1886.
Samstag den 17. April.
Nr. 46.
Are Kakschmünzer.
Criminal-Noman von Gustav 26ffei.
(Fortsetzung).
„Von der Wahrheit Ihrer Aussagen wird es abhängen", fuhr Soltmann fort, „ob mein Verdacht begründet ist oder nicht."
Hedwig erhob das thränenfeuchte Antlitz.
„Fragen Sie", sagte sie mit einer gewiffen verzweifelten Entschlossenheit. „Ich «erde antworten."
„Sie bestreiten also nicht ein innigeres Verhält- niß zu Herrn Eduard Etwold? Schon Ihr leidenschaftlicher Schmerz, den Sie soeben äußerten, wäre Zeugniß dafür."
„Nein nein, ich leugne nicht, worauf ich alle Ursache habe, stolz zu sein", entgegnete Hedwig. „Ich liebe Eduard, er liebt mich, und mit Gottes Hilfe werden wir uns auch trotz aller Hinderniffe noch einmal angehören für's Leben."
Soltmann verneigte sich mit einem feinen Lächeln.
„Und Ihr Verhältniß zu Herrn Etwold datirt feit wann?"
„Das heißt, muß ich das Alles beantworten?"
„Wenn Ihnen das Leben Herrn Etwold's lieb ist — ja."
„Lieb? Ich bin bereit, das meine für das seine hinzugebcn."
„Seit wann?" fragte sarkastisch Soltmann.
Hedwigs eben noch bleiches Antlitz erglühte in holder Scham.
„Ach so", sagte sie absichtlich mißverstehend. „Sie meinen, seit wann unsere Bekanntschaft datirt?"
Soltmann nickte.
Sie nannte die Zeit.
„Sie gehören der Bühne an, Fräulein König?" „Ja-"
„In welcher Stellung?"
„Als zweite Liebhaberin mit den gesanglichen kleinen Solls."
„Bescheiden, — wenigstens, was die materielle Ausbeute anbetrifft. Aber bei Ihrer Jugend wohl nicht mehr zu verlangen."
„Man spricht von meinem Talent."
„Und jedenfalls mit Recht."
„Sie belieben sarkastisch zu sein."
„Ich bin wahr. Wie ich wünsche, daß Sie es gegen mich und gegen sich auch sein mögen. Also
vieles Verdienst für die Kunst, aber geringer Verdienst für's Leben. Natürlich reicht Ihre Gage noch nicht einmal zur Deckung des äußeren Aufwandes den Sie für die Bühne machen müffen, um Ihren Rollen gerecht zu werden."
,,O, bitte, ich gebe meine Gage an meine hilfsbedürftigen Eltern; denn ein Nachtwächtergcholt, das wiffen Sie ja, reicht nicht viel weiter, als das eines — Assessors." Sie hatte sich nicht enthalten können, dem unbescheidenen Frager diesen Hieb zu versetzen.
Eine Wolke legte sich auf Soltmann's Stirn. Das war der wunde Punkt in seinem Leben — seine Mittellosigkeit, und die unzarte Berührung desselben that ihm von einer Freundin Fräulein Etwold's, der reichen Kommerzienraths-Tvchter, doppelt weh. Er antwortete darum nicht minder schneidend: „Und das Uebrige bezahlt Herr Etwold."
„Bezahlt? Wie meinen Sie das?" flammte Hedwig auf. „Wollen Sie ein anständiges Mädchen, das sich und ihre Eltern redlich ernährt, beschimpfen? Ich weiß, daß man im Allgemeinen von den Theater- damen wenig hält und ihre Moral um so geringer achtet, je weniger Anspruch sie auf den Namen „Künstlerin" haben. Aber ich versichere Sie, Herr Assessor, so urtheilen nur die, welche die bunte Welt der Bühne ihrem wahren Wesen nach nicht kennen. Wer einmal einen Blick hinter die Couliffen und die geschminkten Gesichter gethcm, dem erzählen die dar- gestellten Paläste manche traurige Geschichte von Hütten, in denen das Elend lauert, wie bie. lachenden Gesichter von gebrochenen Herzen. Wenn ich schlecht sein wollte, Herr Affeffor, was Sie mir, so scheint es, insinuiren wollen, dann brauchte ich hier nicht zu wohnen und meine kleine Wirthschaft nicht selbst zu besorgen. Sie muffen doch auch noch wenig vom Leben kennen, wenn Sie aus meinen bescheidenen Ver- hältinffen die Mittel einer verwerflichen Selbstbereicherung konstruiren wollten."
Soltmann empfand die Gerechtigkeit dieser Vorwürfe.
„Sie sind zu rasch", sagte er, „und ich habe mich falsch ausaedrückt. Sie sagten, Sie gäben Ihre Gage Ihren Eltern. Und Ihre Kostüme?"
„Kosten alle zusammen nicht so viel, wie ein einziges Kleid einer Primadonna. Und wenn man einmal etwas nicht hat, hilft eine Kollegin aus. Das sind nur kleine Ausgaben, die sich leicht bestreiten lassen. Nun, und was das Leben anbelangt, so genügt mir das, was Sie hier von mir sehen. Meine wenigen Juwelen sind allerdings Geschenke : meines Bräutigams, aber auch die repräsentiren


