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ja, ja, die haben Dir den Kopf verdreht, das wissen wir Alles, aber, das hättest Du doch wohl nicht gedacht, Therese, daß der Junge diesen Unsinn heute in der Versammlung vorbringen würde, statt dank- barlich die ihm zugedachte Auszeichnung anzunehmen. Um mir, dem angesehenen Bürger, einen Gefallen zu erweisen, wollten die Rathsherrn ein Auge zudrücken und dem unreifen Burschen, dem noch drei Jahre am gesetzlichen Alter fehlen, das Bürger- und Meisterrecht schon jetzt ertheilen, weil ich ruhiger meinem Holzhandel nachgehen kann, wenn ich weiß, daß doch ein Meister auf dem Hofe kommandirt, und nun, diese albernen Redensarten, ganz das Gegentheil von dem, was ich neulich in der Angelegenheit vorgebracht habe. Er fühlte sich noch nicht stark genug, der große Knabe, er möchte erst hinaus in die Welt, sich an großen Bauwerken bilden und dergleichen überflüssige Dinge mehr. Oder hast Du nicht den zuvorkommenden Herren mit solchen Reden geantwortet?"
Und als Mutter und Sohn schwiegen, fuhr er bitter fort: „Und meine Verabredung mit dem Bürgermeister, daß er uns seine Anna zur Schwiegertochter gebe, ist nun auch null und nichtig — was soll das reiche und hübsche Mädchen auch auf einen Landläufer warten! Ich merkte es wohl an seinem kalten Abschiedsgruß, daß er den Plan aufgegeben hat. Aber ich weiß auch, woher der Wind weht, des Hungerleiders Tochter, die Christenz steckt dahinter — vor Allem aber der Umgang mit dem Pater Eusebius. Hätte ich doch nimmer das ewige Hinauflaufen zum Kloster zugelasien. Der Herr Prior, der den talentvollen jungen Mann immer so gern gesehen und die ganze ehrwürdige Congregation haben dem Jungen mit der Baukunst den Kopf verdreht. Jetzt kann der Vater sehen, wie er seinem talentvollen Sohn den Kopf wieder auf die rechte Stelle rückt."
Die Mutter versuchte jetzt den Aufgebrachten zu beschwichtigen, aber vergebens, der leidenschaftliche Vater redete sich immermehr in seinen blinden Zorn hinein.
„Da ist doch der Rainer, mein Schwestersohn, ein ganz anderer Bursche, ein ganz prächtiger Kerl und zu Allem zu brauchen! Der besinnt sich nicht, wenn man ihm ein solches Geschäft auf dem Prä- sentirteller anbietet! Und weiß Gott, giebst Du nicht klein.bei und erklärst dem Bürgermeister noch morgen, Du habest Dich eines Besseren besonnen, nähmest das Bürger- und Meisterrecht mit großem Danke an und bätest um seine Vermittlung, so verstoße ich Dich, so bist Du mein Sohn nicht mehr! Versprich mir's oder Du gehst heute noch, aber, wohlgemerkt, ohne Reisegeld von hinnen und der Rainer hält morgen seinen Einzug in meinem Hause."
„Den Rainer, Mann, den heimtückischen Buben, der die Arbeiter drückt, wo er es nur kann, und nur seinen eignen Vortheil im Auge hat, den willst
Du ins Haus nehmen? Stein, nein, Ihr werdet Euch Beide, besinnen. Anton wird gern warten, bis Du einen zuverlässigen Werkführer gefunden hast und Du wirst dann seinen gerechten Wünschen nicht mehr entgegen sein! Nickt wahr, Vater, so wird's, und wir feiern das schöne Osterfest wie sonst, in Frieden und Eintracht 1
„Nein, nein, Therese, heute bringst Du mich nicht herum, erst muß ich wissen, woran ich bin. Antworte, Anton, Du hast die Wahl!"
„Nun denn, Vater", sagte der junge Mann und richtete sich zu seiner vollen Höhe auf, so daß der noch immer stattliche Vater klein neben ihm erschien, „wenn Du meine Entscheidung verlangst, jo will ich nicht damit hinter dem Berge halten. Nein und abermals nein, ich gehe nicht zum Bürgermeister, ich binde mich nicht durch Eid und Handschlag an diese Scholle. Aber laß es so sein, wie die Mutter es vorgeschlagen hat — ich bleibe vor der Hand, hast Du aber einen braven Stellvertreter gesunden, so laß mich in Frieden ziehen!"
„Ist dies Dein letztes Wort?"
„Mein Letztes!"
„Nun, dann sei ver . . . ."
In diesem Auoenblick hörte man den dumpfen Ton einer Glocke, entsetzt faßte die Hausfrau ihres Gatten hoch erhobenen Arm: „Um aller Heiligen willen, halt ein, die Glocke schlägt, die Betglocke!"
Aber Marek schüttelte die treue Warnerin von sich und schrie dem schon in der Thüre stehenden jungen Manne in höchster Erregung zu: „Was zögerst Du? Hinweg von hier! Und niemals wieder möge der Schall der Osterglocke Dich und mich in demselben Raume treffen."
Lautlos sank die Mutter auf einen Stuhl. Als sie sich wieder aufrichtete, war das Geläute der Glocken in vollem Gange, ihr Sohn verschwunden, aber ihre kleine Tochter stürzte schreckensbleich herein, laut jammernd:
„Vater, Mutter, der Anton eilte eben ohne Hut und Mantel zur Hausthür heraus, ich spielte mit den Nachbarskindern auf der Straße, da hob er mich in die Höhe und küßte mich und weinte so bitterlich. Sagt mir doch, was ist mit Anton?''
„Du hast keinen Bruder mehr, Marie! Frau richte Dich ein, schon Morgen zieht der Rainer zu uns!" erwiderte der Schiffsbaumeister barsch und schnitt durch seine Entfernung aus der Stube jede weitere Erörterung über diesen Gegenstand ab.
Und die ehernen Zungen der großen Kloster- glocken hatten alle andern Glocken und Glöckchen geweckt — wie die einzelnen Stimmen, die nach und nach ein Chor vermehren, tönten aus den im Thal versteckten Dörfchen und von den auf den Hügeln da und dort stehenden Kapellenthürmcheu die Glocken, bis die ganze Luft summte und der hehre Osterglockenklang weit über den blauen Strom ins blühende Land hinein erschallte.
(Fortsetzung folgt).
Redaktion- A, Schevda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gieß-n.


