Ausgabe 
16.10.1886
 
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waren, holte Ackermann den Würfelbecher. Ich hatte den ersten Wurf und warf neun Augen. In demselben Augenblick trat Lieutenant von Görlitz ein. Er hatte im Moment seines Eintretens Worte vernommen, die ihm die volle Wahrheit enthüllten. Er wollte vermitteln; aber die gereizte Stimmung, in der wir uns befanden, gestattete uns nicht, seinen Worten Gehör zu schenken. Er mußte auf Ehren­wort Verschwiegenheit geloben; er konnte nicht anders. Ackermann warf zwölf, damit war die Sache ent­schieden. Was ich in den letzten Tagen gelitten habe, läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Ich ordnete meine Angelegenheiten, nahm einen kurzen Urlaub und trat die Reise nach Wiesbaden an. Unterwegs im EisenbahncoupL lernte ich einen Herrn kennen, der in seiner äußeren Erscheinung manche Aehnlichkeit mit mir hatte. Er hieß Franz Krüger und wollte ebenfalls nach Wiesbaden, um dort sein Glück an der Spielbank zu versuchen. Erst vor einigen Tagen erfuhr ich, daß dieser Mann der Banquier war, der meine Tante um einen großen Theil ihre» Vermögens betrogen hat. Spät am Abend kamen wir an; alle Gasthöfe waren überfüllt. In einem Hotel fanden wir endlich noch ein kleines Zimmer mit zwei Betten. Am nächsten Morgen in aller Frühe war mein Reisegefährte schon ver­schwunden; er hatte am Abend nach unserer Ankunft an der Bank gespielt. Mit ihm war auch mein Paletot verschwunden; dafür hatte er seinen zurück­gelassen. Ich nahm an, daß hier nur eine Ver­wechslung vorliege; die beiden Ueberzieher waren in der Farbe einander sehr ähnlich, und ich machte mir weiter keine Sorge darüber. In meinem Ueber­zieher befand sich allerdings mein Portefeuille; es enthielt außer einigen Briefen und Karten eine kleine Geldsumme, über deren Verlust ich leicht hinweggehen konnte. Mir blieb noch ein Tag, und diesen be­nutzte ich, um einige Abschiedsbriefe zu schreiben. Meinen Reisegefährten sah ich nicht wieder. Am nächsten Morgen fuhr ich hinaus nach Wiesenthal, um dort in dem schönen Walde, den ich von früher her kannte, dem Leben Valet zu sagen. Das Weitere muß Ihnen der Herr Oerförster berichten.

Der alte Herr nickte und strich die Asche von seiner Cigarre.

An jenem Morgen verließ ich mein Haus, um in gewohnter Weise den Forst zu durchstreifen", nahm er das Wort.Ich hatte erst eine kurze Strecke zurückgelegt, als ich plötzlich die Leiche eines elegant gekleideten Herrn vor mir liegen sah. Die Hand hielt das Pistol noch fest umklammert; ich konnte mir nicht anders denken, als daß dieser Un­glückliche ein Opfer der Wiesbadener Spielbank war, und in diesem Glauben wurde ich durch die leeren Taschen beschränkt. Ich beugte mich über ihn und entdeckte, daß er noch ahmete. Augenblicklich war mein Entschluß gefaßt. Ich eilte heim, holte meine Magd und trug mit ihrer Hülfe den Verwundeten in mein Haus. Mochte dieser Unglückliche nun sein, wer er wollte, der Versuch, ihm das Leben zu er­

halten, mußte gemacht werden. Und gelang dies, dann hatte das Leben für den Genesenen nur dann wieder einen Werth, wenn seine verzweifelte That ein Geheimniß blieb. Ich konnte ja nicht wissen, welche Motive diesem Selbstmord zu Grunde lagen. Es war nicht schwer, das Geheimniß zu bewahren. Mein Forstgehülfe war für längere Zeit beurlaubt, damit er sein Examen machen konnte; mein Sohn befand sich in einer Lehranstalt und ich wohnte mit meiner kleinen Tochter und der alten Magd allein im Forsthause. Ich schickte schon am nächsten Tage das Kind auf einige Wochen zu einer Tante; auf die Verschwiegenheit meiner Magd und unseres alten Wundarztes durste ich fest vertrauen.

Die Kugel war an einer Rippe abgeprallt; sie hatte in Folge dessen ihre Richtung geändert und keine edlen Theile verletzt. Einzelne Worte und ab­gebrochene Sätze, die der Patient in den Delirien des Wundfiebers sprach, verriethen mir Manches, und stand ich auch immer noch vor einem dunklen Räthsel, das ich nicht zu lösen vermochte, so gelangte ich doch schon jetzt zu der Ueberzeugung, daß die strengste Geheimhaltung im Interesse des Unglück­lichen dringend geboten war. Das silberne Plättchen auf der Waffe hatte mir seinen Namen verrathen; aber ich mußte in meinen Vermuthungen wieder irre werden, als die halb verweste Leiche gefunden wurde und man in den Taschen des Paletots Karten und Briefe fand, die denselben Namen trugen. Die Orts­behörde stellte fest, daß es die Leiche eines Premier­lieutenants von Salberg fein müsse, deren Beerdigung das Officierkorps übernehmen wolle. Ein Protest dagegen wäre nicht nur nutzlos gewesen, er hätte mich auch genöthigt, mein Geheimniß preiszugeben, und überdies konnte ich selbst nicht mit Sicherheit bestimmen, ob mein Verwundeter oder jener Todts der Lieutenant von Salberg war. So ließ ich den Dingen ihren Lauf; später, wenn mein Patient ge­nesen war, konnte immer noch je nach der Sachlage die Wahrheit festgestellt werden. Und als der Ver­wundete nach vielen Tagen sein klares Bewußtsein wieder erlangte, da hatte ich genug zu thun, um ihn, oft durch gewaltsame Mittel, von einem zweiten Selbstmordversuch zurückzuhalten. Er blieb bei der Behauptung, daß seine Ehre ihm gebiete zu sterben; daß er nicht mehr leben dürfe und daß ich ihm keinen Gefallen damit erzeige, wenn ich ihn verhindere sich den Tod zu geben. Ich drang in ihn mir Ver­trauen zu schenken und mir Alles zu sagen, was ihn bedrückte. Er that es, und ich mußte zugeben, daß seine Behauptungen in gewissem Sinne begründet waren. Aber konnte er unter diesen Verhältnissen auch nicht in seine heimathlichen Kreise zurückkehren, mußte er auch für Die, mit denen er bisher ver­kehrt hatte, tobt und begraben bleiben, wenn nicht der schmachvolle Vorwurf der Feigheit und Ehrlosigkeit sich als Fluch an seine Fersen heften sollte, so stand ihm doch drüben jenseits des Oceans die ganze Welt offen. Er mußte eben mit Allem brechen, war hinter ihm lag, und ein neues Leben