unangenehm schien ihm eine Begegnung mit Jonas am Ueber- gang des alten in das neue Haus; doch nahm er rasch eine möglichst unbefangene Miene an und ging ohne ein Wort der Frage oder Erklärung an Jenem