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nicht vorher mit ihren klugen Freunden berathen und muß ihren Entschluß sofort fassen."
„Gut, ich werde morgen früh ausgehen und vor Mittag zurück sein; ich will es so einrichten, daß die Magd um drei Uhr sich an einem bestimmten Ort einfinden muß, um für ihre Herrin Etwas in Empfang zu nehmen. Das will ich schon besorgen."
„Glaubst Du mit voller Sicherheit es zu können?" „Gewiß, ich werde heute Abend darüber nachdenken, Du darfst Dich darauf verlassen, daß die Magd morgen Nachmittag um drei Uhr nicht hier im Hause sein wird."
„Dann ist alles Weitere Kinderspiel!" sagte er. „Die Corridorthür ist keinesfalls verriegelt —"
„Nein, und ich will Dir meinen Schlüffel dazu geben. Du mußt aber diesen Schlüssel hier zurücklassen, damit ich nicht in Verlegenheit komme, wenn er von mir gefordert wird. Lege ihn nur unter den Divan im Parlor, ich werde ihn dort suchen und fortnehmen."
„Wie ist'r mit dem Schlüssel zu diesem Schränkchen?" fragte er.
„Den kann ich Dir nicht verschaffen, Dora trennt sich nie von ihm. Und es ist vielleicht auch bester für uns, wenn dieses Schloß gewaltsam erbrochen wird, das wird den Verdacht auf Verbrecher von Profession lenken. Er giebt deren ja so viele in dieser Stadt —"
„Und ich werde Vorkehrungen treffen, die diesen Verdacht bestätigen. Ich werde eine alte, schmutzige Mütze und ein zerrissenes, baumwollenes Taschentuch hier zurücklassen, die nur das Eigenthum eines Vagabunden sein können. Wie sollte da ein Verdacht auf uns fallen? Du bist während der That in Dora's Gesellschaft gewesen und ich habe in derselben Stunde den Vanguier Reichert in meiner Wohnung empfangen."
„Zu derselden Stunde?"
„Nun, ob die Zusammenkunft einige Minuten früher oder später stattgefunden hat, daran liegt wenig. Reichert wird meine Aussage bestätigen, wenn man eine solche Bestätigung fordern sollte."
„Und wenn nun dennoch Haussuchung bei Dir gehalten würde?"
„So würde man weder die Castette noch etwas von ihrem Inhalt finden, auch dafür sind meine Vorkehrungen bereits getroffen. Ehe man an die Haussuchung bei mir denkt, ist die Eastette schon in einem Koffer wohlverpackt auf dem Wege nach Paris, dort nehme ich sie später in Empfang "
„Und übermorgen willst Du abreisen?"
„Jawohl. Kannst Du mir vorher von dem Schlüffel zur Castette einen scharfen Wachsabdruck verschaffen, so wird es mir lieb sein; ich laste dann in Brüssel einen Schlüssel darnach anfertigen."
„Sehe ich Dich vor der Abreise noch?"
„Natürlich, ich werde hierher kommen, um Abschied zu nehmen."
„Das willst Du wagen?" fragte sie überrascht.
„Ich sehe darin kein Wagniß, im Gegentheil,
ich bekunde ja dadurch meine Schuldlosigkeit. Ich werde über den frechen Einbruch bestürzt sein."
„Ich glaube nicht, daß Du vorgelassen wirst."
„Ich glaube das doch."
„Katharine hat gemeffenen Befehl, Dir zu sagen, die gnädige Frau sei verhindert."
Ein spöttisches Lächeln umzuckte die Lippen Sonnenberg'-, in den Tiefen seiner unheimlichen Augen loderten die verzehrenden Gluthen des Hasses und der Rachsucht.
„Schon aus Neugier wird sie mich empfangen, wenn ich nach diesem Einbruch komme", erwiderte er, „sie wird den Eindruck meines Geflchts studiren, das Bekenntniß der Schuld in meinen Mienen lesen wollen und sich natürlich getäuscht sehen. Aber wenn ich abgewiesen werden sollte und Du hast den Wachsabdruck, dann wirst Du wohl einen Vorwand finden —"
„Verlasse Dich darauf nicht", unterbrach sie ihn mit einer abwehrenden Handbewegung. „Ich habe geloben müssen, kein Wort mehr mit Dir zu reden, und Du wirst begreifen, daß ein Bruch des Gelübdes sofort den Verdacht auf uns lenken müßte/« Fortsetzung folgt.
Wach Hohem Ziel.
Novelle een Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
„Konnten Sie nicht erfahren, ob der Baron viel correspondirt, und aus welchen Orten er Briefe empfängt?" fragte er hastig.
„Der Postbote hat strenge Anweisung, alle für den Baron bestimmten Schriftstücke in einen Briefkasten zu befördern, welcher an der Eingangsthür nach dem Vorsaale angebracht ist, und zu welchem nur er selbst den Schlüssel besitzt", berichtete der Bedienstete. „Es ist also bei uns nicht wie in anderen vornehmen Häufern, wo der Hausmeister Vertrauensperson ist und die Postsachen für die Herrschaft in Empfang zu nehmen und au diese abzuliefern hat. Indessen finde ich oft, wenn ich das Arbeitszimmer des Barons betrete, um zu lüften und Ordnung zu schaffen, was stets geschieht, wenn der Herr ausgefahren ist, im Papierkorbe verschiedene Briefumschläge, die häufig mit russischen Freimarken versehen sind--"
„Und dar sagen Sie mir erst jetzt, Rothe!" unterbrach der junge Mann den Gefährten, indem er diesen mit beiden Händen an den Schultern faßte und zum Stehenbleiben zwang. „Diese Entdeckung kann für uns von höchster Wichtigkeit werden, denn sie zeigt uns die Fährte, welche wir zu verfolgen haben."
„In der That daran habe ich noch nicht gedacht!" versicherte mit etwas verblüfftem Gesichtsausdruck der Andere. „Der Inhalt des Papierkorbes wandert regelmäßig in den Kamin, und ich


