Ausgabe 
17.6.1886
 
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baä Saroort zu geben; mit einer Lüge im Herzen tratst Du an meiner Seite vor den Altar! Ich hätte glücklich werden können an Deiner Seite, aber Du wolltest es nicht. Dem Tobten bewahrtest Du Deine Liebe; nur ihm und nicht dem Gatten aalt Dein ganzes Denken!"

Hoch aufgerichtet stand Vera ihm gegenüber. Aus ihren dunklen Augen sprach unsagbare Ver­achtung.

Willst Du mit diesem gänzlich unbegründeten Vorwurf den Unfrieden beschönigen, den Du selbst gesäet hast?" fragte sie schneidend.Hast Du je­mals um meine Liebe geworben? Konntest Du er­warten, daß ich Deiner Eiseskälte die Gluthm wahrer und inniger Liebe entgegenbringen würde? Oder glaubst Du, mir sei es'unbekannt geblieben, daß Du ohne Rücklicht auf mich Deine Ehre in den Staub tratest? Wie die Saat, so die Ernte; nicht mich, sondern Dich selbst treffen Deine Vorwürfe. Es ist wahr, ich gab Dir damals das Jawort, um mich aus drückenden Verhältniffen zu befreien, und der Himmel weiß es, wie oft ich das schon bereut habe. Aber Du wußtest es, denn ich sagte es Dir Uliverhohlcn, ich verschwieg Dir meine Bedenken nicht, Du gingst scherzend darüber hinweg, und ich glaubte Deinen Versicherungen, daß Du Alles auf­bieten würdest, um meine Liebe zu erringen. Wie rasch waren diese Versicherungen vergessen! Deine Eitelkeit und Dein Hochmuth waren befriedigt, weiter ging Dein Verlangen nicht; was lag Dir an der Liebe der Frau, die Du um die theuersten Guter des Lebens betrogen hattest!"

Gieb mir den Brief zurück!" befahl der Landrath, mit dem Fuß auf den Teppich stampfend.

Um keinen Preis", erwiderte sie, während sie hastig das Papier in die Tasche ihres Morgenrocks schob.Dieser Brief ist für mich ein werthvolles Dokument; vielleicht werde ich dereinst eine furcht­bare Anklage auf ihn stützen!"

Wagst Du das Deinem Gatten zu bieten?" fuhr er in maßloser Wuth auf.Was könnte Dir aber der Mann, der diesen Brief schrieb, heute noch sem, selbst wenn er sich noch unter den Lebenden befände? Heraus mit dem Brief!"

Niemals!"

Das Wort war kaunr über ihre Lippen, als der Landrath sie umschlang und mit einem raschen Griff den Brief aus ihrer Tasche zog; in der nächsten Minute schon hatten die Flammen im Kamin das Schriftstück vernichtet.

Ich bedaure, daß ich zu diesem Gewaltakt meine Zuflucht nehmen mußte", sagte er kalt,aber Du wolltest es nicht anders."

Zitternd vor Entrüstung, nach Athem ringend, stand sie vor ihm. a '

(Fortsetzung folgt.)

Mngsten.

Erzählung von Th. Hempel.

Wirst Du es mir bald Dank wissen, lieber Freund, daß ich keine Mühe scheute, Dich aus Deiner dumpfigen Studierstube, aus Deiner trüb­seligen Umgebung von Jammer und Elend heraus- zulocken in's Freie? Giebt es etwas Schöneres, als Gottes Natur, an solch' einem prächtigen, sonnigen Pfingstmorgen?"

So fragte ein junger Mann, dessen frisches Ge­sicht von Lebenslust und Heiterkeit glänzte, auf dessen blondgelocktem Haupt keck das Cereviskäppchen thronte, der sicherste Beweis, daß er noch in den fröhlichen Jahren der Studentenzeit lebte. Sein, um mehrere Jahre älterer Begleiter, erwachte bei dieser Anrede aus tiefen Gedanken, er schrack auf, als habe er ganz vergessen, daß er nicht allein sei, blickte mit seinen dunklen Augen über die weite grüne Fläche, blieb einen Augenblick aufathmend stehen und antwortete:

Ja, es ist schön, wunderbar schön in der Natur, man vergißt es ganz in der Großstadt und bedenkt Nicht, was man entbehrt."

Ja, und wenn man dann durch alle Ueber- redungskünste losgerissen ist, von dem täglichen Einerlei des Berufswesens, dann wandelt inan wie ein Träumender durch Feld und Fluren im Maienglanz, läßt alle seine Gedanken bet seinen Patienten, oder bei irgend einer ungelösten Frage im Reichs der Wissenschaft. Alfred", fuhr er mit bittender L>tlmme fort,schüttele für einige Tage den Arzt, den Beiufsmensch ab, kehre noch einmal mit Deinen Gedanken zurück zur glücklichen Studenten- zeit, lag uns sroh und heiter die schönen Festtage gemeßen." ° ö

"3ch folgte von Herzen gern Deiner freundlichen Einladung, lieber Erich, aber, magst Du mich auch sentimental nennen, ich kann Dir riicht verleugnen, daß ich mit wehmüthigem Gefühl gestern zum letzten Male durch die Krankensäle schritt. Während Aerzte, Pfleger und Pflegerinnen lange schon berechneten, ob sie zu den Festtagen auf Urlaub hoffen dürfen und die, welche zurückbleiben müssen, sich für Märtyrer halten, haben unsere armen Kranken nichts von dem Feste, als vielleicht ein wenig frische Luft, soviel der Arzt eben erlaubt und vielleicht eine Frühlingsblüthe, welche der Wind ihnen auf ihr Schmerzenslager weht, die sehnende Erinnerung an eine schöne Vergangenheit, und entbehren dabei noch unsre, ihnen durch Gewohnheit lieb gewordenen Ge­sichter."

Und die frohe Hoffnung auf Genesung, bei so treuer Pflege, ,ch ersuhr es, als ich dort schwer krank am Thyphus lag, wo Du mein treuer Arzt, mein lieber Freund wurdest, welcher nie ermüdete, den Zagenden zu ermuthigen, ihm die langen Schmerzensstunden durch tröstenden Zuspruch zu