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auffallenden Sonderbarkeiten vortrefflich zur Bereicherung ihres eigenen Beutels zu benutzen verstanden. So brachten Kaufleute auf die Michaelismesse 1684 mehrere Fässer mit getrockneten — Türkenschädeln, welche grausigen Artikel die Türkenkämpfe vor Wien im Jahre 1683 „geliefert" hatten und die Rechnuna auf die menschliche Sucht nach Neuigkeiten nud Neuheiten trog auch, in diesem Falle nicht, denn diese Schädel, an denen vielleicht noch gräuliche Wunden zu sehen waren, wurden mit sechs, acht und noch mehr Thalern das Stück verkauft und gingen bis hinauf nach Dänemark und Schweden. Auch an anderen wenigstens für die damalige Zeit seltsamen Dingen fehlte es nicht. In der Oster- meße 1683 erregte ein Wachsfigurenkabinet, in welchem die Mitglieder der französischen Königsfamilie in frappanter Aehnlichkeit nachgeahmt waren, allgemeine Bewunderung und auf der Ostermesse 1699 bildete ein Knabe, der an Händen und Füßen mit einer harten Fischhaut versehen war, sowie ein Mädchen aus Brabant, welches geschmolzenes Blei, siedendes Oel u. s. w. genoß und auf glühendem Eisen gehen konnte, den Mittelpunkt der Sehenswürdigkeiten.
Daß allerhand Merkwürdigkeiten, die aus fremden Ländern ihren Weg nach Europa nahmen, zuerst mit auf der Leipziger Messe gezeigt und hier gebührend augestaunt wurden, war selbstverständlich und namentlich mit den Vertretern der Thierwelt fremder Zonen der Fall. Auf der Michaelismeffe 1650 war ein Elephant zu sehen, der wohl überhaupt der erste Elephant gewesen ist, den man auf deutschem Boden sah und welcher nach Schilderungen eines alten Leipziger Chronisten ein äußerst kluges und gelehriges Thier gewesen sein muß. Beiläufig gesagt, erschien erst wieder im Jahre 1780 ein Elephant auf der Leipziger Messe, was leicht erklärlich ist, wenn man erwägt, welche Kosten und welche Schwierigkeiten noch zu jener Zeit der Transport eines so riesigen Thieres verursachte, ganz abgesehen von dem Capital, welches sein Ankauf verschlang. Auf derselben Leipziger Michaelismeffe vom Jahre 1684, auf welcher die schon erwähnim Türkenköpfe paradirten, gab es auch indianische Raben, Papageien Kakadus, Meerkatzen und Pavians — alles natürlich für jene Zeit großartige Meßwunder, die denn auch das gebührende Aufsehen hervorriefen. Noch mehr Sensation erregte die Menagerie, welche sich auf der folgenden Michaelismesse in Bräunicken's Hof prä- sentirte und zwar weniger wegen ihrer Löwen und Tiger, als vielmehr wegen eines gar wundersamen Vogels, der „vorn wie eine schwarze Sau gestaltet war und Stacheln auf dem Rücken hatte."
Schon vor zweihundert Jahren und noch früher existirte auf der Leipziger Messe jenes bunte Gewühl von privilegirten Marktschreiern, Quacksalbern, Gauklern, Bären-, Affen-, und Hundeführern, Bänkelsängern, Marionettenfpielern, Meßmusikanten u. s. w., welches dem Leipziger Meßtreiben hauptsächlich mit
eine so charakteristische Färbung verlieh und mit welchem erst in neuerer Zeit so ziemlich aufgeräumt worden ist. Auch gab es zuweilen größere Schaubühnen, auf welchem freilich nur Komödien von recht widriger Art, bei denen es an handgreiflichen Zweideutigkeiten nicht fehlte, aufgeführt wurden. — Sogenannte Vielfraße, Individuen, welche allerhand unverdauliche oder etliche Sachen verschlangen, ließen sich auf den Leipziger Messen öfters sehen, wie z. B. auf der Michaelismesse des Jahres 1699. Von diesem Vielfraß erzählt ein Meßbericht aus jener Zeit, daß er Steine, Glas, Holz, Lederwerk u. s. w. verschlang, ja, sogar Katzen, Hunde, Ratten u. bergt, aufaß, ohne sich erst die Mühe zu geben, das Fell abzuziehen.
Auf ebenderselben Messe erschien auch König August der Starke mit ganz besonderem Gepränge. Außer seiner Gemahlin begleiteten ihn nicht weniger als 97 fürstliche Personen, Grafen und,Freiherren deutscher Nationalität, während sich in seinem Gefolge 40 polnische Große und Edelleute befanden; die Leibgarde des bekanntlich äußerst prunkliebenden Herrschers bestand ans 170 prächtig costümirten Janitscharen, die ihre eigene Feldmusik mit sich führten. Einige Tage nach der Ankunft des Königs wurde in Leipzig die Vermählung des Erbprinzen von Brandenburg-Bayreuth mit einer Prinzessin von Sachsen-Weißenfels mit großem Pompe und unter Beisein Augusts des Starken gefeiert. Während des damaligen Aufenthaltes des Königs in Leipzig wurden im Brühls nicht nur am Zimmerhofe im Opernhause Vorstellungen gegeben, sondern auch in dem Gasthofe „Zu den drei Schwanen" auf königlichen-Befehl zum ersten Male französische Komödien aufgesührt, welche die deutschen und polnischen Fürstlichkeiten und Herrschaften Abends fünf Uhr täglich besuchten. Nach dem Theater fand gewöhnlich eine Redoute statt, wozu man die Börse auf dem Naschmarkte eingerichtet hatte.
Bei den vielen und langen Kriegen früherer Zeiten gerieth, wie überall, auch der Leipziger Handel öfters in Stocken und mit ihm natürlich der Meß- verkehr, denn wer hatte wohl Lust, seine Güter der Landstraße anzuvertrauen, wenn solche durch hin- und herziehende Kriegsvölker, noch mehr aber durch marodirendes Gesindel und förmliche Räuberbanden, unsicher gemacht wurden? Daß dann die Leipziger Messen ein gar trübseliges Bild darboten, war nicht zum Verwundern; so fanden sich zur Ostermesse des Jahres 1611 weder Käufer noch Verkäufer ein, es waren die Kaufleute eben dessen noch eingedenk, wie Hamburger Kaufleute bei ihrer Heimkehr von der Leipziger Neujahrsmesse von den Schweden überfallen und vollständig ausgeplündert worden waren. Andere Male mußte während des dreißigjährigen Krieges die Messe förmlich verschoben werden, so daß z. B. im Jahre 1639 die Ostermesse erst am 9. Juni begann und wurde dieselbe trotzdem wahrlich keine Jubilatemesse.
AedMion; A, Scheydg, — Druck und Verkg der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


