1880.
Samstag den 16. October.
Hießener ZlamiüenMttel.
Bellekistisches Utibtott fern Gießener Anzeiger.
Ar. 122.
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Saat und KrnLe.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Aber man wird Sie zurückweisen!" warf Tante Lina ein, die in der That diese Neugier nicht billigen konnte, weil es ihr völlig unbekannt war, was ein günstiger Zufall der erregten Frau früher schon entdeckt halte.
„So muß der Bursche des Herrn von Görlitz mir helfen", erwiderte Vera, und ohne eine Antwort adzuwarten, eilte sie hinaus. Von dem Oberförster begleitet, war Oberst Johnson in das Zimmer des Hauptmanns eingetreten; Herr von Görlitz und der Referendar erwarteten ihn schon.
„Grüß' Dich Gott, alter Freund!" sagte der Hauptmann, ihm die Hand drückend. „Ich danke dem Himmel, daß Alles sich so gefügt hat und nun auch nicht der leiseste Vorwurf Dich treffen kann."
Der Oberst nahm die blaue Brille ab und strich das Haar aus der Stirne zurück, dann ließ er die klaren, blitzenden Augen einige Sekunden lang auf dem Referendar ruhen.
„Ich könnte Ihnen zürnen, junger Mann, daß Sie mich zwingen, die alten Wunden noch einmal wieder auszureißen", versetzte er. „Es war meine Absicht, hier eine kurze Zeit zu weiten und dann unerkannt in meine neue Heimath zurückzukehren. Da kommen Sie nun mit Ihrer Untersuchung; mit Ihren Nachforschungen treiben Sie meine Freunde in die Enge, und ich werde dadurch gezwungen, Ereig- niffe zu enthüllen, die auf mich selbst einen dunklen Schatten werfen."
„Nicht doch", erwiderte der Oberförster begütigend; ich sagte Dir gestern Abend schon —"
„Ich weiß, war Du dagegen einwenden willst", fuhr der Oberst fort, während er sich niederließ und die Brille auf den Tisch legte. „Ich will auch jetzt Deinem Nathe folgen, dann aber laßt mich in Frieden scheiden. So hören Sie denn» Herr Referendar, Sie sollen Alle» erfahren, und ich zweifle nicht, daß Sie alsdann auf eine gerichtliche Vernehmung des Herrn Oberförsters verzichten werden. Ich bin Hermann von Salberg. Wer in Wiefenthal in dem Grabe ruht, das meinen Namen trägt, das vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Wie Sie bereits wissen, war ich vor elf Jahren ein junger, lebenslustiger Officier und zu meinen besten Freunden zählte ich auch den Gutsbesitzer Hugo Ackermann. Ich sage: ich zählte ihn dazu! Wir
verkehrten viel mit einander, und Ackermann erzeigte mir auch manchen Freundesdienst. Von anderer Seite wurde ich dann und wann gewarnt; man nannte ihn herzlos und beschuldigte ihn eines tückischen Characters, indessen hörte ich nicht darauf; ich fand keine Veranlassung, ihm einen Vorwurf zu machen. Wo und wie wir mit Fräulein von Löwenfels bekannt wurden, das brauche ich wohl nicht eingehend zu erörtern. Wir begegneten der jungen Dame häufig; sie wohnte bei einer Tante, wir erhielten Erlaubniß, sie zu besuchen und gar bald entdeckte ich, daß ich sie glühend liebte. Nichts hinderte mich, das entscheidende Wort zu sprechen, dennoch bangte mir vor der Entscheidung, ich fürchtete, meine Liebe werde nicht erwidert. Daran, daß Ackermann dieselben Wünsche und Hoffnungen hegen könne, dachte ich nicht; er aber hatte mich beobachtet, und schärfer blickend al» ich, wußte er bereits, daß ich seinem Glück im Wege stand. Darüber habe ich erst jetzt durch die Aeußerungm der unglücklichen Frau volle Gewißheit erhalten; damals aber wußte ich es nicht, ich fürchtete sogar, daß Vera von Löwenfels meinen Freund begünstigen könne. Eines Abends kam zwischen uns die Rede auf Vera, Ackermann muthete mir zu, ich solle freiwillig zurücktreten und mich in eine andere Garnison versetzen lassen. Dieses Verlangen empörte mich; es kam zu heftigen Worten, wir waren Beide gereizt, und eine tief beleidigende Aeußerung Ackermanns zwang mich, ihn zu fordern. Am nächsten Morgen empfing ich ein Billet, in dem Ackermann mich bat, ihn zu besuchen; ich glaubte au» dieser Bitte schließen zu dürfen, daß er seine Beleidigung zurücknehmen wolle. Statt dessen schlug er mir das amerikanische Duell vor. Er stützte diesen Vorschlag darauf, daß wir Beide Vera liebten, und daß sie nur dann dem Sieger angehören könne, wenn sie von dem Kampf um ihre Hand keine Kenntniß erhalte. Er wies ferner, darauf hin, daß Vera von Löwenfels unbemittelt sei und nach dem Tode ihrer Tante kein beneidenswertheS Loo» sie erwarte. Jeder von uns werde wünschen, sie vor diesem Loose zu bewahren. Ich gestehe, daß mir sein Vorschlag nicht gefiel, trotzdem die Gründe mir einleuchteten; mein Zögern bewog den Gegner zu neuen Beleidigungen, und rasch entschlossen willigte ich ein. Wir gelobten auf Ehrenwort strengste Verschwiegenheit. Der, welcher das Tvdesloos zog, sollte binnen drei Tagen in einer anderen Stadt sein Leben beenden und Nichts hinterlassen, was über die Gründe dieses Selbstmords Aufschluß geben konnte. Nachdem diese Verabredungen getroffen


