Hichener Jamilienblätter.
Belletristisches BeiblE MM Gießener Anzeiger-
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Nr. 82. Donnerstag den 15. Juli. 1886.
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Saat und Ernte.
Roman von Ewald Angust König.
(Fortsetzung.)
„Ja, liebster Freund, diese Frage kann ich Ihnen j nid t beantworten", erwiderte der Gerichtsrath achselzuckend. „Keller mag die Papiere auch an einem anderen Ort gefunden haben —"
„Und ich bleibe bei meiner Behauptung, daß er den Banguier ermordet und beraubt hat!" sagte Rommel, ihn unterbrechend. „Er kann die Leiche im Wiesenthaler Walde verscharrt haben; es ist möglich, daß er dort auch einen Theil seines Raubes versteckt hat, den er jetzt holen will."
„Er würde seinen Raub damals schon mitgenommen haben!"
„Dazu hatte er wohl nicht den Muth; er mußte ja immerhin befürchten, daß er verfolgt wurde. Und hatte er ein sicheres Versteck gefunden, so konnte er ihm immerhin einen Theil des beraubten Gutes anvertrauen, er sicherte sich dadurch gewissermaßen einen Rothpfennig für spätere Zeiten."
Der Untersuchungsrichter wiegte sinnend das Haupt.
„Ich will zugeben, daß die Nichtigkeit Ihrer Vermuthungen im Bereiche der Möglichkeit liegt", sagte er, „aber wird der Vagabund nicht sofort er- rathen, daß Sie ihn beobachten wollen, wenn er Sie in Wiesenthal sieht?"
„Ich werde ihm einen Vorsprung von einigen Tagen lasten und meinen Aufenthalt dort verlängern oder abkürzen, je nachdem ich die Dinge finde. Einen bestimmten Plan kann ich jetzt noch nicht entwerfen. Ich werde mich nach meiner Ankunft sofort mit der Behörde in Wiesenthal in Verbindung setzen und je nach den Umständen handeln."
„Nun wohl, ich werde mit dem Gerichtsdirektor reden und Ihnen den Urlaub verschaffen", sagte der Richter nach einigem Nachdenken; „man soll uns 1 nicht den Vorwurf machen, daß wir nicht Alles ge- ' than hätten, diese Spuren zu verfolgen. Ob und was dabei herauskommen wird, müssen wir dann abwarten, ich für meine Person hege keine groß n Hoffnungen."
Damit war die Unterredung beendet. Der Gerichtsrath beschäftigte sich wieder mit feinen Acten, und der Abend war längst angebrochen, als der Referendar endlich die Feder niederlegen und an den Heimweg denken durfte. Herr von Görlitz er
wartete ihn schon längst; er empfing ihn mit sichtbarer Ungeduld.
Rommel berichtete ihm die getroffenen Vereinbarungen. Der Hauptmann nickte befriedigt; er war mit Allem einverstanden.
„Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie meinem Gegner nicht den ersten Schuß auf diese geringe Distance eingeräumt haben", sagte er mit gezwungenem Lächeln, aber im Großen und Ganzen ist mir wenig dadurch gedient. Ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich nie ein guter Schütze gewesen bin; ich muß es dem Zufall überlasten, ob meine Kugel ihr Ziel treffen wird oder nicht. Und doch würde ich es für eine verdienstvolle That halten, diesen Mann zu den Todten zu werfen", fuhr er fort, und ein scharfer, herber Zug spielte dabei um seine Mundwinkel; „es wäre nur eine gerechte Vergeltung, die ihn längst hätte erreichen müssen!"
„Eine Vergeltung — wofür?" fragte der Referendar.
„Ich kann diese Frage nicht beantworten. Mein Ehrenwort zwingt mich, das Geheimniß zu wahren."
„Ueberall Geheimniste! Apropos, der Premierlieutenant von Salberg war Ihr Freund, nicht wahr?"
„Jawohl!"
„Misten Sie, wie er endete?"
„Wissen Sie es?"
„Ich habe es erst heute erfahren ; die Behörde in Wiesenthal erstattete uns darüber Bericht."
„Dann möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß seiner Schwester dieses Ende unbekannt geblieben ist."
„Ich dachte cs mir", nickte der Referendar. „Was aber trieb ihren Bruder zu diesem verzweifelten Schritt?"
„Diese Frage ist schon oft an mich gerichtet worden. Ich muß die Antwort darauf schuldig bleiben."
„Also auch hier ein Geheimniß?"
„Auch hier", erwiderte der Hauptmann; „Hermann von Salberg hat selbst sich das Leben genommen, das Warum ist mir bekannt, aber ich kann es Ihnen nicht enthüllen."
„Das Warum wird offenbar, wenn die Todten auferstehen", sagte Rommel gedankenvoll.
„Vielleicht schon früher", fuhr Herr von Görlitz fort, während er langsam die Spitze seiner Cigarre abschnitt. „Sollte ich fallen, so werden Sie in meinem Portefeuille zwei Briefe finden; einer ist an meine Braut, der andere an Madame Schirmer


