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werth dann Dein Loos gewesen wäre, brauche ich Dir wohl nicht zu sagen. Es kam anders, wie er erwartete, und den Schluß kennst Du ja. Du bist damals selbst in Wiesenthal gewesen."
„Und wer sagte Dir, daß er in Wiesbaden gespielt habe?"
„Ich weiß es heute nicht mehr; ich erinnere mich nur, daß ich es von einem Freunde hörte, der ihn dort gesehen hat."
Vera hatte die Lippen fest aufeinander gepreßt; zwischen den feingewölbten Brauen zeigte sich eine drohende Falte.
Der Landrath, der auf dem weichen Teppich rastlos auf und abschritt, bemerkte es nicht; auch sein Antlitz war noch finsterer geworden. Das Gespräch schien ihn peinlich zu berühren.
„Kennst Du diesen Brief?" fragte sie nach einer Pause.
Er blieb stehen. Nur einen flüchtigen Blick warf er auf die vergilbte Schrift; Zornesgluth röthete seine Wangen.
„Was soll das?" fuhr er auf. „Wie kommst Du zu diesem Brief?"
„Ich fand ihn gestern Abend in Deinem Schreibtisch."
„Und wer hat Dir erlaubt
„Deine Papiere durchzusehen?" erwiderte sie, den durchdringenden Blick so fest auf ihn heftend, daß er unwillkürlich die Augen niederschlagen mußte. „Es war meine Absicht nicht, aber als ein Zufall meinen Blick auf diese Schriftzüge lenkte, da fand ich kein Unrecht darin, mir den Brief anzueignen."
„Und ich frage noch einmal —"
„Ruhig; nachdem ich diese Entdeckung gemacht habe, wirst Du mich nicht mehr so fügsam finden, wie ich es bisher war. Wie ich zu diesem Brief gekommen bin? Mit wenig Worten kann ich es Dir erklären. Als ich gestern Abend aus dem Theater kam, wünschte ich noch einmal das Portrait Salbergs zu sehen. Er hatte es mir kurz vor seinem Tode geschenkt — ich bewahrte es in meiner Schmuckschatulle auf; aber als ich es dort suchte, fand ich es nicht. Eine dunkle Ahnung sagte mir, daß Du es fortgenommen haben könntest. Ich ging in Dein Zimmer und fand den Schlüffe! im Schreibtisch. Nur das Bild wollte ich suchen, Deine Papiere hatten nicht das mindeste Interesse für mich. Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen, und neben dem Bilde fand ich diesen Brief."
Der Landrath hatte seine Fassung wiedergefunden. Spöttisch lächelnd drehte er an den Spitzen feines Schnurrbarts.
„Und was weiter?" fragte er in ironischem Tone. „Welche Entdeckungen willst Du gemacht haben? Hermann von Salberg hat in diesem Brief Abschied von mir genommen —"
„Er spricht darin von einem verpfändeten Ehrenwort, welches er binnen vierundzwanzig Stunden einlösen werde."
„Was er damit sagen will, ist mir unklar ge
blieben; der Brief bezweckt ja nur, mir Dein Glück ans Herz zu legen. Salberg wußte, daß ich nach seinem Tode um Deine Hand werben würde, — ich hätte Dir damals den Brief vorlegen sollen, aber ich glaubte, es sei beffer, Dich so wenig wie möglich an den Verstorbenen zu erinnern."
„Glaubst Du, auch jetzt noch mich täuschen zu können?" erwiderte Vera und der herbe Zug, der ihre Mundwinkel umzuckte, trat immer schärfer hervor. „Dir ist dieses verpfändete Ehrenwort kein dunkles Räthsel, Du selbst hast Deinen Freund in den Tod getrieben und ist es mir auch jetzt unklar, auf welchem Wege und durch welche Mittel dies geschehen konnte, so geht die Thatsache selbst doch aus diesem Brief deutlich hervor."
Der Landrath hatte die Brauen finster zusammengezogen, ein heiseres Lachen entrang sich seinen Lippen-
„Wie thöricht, solchen Vermuthungen nachzuhängen!" sagte er höhnisch. „Kann dieses Ehrenwort sich nicht auf ganz andere Dinge bezogen haben und einem Andern verpfändet gewesen sein? Er war Officier —“
„Hermann von Salberg war keiner unehrenhaften Handlung fähig."
„Behaupte ich denn, daß er sich einer solchen Handlung schuldig gemacht habe? Ein unüberlegtes Wort reicht in manchen Fällen hin, den Officier in seinen Kreisen unmöglich zu machen; Schulden können ihn zwingen, seinen Abschied zu nehmen; in beiden Fällen steht er vor einer unsichern, trostlosen Zukunft. Ich habe mir über diesen dunklen Passus in seinem Briese nicht den Kopf zerbrochen; wenn Du es jetzt noch thun willst —"
„Ich werde nicht ruhen, bis ich dieses Räthsel gelöst habe", unterbrach Vera ihn mit einer Entschlossenheit, wie sie nie zuvor sie ihrem Gatten gezeigt hatte. „Salberg war weder ein leichtsinniger Verschwender, noch Spieler. Er stand bei seinen Kameraden in hoher Achtung; er wußte, daß ich seine Liebe erwiderte, und daß es von seiner Seite des entscheidenden Wortes bedurfte, um das Jawort zu erhalten. In Dir sah er seinen Nebenbuhler, und so intim er anscheinend auch mit Dir befreundet war, konnte es doch nicht ausbleiben, daß es zwischen Euch Beiden zu Reibereien kam. Darauf bezieht sich dieser Brief, das unterliegt keinem Zweifel. Es lag in Deinem Interesse, den Nebenbuhler zu beseitigen, und als dies gelungen war, häuftest Du Schmach und Schande auf den tobten Freund, um mir auch das Letzte, das ehrenvolle Andenken an ihn, zu rauben. Lug und Trug mußten Dir dazu dienen, mich Deinen Wünschen geneigt zu machen —"
„Genug!" brauste der Landrath auf. „Ich habe keine Lust, diesen tollen Ideen noch weiter zu folgen. Sie entspringen nur einer überreizten Phantasie und jeder Abneigung, die Du mir während unserer ganzen Ehe gezeigt hast. Nur der Wunsch aus drückenden Verhältnissen befreit zu werden und Dir eine glänzende Existenz zu sichern, bewog Dich, mir


