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warte von Ihrer mir bekannten Pflichttreue meine vollständige Vertretung nach jeder Richtung hin."
Duprat verneigte sich leicht, allerdings dem Anscheine nach ein wenig spöttisch.
„Ich werde nach wie vor bemüht bleiben, Ihr gesammtes Interesse zu wahren", entgegnete er, „wenn mir dies die Umstände nur auch immer erlauben werden."
„Die Umstände?" fragte der Kommerzienrath befremdet. „Wie meinen Sie das? Finden Sie noch irgendwo Widerstand?"
„O, nein, der ist ja nun endlich gebrochen", entgegnete Duprat. „Ich meinte das nicht, denn im Nothfall bin ich mir selbst Stütze genug, um meinem Willen Geltung zu verschaffen. Aber wenn nun zum Beispiel während Ihrer Abwesenheit Ihr Sohn zurückkehrt —"
Der Kommerzienrath wechselte die Farbe.
„Wie kommen Sie gerade darauf?" fragte er mit leichtem Stirnrunzeln.
„Es ging mir nur so durch den Kopf", sagte entschuldigend Duprat. „Es könnte doch sein, und wenn Sie dann zu weit weg sind, um rasch Ihren Rath erholen zu können, käme ich doch in keine geringe Verlegenheit, was ich dann mit Herrn Eduard machen sollte, ob ihn abweisen oder beherbergen."
„Ich denke doch nicht, daß Sie ihn den Behörden ausliefern würden", sprach Etwold vorwurfsvoll.
„Wenn das nicht", entgegnete Duprat, „müßte ich ihn gerade verbergen, denn er wird noch immer verfolgt. Aber wo?"
„So lange sein Aufenthalt hier nicht weiter bekannt wird, genügt das erste beste Zimmer, um ihn zu verbergen."-
„Nicht weiter bekannt wird! Meinen Sie denn, daß Ihnen jeder einzelne Ihrer Diener so treu ergeben sei wie ich? Entweder überschätzen Sie die Eigenschaften der letzteren oder unterschätzen die meinigen."
„Weit entfernt", protestirte der Kommerzienrath, „ich weiß, was ich an Ihnen besitze. Sie werden in einem solchen nicht wohl annehmbaren Fall also nach Ihrem eigenen Ermessen handeln."
„Werden Sie mir sämmtliche Schlüssel hier- laffen?"
„Versteht sich."
„Auch — die Kellerschlüssel?"
„Die Kellerschlüssel?" fragte der Kommerzienrath leicht erschreckt." Was wollen Sie denn im Keller?"
„Nun, es wäre doch das sicherste Versteck für Jemand, der ganz verborgen bleiben soll", sagte Duprat schneidend. „Da hinab dringt kein Licht, und da heraus dringt keine Stimme. Es ist zwar ein scheußlicher Gedanke, der des lebendig Begraben- feins, aber in Herrn Eduard's Fall kann er ihm doch nur wie Erlösung scheinen."
„Waren Sie schon einmal im Keller?" fragte der Kommerzienrath.
„Nein. Wie wäre das möglich, da Sie die Schlüssel niemals außer Händen geben."
„Ich habe — Geld da unten."
„Ich vermuthete auch schon so etwas, weil ich Ihren hochehrenwerthen Charakter und Ihre unantastbare Moral kenne. Leider giebt es Leute, welche den heimlichen Besuchen, die Sie zuweilen Nachts im Keller machen —"
„Wer weiß davon? Wer sagt Ihnen das?" brauste Etwold auf.
„Man spricht davon", entgegnete Duprat bescheiden, „und ich hielt mich in Treue verpflichtet, Ihnen das zu sagen."
Der KomMrzienrath war aufgestanden. Er trat zum Fenster und blickte nach dem Kanal hinüber.
„Und was sagt man davon?" wandte er sich plötzlich zurück.
„Das Aergste. Man sagt, der verschwundene alte Forster sei da unten eingesperrt und was dergleichen dumme Geschichten mehr sind. Ich natürlich lachte darüber; wenn sich so etwas aber einmal weiter umhersprechen und die Polizei veranlassen sollte, in den Keller zu dringen, so könnte das solchen Munkeleien nur neue Nahrung geben."
Wenn Duprat hoffte, den Kommerzienrath unter diesem Schlag zusammenbrechen zu sehen, so fand er sich gründlich getäuscht. Des Anderen Züge zeigten im Gegentheil eine marmorgleiche Starrheit; keine Wimper zuckte bei diesen vernichtenden Worten.
„Wer sagt das?" fragte dumpf der Kommerzienrath.
„Alle und Keiner besonders."
„Sie selbst vielleicht machen sich so unnütze Gedanken, Duprat?"
Der Prokurist zuckte zusammen.
„Ich? Herr Kommerzienrath —" stammelte er.
„Ja, Sie!"
Des Chefs Auge war starr auf ihn gerichtet; er wagte das seine nicht zu erheben.
„Ich bin es gewohnt", sagte er mit verhaltenem Groll, „Undank zu ernten und für Andere büßen zu müssen. Ich glaube immerhin, Sie thäten besser, der Stimme der Vernunft zu gehorchen und den Keller zu öffnen. Ihr Geld ruht hier oben so sicher wie da unten, während Sie von dem Verdacht, in dem man Sie hält, Nichts reinigen kann, als der Augenschein, daß man Sie falsch verdächtigt."
Der Kommerzienrath wandte sich achselzuckend ab. „Lächerlich!" sagte er. „Und das auch noch von Ihnen befürwortet zü hören. Das wird mich nun gerade bestimmen, auch Ihnen die Schlüssel vorzuenthalten."
„Und wenn die Polizei den Keller erbricht?"
„Die Polizei? Wie käme sie dazu? Mit welchem Recht?"
Duprat zuckte die Achseln.
„Darnach darf man die Herren nicht fragen", sagte er. „Herrn Eduard's Rückkehr genügt vielleicht, um sie dazu zu veranlassen, ohne daß er hier


