Ausgabe 
16.9.1886
 
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und die Bewegung, welche sich ihr bemächtigte, be- s kündete deutlich, daß sie es nicht bei wörtlichen Drohungen würde bewenden lasien, wenn sie den Gegenstand ihrer Zornes in der Gewalt gehabt hätte.

Flucht nicht", sprach der Lootse beschwichtigend; ich habe vielmehr Gott Dank zu sagen, daß er mich von der strafenden Hand des zeitlichen Gerichtes errettet und die Schande von meinem Haupte ge» nommen hat. Uebrigens ist heute das heilige Fron­leichnamsfest"

Die ganze Gesellschaft ward bei dieser Erwähnung von einem gewißen Schauer ergriffen. Schweigend stieg der Lootse vom Wagen und schlug die Richtung über die Haide nach dem Strande ein. Die Uebrigen ahnten sofort die Absicht seines Beginnens und folgten ihm still. Einige Hundert Schritte von der Straße entfernt stand ein altergraues, steinernes Crucifix, welches ein dankbarer Schiffer einst, als Erinnerungszeichen an seine wunderbare Rettung aus den Wogen des Meeres, aufgerichtet hat. Wilde Rosenbüsche umsäumten sein Piedestal und einzelne Anemonen blickten vom Boden mit klaren Augen zu dem heiligen Bilde empor. Hier warf der Lootse mit entblößtem Haupte sich nieder, küßte voll frommer Jnnbrunst den bemoosten Stein und flüsterte e.n Dankgebet. Alle Anderen schloffen in demselben Augenblicke einen Kreis um ihren besten Freund und beteten mit ihm, und als sie geendet, flochten Einige aus innerm Antriebe von den grünen Zweigen und Bändern, die sie trugen, einen Kranz, den sie als Festschmuck auf das Steinkreuz hingen. In an- dächtiger Stimmung kehrten dann Alle nach dem Wagen zurück und zogen langsam ins Dorf, an deffen Eingangs die Greise und Mütter den vom Schwurgericht zu Furnes zurückkehrenden Lootsen mit Händedruck und freundlichem Zuspruch begrüßten. Die Anhänglichkeit lockte dem Letzteren neue Thränen der Rührung in die Augen; er wollte sprechen, wollte den Grüßenden sein Herz ausschütten, aber die Worte erstickten im Drange der innern Bewegung. Ec drückte den lieben Menschen nur schweigend die Hände und wandelte mit ihnen nach seinem Häuschen. Schon von Weitem sah er'8 mit grünen Guirlanden, bunten Blumen und weißen Fahnen geziert, und als er nun sich ihm näherte, sprang mit freudigem Winseln ein kleiner Spitzhund an ihm in die Höhe.

Bist Du auch da, alter Phylax?" rief Hansen dem treuen Thiere zu.Ach, wie glücklich bin ich, daß ich wieder im Kreise meines Dörfchens angelangt bin und daß Alles mir freundlich entgegenkommt Alles!"

Er breitete bei diesem Ausrufe die Hände nach einem jungen, hübschen Mädchen aus, welches ihm weinend aus feinem Häuschen entgegentrat.

Gott sei mit Dir, Röschen!" sprach der Lootse mit heiterer Ruhe.Aber jetzt weine nicht mehr, Mädchen, sondern freue Dich mit den Fröhlichen, die heut alle Deine Gäste sein wollen. Siehe,

Röschen, um Deinetwillen habe ich ganze vier Wochen im Gefängniß zu Furnes trauern müssen. Weil der boshafte Barkfchiffer Veit, der ein Äug' auf Dich geworfen, aber im Schlechten, erst über mich hin­weg mußte, um Dich zu erreichen, so war's ihm darum zu thun, zuerst mich zu fällen; er bestach deshalb zweifelsohne den Landjäger, der Dir so ost nachstellte, chaß er hinging ins Criminalgericht von Rieuport und fälschlich angab, ich selbst habe wahr­scheinlich meinen eigenen, voc drei Jahren auf un­erklärliche Weise verschwundenen Sohn aus meinem Fischerkahne ins Meer gestürzt, weil er mit Dir ein Liebes lerständniß gehabt habe, ich aber zum Schimpf meiner grauen Haare allein mit Dir habe leben wollen. Gott hat mich von diesem schändlichen Verdacht durch Menschenzungen freigesprochen, und wenn er mir jetzt auch noch das Glück versagt, meinen Sohn wieder ans Herz zu schließen, so weiß ich's ihm doch Dank, daß er mich wieder heimgs- führt hat zu guten, freundlichen Menschen und daß er mich auf seine Gnade hoffen läßt."

Während dieser Rede waren Alle ins Haus ge­treten und Röschen, das Pflegekind Hansens, suchte in geschäftlicher Eile trotz beschränkten Raumes es Allen bequem zu machen.

Schaff schnell einen Imbiß und guten Trunk!" rief Hansen in heiterer Laune.

Halt da!" entgegnete einer seiner Nachbarn, ein gottesfürchtiger Greis, der sich mit Kabeljau- und Häringsfang ein Erkleckliches erworben hatte, es ist für Alles gesorgt, Nachbar Hansen, denn Gott sprach schon in letzter Nacht ahnend in meine Seele, daß heute die Unschuld werde an den Tag kommen."

Bei diesen Worten that er die Thür auf und die erstaunte Gesellschaft sah auf sein Händeklatschen seine Fischerburschen und Magd mit vollen Speise- körben und einem blanken Fäßchen einheimischen Gewächses eintreten. ,

Jetzt nahm der wackere Fischhändler mit deter- minirter Freundschaftsbezeigung das Amt des Fest­ordners und arrangirte in Kurzem ein würdiges Mahl, das von vollkommenster Heiterkeit gekrönt worden sein würde, wenn dem Lootsen nicht der Schmerz der Erinnerung an seinen verschollenen Sohn und das seltsam trauernde Antlitz Röschens Wermuth ins Gemüth gestreut hätte. Aber er war zu verständig, als daß er die festliche Stimmung der um seinetwillen frohbewegten Menschen hätte trüben mögen; er beherrschte sich vielmehr mannhaft und feine Lippen gaben Humor für den funkelnden Wein, den sie empfingen. Auf einmal schlug der Hund an und lief unruhig hin und her. Hansen fuhr betroffen auf, auch die Gesellschaft ward auf­merksam. _ _ , .

Es kommt Sturm", sprach ernst der Pilot, mein Phylox giebt untrügliche Zeichen."

(Schluß folgt).

Redaktion: A. Scheyda,

Druck und Perlag der Brithl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.