Ausgabe 
16.1.1886
 
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in dieser Stadt nicht länger bleiben, und ich weiß nicht, wie bald ich an einem anderen Orte wieder festen Fuß fassen werde. Ich weiß auch nicht, wo­hin Du verschlagen wirst und ob sich uns jemals wieder eine günstige Gelegenheit zur gemeinsamen Operation bieten wird; da muß ich also sorgen, daß ich wenigstens der nächsten Zukunft ohne Sorge ent­gegen sehen kann."

Was die gemeinsamen Operationen betrifft, so hängen sie allerdings von Zufälligkeiten ab", sagte Ernestine gedankenvoll.Indessen werde ich doch das Meinige thun, um sie möglich zu machen, ich werbe mich um ein Unterkommen in einer anderen Stadt bei einer reichen und möglichst jungen Dame bemühen"

Und was dabei herauskommt, das haben wir ja nun gesehen", unterbrach er sie abermals.Nein, auf solche Zufälligkeiten baue ich meine Hoffnungen nicht mehr, und ich möchte auch Dich hinfort vor den Demüthigungen bewahren, denen Du in solchen Stellungen täglich ausgesetzt bist. Ich gedenke über­morgen nach Paris zu reisen, vielleicht könntest Du binnen Kurzem Nachkommen. Wir würden dann beisammenbleiben."

Das wäre gewiß sehr schön, aber wovon wollen wir dann leben?"

Von dem, was wir mitnehmen."

Sie blickte ihn einige Sekunden lang schweigend an; dann schüttelte sie mit bedenklicher Miene ihr blondes Haupt.

Ich glaube Dich zu verstehen", sagte sie leise, aber ich glaube nicht, daß es geschehen kann, es ist zu gefährlich."

Weshalb?" fragte er ruhig.

Weil auf uns der erste Verdacht fallen würde."

So müssen wir dafür sorgen, daß von einem solchen Verdacht keine Rede sein kann."

Du magst Deine Vorbereitungen noch so gut treffen"

Mein Plan ist fertig, er wird Deine Bedenken beseitigen. Vor allen Dingen eine Frage: Was ist hier zu holen?"

Ich weiß es selbst nicht, aber ich glaube, daß es sich der Mühe lohnen würde, wenn"

Lassen wir alle Wenn und Aber jetzt einmal bei Seite' Verwaltet Dora ihr Vermögen selbst?"

Ja."

Und wie ist es angelegt?"

In Staatsschuldscheinen, Pfandbriefen und Prioritäts-Obligationen verschiedener Eisenbahnen."

Besitzt sie ein Verzeichniß der Nummern dieser Papiere?"

Dieses Verzeichniß liegt bei den Papieren."

Und die Papiere selbst?"-

Befinden sich in einer eisernen Cassette, die dort in dem Schränkchen steht."

Ernestine deutete auf ein elegantes, zierlich ge­arbeitetes Schränkchen, das.neben dem Schreibtisch stand, Sonnenb.rg erhob sich, um es zu besichtigen.

Das Schloß wird ohne Mühe gesprengt werden können", sagte er.Wie groß ist der Betrag?"

Auch das kann ich Dir nicht sagen", erwiderte Ernestine mit einem scheuen Blick nach der Portiöre, war es ihr doch, als ob sie im Nebenzimmer ein Geräusch vernommen habe,jedenfalls ist es eine große Summe. Und jene Casette enthält nicht allein Werthpapiere, sondern auch Banknoten, Goldrollen und unter anderen Schmucksachen einen werthvollen Brillantschmuck. Ja, wenn wir das Alles unser Eigenthum nennen dürften, dann brauchten wir für die Zukunft nicht zu sorgen."

Sonnenberg ging einige Male auf und nieder, dann nahm er wieder Platz.

Wir sichern uns dadurch eine sorgenlose Existenz und nehmen zugleich Rache", sagte er.Und selbst wenn ein Verdacht auf mich fallen sollte, ich will schon dafür sorgen, daß mir nichts bewiesen werden kann. Ja, wenn ich jetzt die Cassette mitnähme, dann würden wir Beide wohl heute Abend schon verhaftet werden. Und in der Nacht kann e« auch nicht ge­schehen, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollen, ein Menschenleben"

Um keinen Preis der Welt!" rief Ernestine entsetzt.

Ich will das auch nicht. Am Hellen Tage muß es geschehen. Sagen wir morgen Nachmittag. Nur eins macht mir Sorge: die Entfernung der Magd. Dora wird morgen Vormittag wieder einen Brief erhalten, eine Erwiderung auf die Antwort, die ich morgen früh auf der Post zu sinden erwarte. Ich werde ihr schreiben, ich wolle sie morgen Nachmittag Punkt drei Uhr an einem bestimmten Orte erwarten, um ihr die versprochenen Beweise zu übergeben. Sie dürfe keinen ihrer Freunde mitbringen, wenn sie aber einen Zeugen wünsche, so wolle ich gestatten, daß ihre Gesellschafterin der Unterredung beiwohne; komme sie mit einer anderen Person, so würde unsere Zusammenkunft nicht statlfinden. Glaubst Du, daß sie sich dieser Bedingung fügen wird?"

Ja, ich glaube es", erwiderte Ernestine nach kurzem Nachdenken.Sie wird in jede Bedingung sich fügen, jedes Opfer bringen, wenn ihr dafür die Möglichkeit geboten wird, die Schuldlosigkeit Dorn- berg's beweisen zu können."

Gut, so würden also Dora und Du morgen Nachmittag nicht hier sein. Die Hausthür ist offen, man kann unbemerkt aus- und eingehen, wenigstens habe ich unten noch keinen neugierigen Dienstboten gesehen."

Und doch könntest Du zufällig einem Hausbe­wohner begegnen."

Er würde mich nicht erkennen. Brille und Perrücke können ein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Das ist meine geringste Sorge. Die Hauptfrage bleibt für mich, ob und wie die Magd in unverdächtiger Weise entfernt werden kann."

Wann wird Dein Brief hier ankommen?"

Ich denke, nach zwölf Uhr; sie kann sich dann