Ausgabe 
16.10.1886
 
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Unter dem allgemeinen Ahl der Verwunderung »raffelte auf die Theilnehmer am Volksfeste die Waffe der Leuchtkugeln und Schwärmer herab, wie sie eben die Feuertöpfe in die Lüfte gesandt. Laut prasselnd warfen die Raketen ihre Feuergarben nach dem Nachthimmel oder polterten die Feuerräder ihrem Feuerregen dazwischen. Die Musik intonirte ihre I beliebtesten Märsche und die Kanonen marktrten jedesmal das Vorübergeeiltsein eines Theiles dsS Programms. Der letzte Theil des Feuerwerks ent« hielt, wie üblich, die Prachtstücke der Pyrotechnik und deshalb verharrte das Publikum mit zäher Ausdauer an dem sich darbietenden Schauspiele. I Ein Bombardement zwischen zwei improvisirten Festungen bildete das Schlußstück. Die Feuerkugeln fausten hoch im Bogen durch die Lüfte, anscheinend Tod und Verderben einander zutragend. Mit Jn- tereffe folgten die Anwesenden dem sich entwickelnden Schauspiele, denn bereits begannen auf beiden Setten die Festungswerke in bengalischem Feuer zu brennen. Da! noch eine Kugel! Der Erdboden zitterte. That sich die Hölle auf und zerriß den Erdgürtel oder was war dar, als Detonation auf Detonation folgte und die Explosionen in rascher Aufeinanderfolge die verschiedenartigsten Feuerwerkskörper in die Lüfte I schleuderte. Mit angehaltenem Athem hatten alle Theilnrhmer dem prächtigen Schauspiele beigewohnt und unter dem Gepraffel der Feuerwerkskörper über­hört, daß in der Stadt die Sturmglocke vergeblich nach der Feuerwehr rief. Auch jetzt wo das Feuer, werk selbst längst vorüber war, wäre es unmöglich gewesen, einen Ton des nächtlichen Weckrufes zu hören, wenn nicht der aufgehende Feuerschein über der Stadt in dringendster Weise an die schwebende Gefahr gemahnt hätte. Als nun gar die Signalisten der Feuerwehr auf dem Platz erschienen und ihre nur zu bekannten Feuerrufe ertönen ließen, da be­gann die Menschenwelle plötzlich nur eine Richtung nach dem bedrohten Herd zu nehmen und nach der Stadt zu stürmen. ,,

Im goldenen Ringe entwickelte sich kurz vor den eben geschilderten Vorgängen ein äußerst reges Leben im Hose. Die Gaststube war leer, desto voller stand aber der geräumige Hof mit Fuhrwerken aller Art. Wohl alle beffer situirten Landleute der Um- gegend waren, angelockt durch die herrliche Witterung, nach der Stadt gefahren und hatten zum größten Theile in dem altrenommirten Gasthofe ausgespannt. Da wie gewöhnlich nach Beendigung des Feuerwerks die Landleute wieder nach Hause eilten, so mußte in das Chaos der verschiedenen Wagen Ordnung gebracht werden. Frau Bester und der erste Haus« knecht des Gasthofes waren schon über eine Stunde im Hofe und in den Ställen damit beschäftigt, An- ordnungen aller Art zu treffen. Bald hier bald

die Lampe fallen und brach, nachdem sie noch einen Schritt vorwärts gethan, machtlos zusammen.

Redaktion: A. Scheyda. Druck und Verlag der vrü.hl'schcn Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen,

dort tauchte die geschäftige Frau auf und schien alles in Ordnung zu sein.

Hi-rauf bezog sich auch die Frage der Wlrthm, al« sie den Hausknecht fragte:Ist alles in Ordnung"? . m

Ja" erwiderte dieser, er kann jeden Augenblick losgehen."

Anscheinend befriedigt über dieses Resultat begab sich die Wirthin nach dem anderen Zimmer und überflog noch einmal die gedeckten Tafeln, an denen in der nächsten halben Stunde vielleicht schon die Reihen der Landleute mit ihren Töchtern und Frauen prangten. Sie durchschritt die Zimmer, gab noch einige Anordnungen in der Küche und wies den an- wesenden Lohnkellern ihre Tische an.

Ueber diesen Anstellungen mochte wohl eine halbe Stunde vergangen sein. Die Kanonen donnerten eben von dem Schießplätze herein, als vom Hofe der RufFeuer"Feuer!" mit seinen entsetzlichen Worten tönte. . , , c

Feuer!" kreischte die Wirthin wiederholend auf und stürzte hinaus auf den Hof, auf dem sich ein heller rother Schein bemerkbar und ein heftiges Ge- praffel hörbar machte.

I Lustig flackerte die Flamme au« dem Dach.aume des dem Böttchermeister Eichhart, gehörigen Hinter, gebäude« heraus und leckte gierig über da« Dach

I hinaus in die laue Sommerlust, die von keinem Windhauche bewegt wurde. Das Hinterhaus des Eichhart'schen Gehöftes stieß dicht an da» aus hölzernen Fachwänden bestehende Vordergebäude und mußte den Bewohnern gefährlich werden.

Die Wirthin ergriff sofort dir nöthigen Maß. regeln, daß die Kutschen und Wagen nach der andern Seite des Hofes, oder hinaus auf die Straße ge- schafft würden, während sie sich um ihr Hau« fast gar nicht kümmerte. Sie wußte, dasselbe war durchaus massiv gebaut und konnte von dem bedeutend I niedrigen Eichhart'schen Vorderhaus« nicht mit er­griffen werden. Die an das Eichhart'sche Besitzthum I grenzenden Stallungen dagegen waren nur durch Fachwände von einander geschieden. Sie waren auf den Böden mit Stroh, Holz und Heu gefüllt und mußten bei der Lage der Gebäude dem ausge- I brochenen Feuer zum Opfer fallen. Erst nachdem I sie sich überzeugt hatte, daß die Pferde aus den | Ställen getrieben wurden, verließ sie den Hof und stürmte nach dem Vorderhause, in dem ihr Mann händeringend in der Hausflur stand.

Weg!" rief sie.Altes Weib ! . . . stehst hier und ringst die Hände, während ich, ich die Wirthin I vom goldenen Ring im Hof mit den Pferden arbeiten muß, hätten wir nicht einen vernünftigen Menschen al» Hausknecht, so könnten wir morgen den Gasthof zumachen. Vorwärts! in die Stube und paß auf, daß da Nichts gestohlen wird; es ist das gute Seinen gedeckt. Ich werde unterdeß zu den Kindern springen.

I Beide trennten sich. (Fortsetzung folgt).