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Der Referendar hatte die Beschreibung der beiden, Gegenstände in sein Notizbuch eingeschrieben; er nickte befriedigt.
„Es sind freilich zehn Jahre seitdem verstrichen" sagte er, „aber es wäre nicht das erste Mal, daß ein dunkles Verbrechen noch nach einer Reihe von Jahren an den Tag gekommen ist. Somit wäre es möglich, daß wir in Wiesenthal einander begegnen; ich reise schon in einigen Tagen."
„Ich ebenfalls", erwiderte Tante Lina, sich erhebend, „und bis dahin rechne ich auf Ihre Verschwiegenheit. Ueberlaffen Sie es mir, Ludmilla die betrübende und aufregende Mittheilung zu machen, sie muß schonend darauf vorbereitet werden, ihr zartbesaitetes Gemüth hat den plötzlichen Tod des geliebten Bruders ohnedies noch nicht überwunden. Schlafen Sie wohl und entschuldigen Sie die Störung. Ich glaubte, mit meiner Warnung nicht bis morgen warten zu dürfen, da ein unbedachtes Wort rasch gesprochen ist, das dann nicht mehr zurückgenommen werden kann."
Der Referendar begleitete sie bis zur Thür und schloß diese hastig zu, als er die Stimme Maiwinds auf der Treppe vernahm; einer Unterredung mit ihm wollte er ausweichen.
8. Kapitel.
Das Duell.
Der Gutsbesitzer Riesenthal war mit dem Frühzuge angekommen und sofort in die Wohnung seines Freundes geeilt; er traf den Landrath beim Frühstück.
Ruhig und mit wenig Worten berichtete Ackermann ihm, welchen Dienst er von ihm verlangte; er theilte ihm den Grund der Herausforderung und die vereinbarten Bedingungen mit und löffelte dabei mit sichtbarem Behagen ein Ei aus.
„Wir haben Zeit genug", sagte er; „wenn wir bald nach neun Uhr fortfahren, kommen wir früh genug, also zünde Dir eine Cigarre an und mache es Dir so bequem, wie die Umstände es erlauben."
„Na, das geht mir denn doch über bett Spaß!" polterte Riesenthal in seiner derben, ehrlichen Weise. „Du bist ein verheiratheter Mann und willst Dich wegen einer Theaterprinzessin duelliren? Wenn der Hauptmann den Schmuck zurückschickte, so that er nur, was jeder andere Mann von Ehre auch gethan haben würde!"
„Du billigst es also, daß er mich in den Augen meiner Frau verächtlich machen wollte?" erwiderte der Landrath, die Brauen zusammenziehend.
„Das war nur eine gerechte Strafe für Dich, und der Hauptmann wollte Dir damit jede nochmalige Annäherung an seine Braut unmöglich machen. Wenn jene Sängerin, wie es in der That der Fall zu sein scheint, eine ehrbare und tugendhafte Dame ist, dann war es von Deiner Seite eine Unverschämtheit, sie mit solchen Gedanken zu belästigen."
„Ferdinand!"
„Nimm mir das nicht übel, Hugo! Du kennst mich, ich bin nicht gewohnt, hinter dem Berge zu halten. Mag es nun Lob oder Tadel sein, ich spreche es mit dürren Worten aus. Ich kann solche Geschichten einmal nicht billigen, sie machen Deinem Namen und Deiner Stellung keine Ehre, und wenn man die Gründe des Duells erfährt, dann wird man sehr scharf über Dich urtheilen!"
Den Landrath versetzten diese Vorwürfe in eine gereizte Stimmung. Er hatte sich von seinem Sitz erhoben; mit großen Schritten durchmaß er das Zimmer.
„Was bekümmert mich das Gerede der Splitterrichter!" erwiderte er höhnisch. „Möge Jeder vor seiner eigenen Thür kehren —"
„Sehr wahr, aber Du solltest doch bedenken, daß Du Beamter bist und —"
„Ich werde es nicht lange mehr sein!"
„Du willst wirklich Deinen Abschied nehmen?"
„Mein Abschiedsgesuch ist bereits gestern Abend an die Regierung abgegangen."
Der Gutsbesitzer schüttelte mißbilligend das Haupt.
„Daß Du diesen Schritt gethan hast, kann ich Dir nicht verdenken", sagte er. „Du hattest Dich in Deiner Stellung ziemlich unmöglich gemacht, sowohl bei der Regierung wie auch bei den Kreiseingesessenen. Die Regierung folgt gegenwärtig liberalen Strömungen —"
„Und ich hasse alle diese Neuerungen", unterbrach Ackermann ihn; „ich hasse diese liberale Handhabung der Gesetze, diese laxen Gesetze und Verfügungen, von denen man nicht weiß, ob sie Fisch ober Fleisch finb."
„Wir wollen darüber heute nicht streiten, es ist oft genug geschehen, und wir wissen ja Beide, daß unsere Anschauungen in diesem Punkte nicht übereinstimmen. Du hättest Dich beliebt machen können —"
„Pah, was liegt mir an dem Beifall der Menge! Dieses heisere Hurrah-Gebrüll, diese ganze Comödie mit ihren Ehrenpforten, Fahnen und Festjungsrauen war mir immer zuwider; ich thue meine Pflicht und verzichte gern auf den Ruhm, es Allen recht machen zu können."
„Aber es kann Dir doch auch nicht angenehm sein, wenn der neue Landrath ein anderes Regiment einführt. Gerade Du, als der größte Gutsbesitzer unseres Kreises —"
„Auch das werde ich nicht lange mehr sein!" fiel Ackermann ihm geringschätzend in die Rede. „Ich habe Auftrag gegeben, meine Güter fju verkaufen."
Mit wachsendem Befremden blickte Riesenthal ihn an.
„Ist das dis Wahrheit?" fragte er.
„Weshalb zweifelst Du daran?"
„Weil ich mir nicht denken kann, daß Du das schöne Gut verkaufen willst!"
„Und doch bin ich dazu entschlossen. Was bringt


