Ausgabe 
15.4.1886
 
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Er lüftete die Portisre, aber nur so weit, um sehen zu können, was Duprat machte.

Dieser saß über den Plan gebückt und ganz ahnungslos vor seiner Nähe.

Dryden ließ die Portisre wieder fallen und wandte sich nach dem Geldschrank.

Geräuschlos öffnete er denselben. Seine Augen funkelten, und seine Finger krümmten sich, als er das viele Baargeld sah, welches hier aufgehäuft lag.

Er entnahm dem Vorrath mehrere Packele Bank­noten, die er in seine Tasche gleiten ließ, und dann so viel Goldrollen, als er mit den Händen zu fassen vermochte. Dies that er aber mit so viel lieber« legung, daß ein bloßer Blick in den Schrank nicht erkennen ließ, daß Etwas fehlte.

Dies geschehen und die Thür wieder so weit zu- gedrückt wie sie gewesen, begab er sich noch einmal nach dem Schlafzimmer.

Er fand den Handkoffer und deponirte darin die Geldrollen, die er mit Wäschegegenständen bedeckte. Das Papiergeld behielt er in der Tasche.

Dann vollendete er seine Toilette mit aller mög- lichen Eile und erschien reisefertig, den Koffer schon in der Hand, wieder im Salon.

Duprat halte ihn gehen und kommen hören. Er war also ahnungslos, daß er inzwischen noch einmal das Schlafzimmer verlassen halte.

Ich bin fertig", sagte Dryden.Bist Du es auch?"

Duprat sprang auf und überreichte ihm ein be­schriebenes Blatt.

Hier die Stationen", sagte er,mit Angabe der Entfernungen und der Dauer der ganzen Fahrt. Ehe der Kommerzienralh in M. ist, hat Eduard die französische Grenze passirt."

Apropos", wandte Dryden ein,hast Du auch die Route von M. begonnen?"

Jawohl."

Erlaube mall"

Dryden beugte sich jetzt selbst über den Plan, den er eifrig ftubirte.

Es ist Alles richtig", sagte Duprat.So mach' nur, daß Du fortkommst!"

Begleitest Du mich?" fragte fein Freund, die Karte hinlegend.

Duprat war einen Augenblick unentschlossen. Nein", sagte er dann.Wozu auch. Du hast keine Zeit zu verlieren; was wir besprechen mußten, haben wir besprochen; und es ist immer besser, daß wir nicht zusammen gesehen werden."

Wie Du willst", meinte der Baron gleichgültig. Also morgen Abend darfst Du mich zurücker- warten."

Es war kein lärmender und kein trauriger Ab­schied der Beiden. Ihre Freundschaft basirte auf ihrem gegenseitigen Interesse; und wo dieses nicht existirte, hörte auch jene auf. Sie reichten stch zu einem kalten Drucke die Hand, und dann ging Dryden hinaus. Er hatte die Absicht, hierher nicht wieder zurückzukehren.

Statt nun über M. zu reisen, wählte er beit direkten Anschluß an die von Duprat vorgezeichnete Reiseroute, was ihm ermöglichte, die französische Grenze noch früher zu passiren.

Ahnungslos von dem erlittenen Verlust schloß indeß Duprat den Geldschrank, nachdem er sich durch einen flüchtigen Blick überzeugt hatte, daß äußerlich Alles unverändert war.

Jetzt werde ich Eduard los und gleich für immer", murmelte er.Nun gebe Gott noch, daß seine Schwester das Zeitliche segne, bann werde ich womöglich meine Adoption durch Etwold erlangen und fein Universalerbe werden. Dryden und Niston werden vernünftig sein und sich abfinden lassen; und wenn sie es nicht thun, gewährt mir mein kolossaler Besitz die Mittel, sie doch noch aus dem Wege zu räumen."

Mit dieser beruhigenden Versicherung an sich selbst, kehrte er nach dem Salon zurück, um sich in stillem Hinstarren auf die Kamingluth ganz den Träumen von seiner Größe zu überlassen.

Fast zur selben Stunde, als der Kommissar sich nach dem Etwold'schen Hause begab, betrat Soll- mann das viel bescheidenere Heim des Nachtwächters König.

Der Letztere schlief, die Frau war auf den Markt gegangen und nur Hedwig, die Tochter König's, zu Hause.

Sie empfing den Fremden mit verwunderten Blicken und wollte in die Kammer, um ihren Vater zu wecken, als ein Wort aus Soltmann's Munde sie zurückrief. Es war dies der Name Eduard Etwold.

Ich wußte wohl", sagte Soltmann mit triumphirendem Lächeln,daß Sie einer Mahnung in diesem Namen Gehör geben würden. Wir brauchen zu dem, was wir verhandeln werden, auch keinen Zeugen. Ich bin eine Gerichtsperson, mein Name ist Assessor Soltmann."

Soltmann?" sagte Hedwig und schwieg bann betroffen.

Sie sprechen meinen Namen so aus, als wenn derselbe Ihrem Ohre nicht ganz fremd klinge", ent­gegnete der Genannte.Haben Sie denselben viel­leicht schon einmal irgendwo nennen hören?"

O ja, ich glaube wohl."

Von Herrn Eduard vielleicht?"

Von Herrn Etwold?" verbesserte Hedwig. Nein; aber, da Sie den Namen gerade nennen, von seiner Schwester oder meiner Freundin Ida Edler gewiß. Sie kennen den Sanitätsrath dieses Namens?"

Soltmann verneigte sich.

Beide jungen Damen beehren mich mit ihrer Freundschaft."

Die eine ist sehr krank."

Sehr krank, ja. Sie wird wohl fhrben."

Wer sagt das?" fragte Soltmann sichtlich er­schreckt und den Gegenstand seines Besuches für den Augenblick vergessend.