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Trinksprüchen, die uns von den Vätern überkommen sind, läßt sich auf die Freudigkeit schließen, mit der man in alter Zeit dem Bier- und Weingenuß oblag. Allerdings findet man im Anfang des 17. Jahrhunderts, wo das übermäßige Trinken seinen Höhepunkt erreichte, auch genug Poeten, welche den übertriebenen Genuß tadeln: So meint einer der alten Herrn:
„Das wüste Vieh hält Maß und Ziel,
Säuft nimmer, sonder Durst, zu viel, Der Mensch nur ist so blind und toll Säuft wieder die Natur sich voll."
Dann aber entgegnet ihm ein anderer:
„Seit dem die Räusche aufgekommen, säuft sich keiner mehr voll." Der Wein, der in früheren Jahr- hunderten weitmehr, und bis tief nach Norddeutschland hinein angebaut wurde, als wie in unserer Zeit, hat unter den Poeten stets mehr Verehrer gefunden als das Bier, obgleich auch über den Gerstensaft recht artige Verse uns vorliegen. Schon im siebzehnten Jahrhundert sang man den Vers:
„Daß süße Trauben-Blut
Erwecket Gluth und Muth: Wenn es in Kopf gestiegen, Da bleibet nichts verschwiegen, Da geht das Hertz? loß Da sieht die Wahrheit bloß.
Da sagt der Arm' und Reiche Gebrechen und Gebräuche.
Der beste Probestein
Ist der berauschend Wein.
Er reiset wo da stecken
Die Klugen und die Gecken!
In Summa wo da ist der edle gute Wein,
Da kann man semper lustig, und nunquam traurig sein."
Derselbe, mir unbekannte, Poet nennt den Wein „eine Nestel die Leib und Seele zusammenbandt," und preist ihn vor dem Bier aus vier Ursachen: 1. Weil ihn Gott gebauet; 2. weil er älter sei als das Bier; 3. weil er auch im alten und neuen Testament gelobt wird und 4. weil ihn jedermann mehr liebt und lobt als das Bier.
Jedem Menschen sind nach dem Ausspruch eines anderen alten Poeten drei Trünke vergönnt und zwar:
„Der Erste zum Durst;
Der Zweite zur Lust.
Der Dritte zur Fröhligkeit;
Was darüber bringt Trunkenheit."
Nach der Tonleiter läßt ein Geistlicher des 17. Jahrhunderts, Joh. Feinler, die Zechbrüder trinken, denn in seiner Predigt über Judith und Holofernes sagte er: „Die Zechbrüder sepnd wunder, seltzame Cantores und Musicanten. Bei ihren Saufgelagen fangen sie an zu singen in Ut, indem sie trinken utiliter nützlich! Denn beym Anfänge gehet es noch in etwas fein her, da fallen nützliche Reden, rc. darnach fahren sie fort in Re, indem sie ansetzen
realiter wirklich; da es zu halben und gantzen ge. trunken Heist. Ferner fahren sie fort im Mi, indem ie trinken mirabiliter, wunderlich als stehend, niend, die Arme in einander schreckend, oder auf den Tisch tretend. Noch weiter in Fa, indem sie es machen familiaiter, vertraulich, auf gute, treue Brüder und Schwesterschaft. Sodann in Sol, indem le das Glas soleniter prächtig herumb gehen lasten. Dabei muß aufgeblasen, gepfiffen, gepauckt, gespielt, geschrien, losgeschosten scyn, damit mans von weitem , höre. Und endlich schließen sie in Lami, nemlich es höhret ihr Sausten auf lamentabiliter, erbärmlich, da gehets an ein Schlagen, Raufen und Balgen; ihre etzliche werden siech krank, bettelarm, ja, wohl gar verdammt.
„Fein lieblich von Geruch, stark, klar, alt, frisch und rein, So soll beschaffen seyn, ein rechter guter Wein", singt Salomon von Golau und fügt hinzu:
„Guter Wein verderbt den Beutel, Böser schadet sehr dem Magen; Bester aber ist's den Beutel, Als den guten Magen plagen."
Selbst wir, die heute Lebenden, können uns der Richtigkeit dieser Ansicht nicht verschließen, und mancher Musensohn handelt heutzutage noch genau nach der alten Regel
„Wirst du trunken nächten spath
Trink früh' wieder, ist mein Rath"
wie seine Commilitonen vor zweihundert und mehr Jahren.
Welche Weine in früheren Jahrhunderten am hösten geschätzt wurden, zeigt un« der alte Reim:
„Zu Klingenberg am Main, Würtzburg am Stein, Bacharach am Rhein Wachsen die beste Wein."
Doch finden „Hochheimer", „Hambacher", „Wormrgauer", „Rinckgauer" (Rheingauer), „Rüh- dißheimer", sowie Mohler- und Neckar-Wein auch ihre Würdigung:
„Der edle gute Wein vom Rhein,
Ist aller Mahlzeit Ehr und Schein!" sagt ein alter Dichter mit Kennermiene, wogegen aber sofort ein anderer auftritt und ausruft
„Nur Zerbster-Bier und Rhein'schen Wein Laß stets, Herr, mein Getränke sein!"
„Wie man sieht, ist der Mann schon weniger genügsam, wie der vorhergehende, stellt aber dabei zugleich dem Zerbster-Bier ein Zeugniß aus, welches für die allgemeine Werthschätzung des Gebräu's spricht.
Eine tiefe Mißstimmung spricht aus den alten Versen, die 16)7 ein Heidelberger Student dem andern ins Stammbuch schrieb:
„Trink ich Bier, so werd' ich faule, Trink ich Master, so Heng ich's Maule, Trink ich Wein, so werd' ich voll, Ich weiß nicht, was ich trinken soll!" (Schluß folgt).
«edaetiou: «. Sche,ds. — Druck und Lrrlag bet Brühl'sch« Druckerei (8t. Eh?. Pietsch) in Dießen.


