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Allerlei von Wem und Bier in alter Zeit.
Daß die alten Deutschen lieber gut und viel, als weniger und schlecht tranken, ist eine Thatsache, die selbst von dem eingefleischtesten MäßigkeitSver- einler nicht bestritten werden kann. Die jüngeren Generationen des deutschen Volkes sind dem angenehmen Beispiel ihrer Altvorderen immer gern gefolgt, und wenn man die Quantitäten an Bier, Wein und Schnaps berechnet, welche alljährlich in Deutschland producirt und consumirt werden, so könnte man beinahe glauben, daß die Jungen den Alten bedeutend über seien. In der Wirklichkeit ist dies aber nicht der Fall, denn trotz der vielen Fälle von Trunksucht, die in Deutschland leider immer mehr zunimmt, kommen wir unseren Vorfahren doch noch lange nicht gleich. Alle die verschiedenen großen Trünke, welche in früheren Jahrhunderten geleistet worden sein sollen, deren einige sogar von unseren besten Poeten verherrlicht wurden, sind zumeist nur etwas vergrößert« Thatsachen. Aus der Menge von
„Und wie müßten sie sich gestalten?" fragte Ludmilla.
„Das eben weiß ich nicht; was man nicht weiß, das eben brauchte man, und was man weiß, kann man nicht brauchen. Ich vermuthe freilich, daß Ihr Herr Gemahl, gnädige Frau, in das dunkle Geheim- niß verwickelt ist; aber das ist auch nur eine Ver- muthung —"
„Für deren Richtigkeit ich leider schon manchen Haltepunkt gefunden habe", erwiderte Vera. „Wenn ich wüßte, wo der Oberst augenblicklich weilt, so würde ich keine Mühe und Opfer scheuen, um ihn zu einer Unterredung zu zwingen. Eine Aeußerung unserer Wirthin läßt mich vermuthen, daß er noch in der Nähe ist und nur auf unsere Abreise wartet, um in dieses Haus zurückzukehren.'
„Ich kann das nicht glauben", sagte Tante Lina. „Er Hst das Grab besucht und ist dann wieder abgereist; was sollte ihn hier noch länger zurückhaltm? Daheim wird er mich wohl noch einmal besuchen, dann soll er mir Rede stehen, und den Herrn von Görlitz werde ich ebenfalls ins Gebet nehmen; etwas werden wir gewiß erfahren. Ich muß gestehen, seitdem alle diese Geheimnisse mit ihren dunklen Schatten aufgetaucht sind, finde auch ich keine Ruhe mehr, bis ich sie erforscht habe; es wäre wohl bester für uns Alle gewesen, wenn wir uns mit den Thatsachen begnügt und keine weitere Fragen aufgeworfen hätten. Wir schaffen uns dadurch nur Unruhe und Aufregungen —"
„Gleichviel, ich will Klarheit und Gewißheit haben!" erwiderte Vera in entschloffenem Tone. „So sage ich denn noch einmal: sei es denn, reisen wir morgen, und bieten wir daheim Alles auf, die Herren zum Reden zu bewegen."
(Fortsetzung folgt).
unserem Entschluß beharren", sagte Tante Lma, nachdem auch sie einen fragenden Bück hmausge- sandt hatte. - „Wir können ja bei diesem Wetter nicht darau denken, den Friedhof noch einmal zu besuchen. Der Zweck unserer Reise ist erfüllt und — aufrichtig gesagt — wünsche ich so bald rote möglich heimzukehren." —
„Sei es denn", erwiderte Vera, — und em leiser Seufzer entrang sich ihren Lippen. — „Wir reisen also morgen Mittag?"
„Schon so bald?" fragte der Referendar bestürzt.
„Glauben Sie, daß wir hier Winterquartiere beziehen werden?" scherzte die alte Dame. „Wir weilen bereits vier Tage hier. Hätten wir unseren Reiseplan festgehalten, so wären wir schon gestern abgereist."
„Ich möchte immer hier bleiben", sagte Vera leise, während sie mit Ludmilla einen bedeutungsvollen Blick wechselte. „Diese Ruhe, diese gänzliche Abgeschiedenheit thut mir wohl."
„Wir werden im Frühling hierher zurückkehren", erwiderte Ludmilla. „So ist es abgesprochen, und ich hoffe, daß dieser schöne Plan nicht durchkreuzt wird." —
„Baldige Heimkehr liegt auch in Ihrem Jntereffe", wandte Tante Lina sich zu der schönen Frau, dte träumerisch-sinnend hinausschaute. „Sie werden den Oberst wiedersehen —"
„Wenn ich das mit Sicherheit erwarten dürfte, dann würde ich heute noch abreisen."
„Weshalb zweifeln Sie daran?"
„Weil ich mich der Vermuthung nicht verschließen kann, daß Oberst Johnson noch in der Nähe weile."
,Und auf welche Gründe stützen Sie diese Ver- muthung?" fragte der Referendar.
„Sie werden zugeben, daß dieser Oberst eine geheimnißvolle Person ist und daß ihn besondere Gründe leiten müssen, wenn er jeder Begegnung mit uns ausweicht. Und besondere Gründe müsten es auch sein, die ihn bewogen haben, das Grab zu besuchen —"
„Die Gründe, gnädige Frau, kennen wir ia", - unterbrach der junge Mann sie. „Der Oberst war der beste Freund Salberg's, er hat den letzten Ab- schiedsgruß von diesem empfangen —"
„Und er hat es übernommen, den Todtm zu rächen!" fuhr Vera erregt fort. „Das Alles wiffen wir allerdings, aber wir können nicht erfahren, gegen wen diese Rache sich richtet, und welche Gründe den Unglücklichen in den Tod getrieben haben. Ich glaube, wir werden das auch niemals erfahren."
„Wir müffen uns gedulden", sagte Rommel achselzuckend, „ich habe das Meinige gethan. Zwei Personen kennen das Geheimniß, Herr von Görlitz und der Oberst Johnson; sie wollen Beide auf Ehrenwort Verschwiegenheit gelobt haben. Ich kenne meine Pappenheimer; Nichts wird sie bewegen können, ihr rätselhafte» Schweigen zu brechen, so lange die Verhältnisse sich nicht ander» gestalten."


