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denn das Gut ein? Nicht den zehnten Theil von dem, was ich mit dem baaren Gelde verdienen kann; ich wäre ein Thor, wenn ich auf den großem Gerann verzichten wollte. Selbst das Gut zu bewirth. schäften und mich mit den Knechten und Mägden herumzuschlagen, dazu fühle ich keine Neigung, also muß ich die Verwaltung fremden Personen übertragen, und da kann man die Augen nicht weit genug offen halten; betrogen wird man an allen Ecken und Enden."
„Und denkst Du, Dein Banquier sei ein grundehrlicher Mann?" spottete Riesenthal. „Ich habe Dich längst warnen wollen vor diesem Börsenschwindel, der kein gutes Ende nehmen kann —"
„Davon verstehst Du Nichts!"
„Nein, Gott sei Dank; aber mein gesunder Verstand sagt mir, daß diese Hetzjagd nach dem Golde ein Ende mit Schrecken nehmen muß. Und dem Morgenstern traue ich erst recht nicht; er ist ein Prahlhans und wirft das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinaus."
„Deshalb traust Du ihm nicht?" spottete der Landrath. „Wenn er täglich enorme Summen gewinnt, warum soll er nicht leben und leben laffen?"
„Es ist kein solider Gewinn!"
„Pah — Redensarten! Wenn ich billig kaufe und theuer verkaufe, so ist das ein ehrlicher Gewinn; und kann ich dadurch mein Vermögen verdoppeln, weshalb sollte ich Bedenken hegen, es zu thun?"
„Und ich warne Dich noch einmal!"
„Vor diesen Unternehmungen oder vor dem Banquier persönlich?"
„Vor Beiden", erwiderte Riesenthal ernst. „Es kann und wird nicht so bleiben, wie es ist, und das solide Kapital, der Grundbesitz, wird schließlich allein oben bleiben. Behalte Dein Gut, es wäre eine Sünde und Schande —"
„Für wen soll ich es behalten? Kinder habe ich nicht —"
„Du kannst es später immer noch verkaufen, warte es ab. Oder zwingen Dich Deine Verhält, niffe —"
„Kein Gedanke daran! — Es ist Zeit, wir müssen ausbrechen."
„Du willst das Duell unter allen Umständen?" „Denkst Du denn, ich könne jetzt noch zurücktreten?" fragte der Landrath sarkastisch. „Dazu ist die Sache zu weit gediehen, und könnte ich es, so würde ich es nicht thun."
„Und wer ist der Sekundant Deines Gegners?" „Ein Referendar Rommel."
„Alles ist bereits so weil geordnet?"
„Ich habe Dir ja die vereinbarten Bedingungen berichtet!" erwiderte Ackermann ungeduldig, während er seinen Paletot anzog und die Handschuhe aus der Tasche holte. „Der Referendar hat mir versprochen, Alles vorzubereiten; wir können ohne Verzug auf die Mensur treten und die Geschichte zu Ende bringen."
„Und wenn ste für Dich einen unglücklichen Ausgang nehmen sollte?"
„Ja diesem Falle wirst Du in meinem Porte- feuille Briefe und andere Schriftstücke finden, die Dir zur Richtschnur dienen können. Ich habe Dich darin zum Vollstrecker meines letzten Willens er- nannt, und ich erwarte, daß Du ihn gewissenhaft ausführen wirst. Manche Bestimmung meines Testaments mag Dir nicht begreiflich erscheinen; ich aber habe Alles wohl erwogen und verlange aus- drücklich, daß meine Anordnungen pünktlich ausgeführt werden. Und nun komm', der Wagen wartet schon."
Ferdinand Riesenthal folgte dem Freunde mit sichtbarem Widerstreben, aber er konnte sich jetzt auch der Einsicht nicht mehr verschließen, daß alle weiteren Proteste fruchtlos waren und die Sache zum Austrag gebracht werden mußte.
Während sie dem Rodenbacher Wäldchen zufuhren, sprach der Landrath über gleichgiltige Dinge, über politische Tagesfragen und die Kämpfe des Reichstages mit dem Ministerium, und da Riesenthal in jener augenblicklichen Stimmung kein Inte- reffe hieran nahm, so verstummte das Gespräch bald.
Der Wagen blieb in Rodenbach zurück, die beiden Herren gingen zu Fuß in das Wäldchen und fanden hier schon die Gegner, die kurz vor ihnen angekommen waren.
Der Landrath zog seine Uhr aus der Tasche und zeigte sie dem Referndar.
„Ich bitte Sie, sich zu überzeugen, daß noch zwer Minuten an der festgesetzten Stunde fehlen", sagte er, „es ist also nicht meine Schuld, wenn die Herren warten mußten."
Der Referendar'trat zu Riesenthal.
„Sie sind über alle Bedingungen unterrichtet?" fragte er.
„Jawohl", nickte der Gutsbesitzer, „ich kenne auch die Ursachen und kann dieses Duell nicht billigen. Ich hoffe, Sie werden mir beistehen, wenn ich noch im letzten Augenblicke es zu verhüten suche."
„Sie werden sich unnütze Mühe machen!"
„Wenn Herr von Görlitz sein Bedauern darüber aussprechen wollte, daß er den Schmuck der Frau Landrath übersandt hat, so würde mein Freund vielleicht die beleidigenden Worte zurücknehmen."
„Gieb Dir keine Mühe", sagte Ackermann in spöttischem Tone, „eine Ehrenerklärung und Aus- söhnung wünschen wir Beide nicht."
„Auch Sie nicht, Herr von Görlitz?" wandte Riesenthal sich zu dem Hauptmann.
„Eine Ehrenerklärung seitens dieses Herrn hat für mich zu wenig Werth", antwortete der Letzter« kalt; „der Herr Landrath hat mir schon in früheren Jahren bewiesen, daß ihm die Ehre mcht zur Richtschnur seines Handelns dient."
„Genug!", fuhr Ackermann auf. „Thun Sie Ihre Pflicht, meine Herren! Sie sehen ja, daß Sie durch Ihre Vermittelungsversuche mich nur neuen Beleidigungen preisgeben." (Fortsetzung folgt).


