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kürzen, Alfred, das vergesse ich Dir nie und, meine I Eltern segnen in Dir den Retter ihres einzigen I Sohnes."
„Ich verdiene diese Dankbarkeit nicht, Deine I gute Natur überwand mit Gottes Hülfe die schwere I Krankheit, wir konnten wenig thun. Uebrigens habe ich nur Gewinn davon, Dein erheiternder Umgang thut mir wohl, ich werde so leicht zum I Kopfhänger, Du frischst mich auf, deshalb ging ich auch gern mit Dir, obgleich ich, der Fremde, den Fuß zaghaft über die Schwelle Deines Vaterhauses fetzen werde."
„Zaghaft? Weißt Du nicht, daß in den Mühlen die Gastfreundschaft zu Hause ist? Was sollte auch mein Mütterchen anfangen mit all den Herrlichkeiten, welche sie anschafft zum Feste, wenn liebe Gäste ihr nicht behülflich wären, sie zu vertilgen. Dich bei sich zu sehen, ist meinen Eltern eine Freude und Ehre, gönne uns doch die Gelegenheit für unsere Dankbarkeit."
Eine Zeit lang schritten die Freunde schweigend neben einander her, schwelgend im Genuß der Natur. Vom reinsten blauen Himmel herab schien die goldene Sonne auf frisches Grün, auf all' die unzähligen bunten Blumen, welche ihre Kelche den wärmen Strahlen öffneten. Die Obstbäume waren förmlich überschüttet von reicher Biüthenpracht und 1 Tausende von emsigen Bienen saugten mit lautem Summen den Honig aus den Blüthen. Der Luftzug trug bald leiser, bald lauter den Ton der Glocken an das Ohr der Wanderer, welche die Bewohner der umliegenden Dörfer zum Gottesdienste riesen.
„Wenn es Dich nicht zu sehr ermüdet,. so schlage ich vor, den etwas weiteren Weg zu wählen, ich meldete unsre Ankunft daheim erst für Mittag an, dankte für Abholen durch den Wagen, da wir den Zug nur eine Strecke benutzten und dann bei einer Fußwanderung die herrliche Natur genießen wollten.'-
Alfred willigte mit Freuden ein, verlockend lag der Wald vor ihnen, mit seinen hohen Bäumen, feinen tiefen Schatten, seinem weichen Moose. Ehe sie hineintraten, blickte Alfred sich noch einmal um und frug den Freund:
„Wer ist der glückliche Besitzer des prächtigen Schlößchens, welches dort so verlockend von der Höhe herabschaut ins Thal?" , ,
„Wende schnell die Blicke hinweg!" rief Ericy anscheinend erschrocken aus, bald aber herzlich lachend, als er des Freundes bestürztes Gesicht sah, fuhr er erklärend fort:
„Dort wohnt, während eines Theils des Sommers, eine Prinzessin, beinah noch Kind, als man sie vermählte, ist sie in den schönsten Jugendjahren Wittwe geworden. Es soll ihr nicht an Freiern fehlen, denn abgesehen von ihrem Reichthum, ^ilt sie für eine Schönheit, ein Blick aus ihren Augen von wunderbarer Tiefe, soll alle Männerherzen
schwer verwunden, welche huldigend ihr nahen, aber noch keinem gelang es, sie zu erringen. Sie reitet, jagt und lenkt ihr prachtvolles Gespann durch Flur und Wald, bis sie plötzlich mit ihrem ganzen Hofstaat wieder verschwindet."
„Ist sie jetzt anwesend?"
„Ja, denn die wehende Flagge kündet ihre Gegenwart."
„Ich möchte dieses Wunderbild wohl einmal sehen."
„Du würdest es auch vermögen, ohne eine tiefe Herzenswunde davon zu tragen, Du bist gefeit, kein Blick aus schönem Frauenauge kann Deine Ruhe stören."
„Ja, ich fürchte selbst, das Schicksal hat mich auserkoren, ein alter verknöcherter Junggeselle zu werden, denn ohne wirkliche Herzensneigung würde ich mich nie binden sttr's Leben und so oft ich auch in Verkehr mit jungen Damen kam, er blieb stets ! oberflächlich, zu fesseln vermochte mich keine."
„Und doch hat es wohl Manche versucht, aber warte nur, Du Herzloser, auch Dir wird die Stunde schlagen, nngesucht, unverhofft, wie ein Blitz herniederfährt. Ich wünsche Dir das schönste Glück, eine Frau, welche es versteht, Dir nach der Tageslast und Mühen, das eigene Heim mit den Rosen der Liebe zu kränzen."
Sie waren schon ein großes Stück in den Wald eingedrungen, hatten dem leisen Rauschen in den Wipfeln der Bäume und dem Gesänge der Vögel gelauscht, die heute, dem Festtag zu Ehren, ganz besonders fröhlich ihre L.eder schmetterten.
„Nun laß uns hier ein wenig niedersitzen", — sagte Erich, nahm seine Tasche ab, packte belegte Brödchen und eine Flasche Wein aus, ordnete alles, nebst einem silbernen Becher auf dem Stamme eines abgeschlagenen Baumes, breitete sein Plaid aus und lud den Freund zum Frühstück ein. Er füllte den Becher bis zum Rand und rief ihn Alfred zu- trinkend aus:
„Auf Dein specielles Wohl, eine glückliche Zukunft und ein reiches Liebesglück!"
Alfred leerte den Becher und vergnügt sprachen sie ihrem Mahle zu, bis ter letzte Bissen verzehrt, der letzte Tropfen getrunken und die leere Flasche als unnützer Ballast an einem Baum zerschellt war. Dann streckte sich Erich behaglich aus, um sich vor dem Weiterwandern noch ein wenig auszuruhen und war bald in die Armen des Schlafes gesunken. Sein Freund saß, den Kopf in die Hand gestützt und betrachtete ihn sinnend:
„Glücklicher, da lachst Du im Schlafe, wohl von einem heiteren Traumbilde umgaukelt und wenn Du erwachst, so blicken Deine Augen fröhlich hinein in das Leben, welches Dich so reich gesegnet."
(Schluß folgt).
Miictisn; A. Schahs, -- Druck mid Verlas der BrühNchm Druckerei (Fr. Ehr. Pietschs in Gießen.


