Hichener Jamilienblätter.
BeüekWfches Beiblatt $um Gießener Anzeiger.
Nr. 70.
Donnerstag dm 17. Juni.
1886.
Saat und GrnLe.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
3. Kapitel.
Ein inhaltschwerer Brief.
Sichtbar verstimmt saß der Landrath Ackermann am Morgen nach diesem Theaterabend vor seinem eleganten Schreibtisch, um die Briefe und Zeitungen durchzusehen.
Der Inhalt der amtlichen Briefe, die theils von seinem Sekretär, theils von der Regierung eingelaufen waren, schien seine trübe Stimmung auch nicht bessern zu können; der Ausdruck seines Gesichs wurde immer finsterer, und so oft er von diesen Schriftstücken aufblickte, entrang sich eine leise Verwünschung seinen Lippen.
Endlich erhob er sich, und die Hände auf den Rücken legend, wanderte er mit großen Schritten auf und nieder.
„Ich muß das besser wissen", sagte er ärgerlich. „Was verstehen die Herren von der Negierung davon! Ich kenne meinen Verwaltungsbezirk; mit eiserner Faust müssen die Bauern regiert werden, mit liberalen Grundsätzen richtet man bei ihnen Nichts aus. Lächerlich, diese Leute mit Glacehandschuhen anfassen zu sollen. Dazu werde ich mich nun und nimmer entschließen können, und die Bauern selbst wüßten mir auch keinen Dank dafür."
Er blieb am Fenster stehen und blickte auf den großen, sorgsam und geschmackvoll angelegten Garten hinunter, der gegenwärtig mit seinen entlaubten Bäumen, den kahlen Beeten und verwahrlosten Wegen keinen freundlichen Anblick bot.
„Mögen sie einen anderen Landrath ernennen, der es besser versteht, mit dieser liberalen Strömung zu schwimmen", fuhr er in spöttischem Tone fort, „sie werden im Laufe der Zeit doch zu dem alten System zurückkehren müssen. Ich danke für alle diese Belehrungen und Vorwürfe, für diese Kathederweisheit, mit der sie keinen Hund hinter dem Ofen weglocken."
Er hatte seine Wanderung wieder ausgenommen, ein verächtlicher Blick streifte die Papiere auf dem Schreibtisch.
„Was will dieser Görlitz hier? Gedenkt er in dieser Stadt seinen Wohnsitz zu nehmen? Und der Andere? Wer ist er?"
Er stand in der Mitte des luxuriös ausgestatteten i Zimmers und blickte starr vor sich hin.
„Bah, es ist ja kein Grund zu ernsten Besorg- t nissen vorhanden! Wenn Vera jetzt auch erführe, was damals geschehen ist, was läge daran!"
Er zuckte leicht zusammen, sein Blick fiel auf Vera, die in diesem Moment aus dem Nebenzimmer \ eintrat.
Ihr Antlitz war todesbleich; aus den dunklen f Augen blitzte mühsam verhaltener Zorn.
Der Landrath ging ihr entgegen und bot ihr - den Arm, um sie zum Divan zu führen; sie schien es absichtlich nicht bemerken zu wollen; in einem Fauteuil ließ sie sich nieder, dann heftete sie den glühenden Blick voll fieberhafter Erwartung auf den Gatten.
„Hast Du Dich, wie Du es mir versprachst, nach jenem Fremden erkund-gt?" fragte sie, und ihre bebende Stimme ließ die tiefinnere, gewaltsam bezwungene Erregung erkennen.
„Noch nicht", erwiderte er in geringschätzendem Tone, „ich fand gestern Abend keine Gelegenheit dazu. Wozu auch? Deine Vermuthungen sind ja völlig unbegründet; es wäre nutzlose Mühe, und unnölhige Aufregungen liebe ich nicht. Ueberdies habe ich auch keine Aehalichkeit entdecken können, und Du selbst hast gestern Abend zugegeben —"
„Daß meine Vermuthungen unbegründet waren, ist mir allerdings klar geworden", unterbrach sie ihn mit scharfer Betonung; , rch entbinde Dich Deines Versprechens, da ich nun die Ueberzergung hegen i muß, daß alle Erkundigungen resultatlos bleiben : werden. Wie war es doch? Aus welchen Gründen nahm Dein Freund damals sich das Leben?"
Der Landrath zuckle ungeduldig die Achseln.
„Ich meine, dieses Thema sei so oft besprochen worden, daß man es wohl endlich vergessen könnte", sagte er ärgerlich.
„Aber ich möchte jene Gründe noch einmal hören!"
„Weshalb?"
„Weil sie meinem Gedächtniß entschwunden sind. Ich erinnere mich nur, daß Du damals mir sagtest, Hermann von Salberg sei meiner Liebe nicht werth gewesen —"
„Es war die Wahrheit. Salberg war ein Hazardspieler; er wollte an der Spielbank in Wiesbaden mit dem Rest seines Vermögens noch einmal das Glück auf die Probe stellen; hätte er die Bank gesprengt, so würde er nicht länger gezögert haben, um Deine Hand zu roerbm, und wie bedauerns,


