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Em Scheffelfest vor 25 Jahren.
Ein literarhistorischer Beitrag von Albert Jaenich.
(Schluß).
Und im Feuilleton der „Heidelberger Zeitung" war zu lesen:
Heidelberg, den 19. März 1861. Gestatten Sie mir, wenn auch etwas verspätet, in einigen Worten die Beschreibung eines heiteren Festes nachzuholen, welches nicht verdient, mit Stillschweigen übergangen zu werden: ich meine nämlich das Preissingen im hiesigen Museums- saale am 12. d. M. Es war ein Fest, so eigen- thümlich und liebenswürdig, daß Jeder, der es mitfeierte, die Erinnerung daran wohl noch lange als eine gar schöne bewahren wird.
Bekanntlich hat vor einiger Zeit die Schauen- burg'sche Verlagsbuchhandlung in Lahr in aner- kennenswerthem Streben einen Preis von 30 Dukaten ausgeschrieben für die besten Compositionen der „neuen Lieder aus dem Engern." Aus der Zahl der zur Bewerbung eingereichten musikalischen Bearbeitungen wurden nun die hervorragendsten ausgewählt und gelangten am Dienstag Abend zum Vortrag durch das ausgezeichnete Mannheimer Theaterquartett der Herren Ditt, Rocke, Schlösser und Stepan. Schon längere Zeit vor dem auf 7 Uhr festgesetzten Anfang füllte sich der große Museumssaal mit einem ebenso gewählten als zahlreichen Publikum. An den vielen gastlichen Tafeln saßen buntgemischte Reihen, selbst die Damenwelt scheute den Tabaksrauch nicht, und verschönerte das Fest durch ihre Anwesenheit. In großer Anzahl war die akademische Jugend vertreten, sie hatte ja auch vor Allen ein Interesse daran, da die gekrönten Compositionen dem neuen Commersbuch einverleibt werden sollen. Mnsik- kenner und Freunde einer heiteren Laune waren von Rah und Fern herbeigekommen. Und hatte man sich einen genußreichen Abend schon von vornherein versprochen, so übertraf die Wirklichkeit noch die Erwartung. Wie konnte es auch anders sein, da schon der fröhliche Humor und sprudelnde Witz der Scheffel'schen Liedertexte hinreichte, um die Gesellschaft in die heiterste Laune zu versetzen. Dazu die zum großen Theil trefflichen Compositionen, vorgetragen durch so herrliche Stimmen, wie sie den Mannheimer Sängern zu. Gebote stehen. Und dies Alles in der fröhlichsten Geselligkeit, unter Umständen, wo man der melodischen Aufforderung zum Trinken sogleich in ausgezeichnetem Wein und Bier Folge leisten konnte.
Abwechselnd trugen die Mitglieder des Mannheimer Quartetts die einzelnen Compositionen vor. Unter denselben wurden die Lachnerffchen besonders gut ausgenommen. Emen wahren Beifallssturm erregten aber die als Quartett componirten „Lüder eines fahrenden Schülers", unstreitig den Glanz
punkt des Abends, und zum Schluß der von Hornfeck gedichtete, ebenso launig componirte Canon „Trinke nie ein Glas zu wenig."
Nachdem das Preissingen vorüber, wechselten mit der Musik des hiesigen Orchesters weitere Quartettvorträge der Mannheimer Sänger ab, und damit endlich auch das Fest sich als ein wesentlich akademisches kennzeichne, wurden „Salamander gerieben" auf die trefflichen Sänger, auf den anwesenden Veranstalter des Festes, den um die Sammlung studentischer Lieder so eifrig berühmten Verleger Schauenburg. Den ebenfalls anwesenden Capellmeister Lachner feierte Professor Hausier in einem kräftigen Trinkspruche. So trennte sich erst spät und in der heitersten Stimmung die fröhliche Gesellschaft, wohl alle mit dem Wunsche, ein ähnliches Fest bald wieder feiern zu können.
Dis Preisbestimmung wird in einigen Tagen, nachdem die Ausschußmitglieder des badischen Sängerbundes nochmals berathen haben und das Urtheil der studentischen Korporationen eingeholt ist, statt finden.
Aus seinem oben cifirten Briefe geht hervor, daß Scheffel leider, wie schon am 9. Februar in Mannheim, so auch diesmal wieder durch Krankheit verhindert war, dem prächtigen Feste beizuwohnen. Wie sehr es ihn aber verlangte, feine Lieder in so schönem Vorträge zu hören, das geht aus einem Briefe an den Verleger vom 9. Januar 1862 hervor, in welchem es heißt:
„Im Februar bin ich vielleicht wieder im Stande, mich ins gesellige Leben zu wagen, dann werde ich mich freuen, wenn sich Gelegenheit giebt, die Mannheimer Räuber und Herrn Lachner kennen zu lernen . . . ." Nun, diese Freude wurde ihm am nächsten Stiftungsfest der „Räuber", am 9. Februar desselben Jahres zu Theil, dem er zusammen mit feinem Verleger beiwohnte. Die Macht des Gesanges seiner Lieder übte da auf den Dichter eine solche Wirkung aus und versetzte ihn in eine so begeisterte Stimmung, daß er, der sonst so Schweigsame, sich zu einer zündenden Rede ausschmang.
Das Heidelberger Preissingen am 12. März im Jahre 1861 aber war zu einem echten und rechten Scheffelfeste geworden, „zu einem", wie ein damaliger Theilnehmer des Festes, ein altes Mitglied des „Engem", jetzt, nach einem Vierteljahrhundert, schreibt, „für Scheffels RuhmundPopularität bedeutenden Fest", denn es war durchweg nach dem Geiste und Herzen des nunmehr verewigten Dichters, ein Fest des deutschen Liedes, das Ernst Moritz Arndt, dem das „Allgemeine Deutsche Commersbuch" gewidmet ist, in seinem Antwortschreiben auf die Widmung mit dem schönen Wunsche begleitet:
„Möge das deutsche Lied in fröhlicher Jugendlust und ans edlem tapfcrn Sinn auf Jahrtausende unbekümmert erklingen!"
Redaktion: «. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


