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habe mir bisher noch nicht einmal die Mühe genommen, die Schriftstücke genauer zu besichtigen."
„Von jetzt an werden Sie jedes beschriebene Blatt sorgfältig aufheben und an mich abliefern", befahl Herr von Brehmer. „Selbst das scheinbar unbedeutendste Zettelchen kann von Wichtigkeit sein, ganz besonders sorgfältig müssen Sie fortan die Briefcouverts sammeln, die für uns unschätzbares Material für unsere Nachforschungen geben werden."
Der Alte nickte zustimmend.
„Verlassen Sie sich auf mich, gnädiger Herr, ich werde Alles pünktlich besorgen", betheuerte er.
„Und noch eins, Rothe, haben Sie ein scharfes Auge auf Liesbeth, beobachten Sie deren Umgang, und ob von den zahlreichen Gästen des Barons irgend einer ihr Aufmerksamkeiten erzeigt, ob sie einen besonders auszeichnet. So oft ich selbst in der Eschen- heim'schen Familie weile, scheint sie vorsichtig zu fein, um keinen Verdacht zu erregen; aber ich finde diese Zurückhaltung bei einem jungen, lebenslustigen Mädchen seltsam, ich traue dieser zur Schau getragenen Schüchternheit nicht recht."
„Darin thun Sie dem gnädigen Fräulein wohl Unrecht, gnädiger Herr, denn es dürfte selten in dem gleichen Stande ein so bescheidenes, anspruchslose» und natürliches Wesen geben, als Liesbeth es ist. Aber weiß sie, daß Sie sich für sie in- tereffiren ?"
„Sie müßte blind sein, wenn sie das nicht hätte bemerken sollen, obgleich ich mich noch nicht gegen sie ausgesprochen habe. Aber daß die Kleine trotzdem gegen mich so unbefangen thut, als ob die Liebe für sie überhaupt nicht vorhanden wäre, da» bringt mich fast zur Verzweiflung."
„Die Frau Baronin ist sehr stolz--"
„Ja wohl, die Frau Baronin ist sehr stolz, Rothe, und freiwillig wird sie ihre Zustimmung zu einer Verbindung mit mir niemals geben. Aber deshalb will ich Material sammeln, das mir eine gewisse Macht, eine entschiedene Uebe^egeuhcit giebt, mit welcher ich die Erfüllung meines Wunsches durch- fefcen kann."
„Ich begreifeI" sagte der Hausmeister, und die kleinen, grauen Augen in dem rochen, dicken Gesichte wandten sich mit verschmitztem Blinzeln dem jungen Manne zu. „Liesbeths Vater wird wenig Schwierigkeiten machen, er ist gewöhnt, sich in Familiensachen feiner Frau unterzuordnen. Deshalb thun Sie wohl, die Entscheidung der Mutter zu überlassen, von welcher allein es abhängen wird, den künftigen Schwiegersohn zu bestimmen."
„Von ihr — und hoffentlich auch ein wenig von mir!" ergänzte Brehmer zuversichtlich.
Sie waren wieder in die Nähe der Hauptallee gelangt, und auf dem Pfade, den sie eingeschlagen hatten, wurde cs lebhafter. Spaziergänger begegneten ihnen, und das Geräusch dec Wagen und Reiter, welche die breite Straße fr quentirten, drang jetzt deutlich bis zu ihnen.
Herr von Brehmer schien es vermeiden zu wollen, in Gesellschaft des Hausmeisters gesehen zu werden, denn noch ehe sie in die Hauptallee einbogen, verabschiedete er sich.
„Sie wissen jetzt, was Sie zu thun haben, Rothe, ich verlasse mich auf Sie", sagte er rasch und leise.
Dann machte er eine flüchtige Handbewegung und eilte schnellen Schrittes davon, während der Andere den Hut zog und dann langsam in der Richtung der großen Allee davonging.
„Das Mädchen ist jung, schön und, was die Hauptsache ist, reich — für mich die bedeutungsvollste Eigenschaft", sagte der junge Mann zu sich selbst, als er sich allein befand, „hier gilt es rasch zu handeln, ehe ein anderer Bewerber zuvorkommt. Darum vorwärts, gleichviel ob auf geraden ober verschlungenen Wegen — dem Kühnen war da» Glück noch immer hold!"
III.
In einer der vornehmsten, von der reichen Welt besonders bevorzugten, ländlichen Ortschaften in der Umgebung der Hauptstadt stand, von grünem Laubwerk fast ganz verdeckt, ein hübsches, idyllisches Landhaus, von welchem von der Straße au» wenig mehr als die Giebelspitze sichtbar war. Ein ziemlich ausgedehnter Garten umgab da» Gebäude, welche» nur aus dem Erdgeschoß und einem Stockwerke bestand. An der Rückseite des Hauses dehnte sich eine zierliche Terrasse au», deren Estrade mit laubenähn- lichem Ausbau versehen war, welcher dicht von Wein umrankt wurde und einen kühlen, schattigen Aufenthalt gewährte.
Die Villa gehörte dem Baron Eschenheim, welcher hier einige Monate des Sommers zubrachte, wenn er nicht mit seiner Familie größere Reisen unternahm. Aber auch hier, wie in der Stadt, empfing er gern Gäste, in deren Umgang er die einzige Zerstreuung fand, die ihm das Landleben einigermaßen erträglich erscheinen ließ.
Ein schwüler Abend war dem sengend heißen Tage gefolgt; kein Lüftchen regte sich und milderte die drückende Atmosphäre, die auf der fast verschmachtenden Natur lagerte. Dürstend senkten die Blumen ihre duftigen Häupter zur Erde herab, als wollten sie diese anflehen, einen Labung spendenden Quell zu senden; der muntere Gesang der Vögel war verstummt, und selbst die geflügelte Jnsekten- roelt schien ermattet sich in ihre verborgenen Wohnungen zurückgezogen zu haben.
Nur hin und wieder schwebte ein Johanniskäfer durch die Büsche dahin, in deren Dunkel der leuchtende Schein, dir diesem Insekte eigen ist, auf Augenblicke sichtbar ward.
Am Himmel aber stiegen langsam blauschwarze Wolken empor, deren Saum die im Westen hinab- gesnnkene Sonne mit vergoldeten Rändern schmückte.
(Fortsetzung folgt).
Mdaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brüht'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gieße».


