484
wirre Bilder umgaukelten seine Phantasie und wie ein hohnlachendes Gespenst trat immer und immer wieder der Gedanke vor ihn hin, daß er mit der Wahl seiner Frau thöricht gehandelt, daß er als Idealist gehandelt und die Consequenzen aus seinem unüberlegten Handeln jetzt sich entwickelten.
Wie sehr übrigens diese und ähnliche aufsteigende Gedanken recht hatten, das bewiesen die nächsten Wochen so recht deutlich.
Mit dem Bekanntwerden der Herming'schen Familien-Vorkommnifle begann für Kirchner eine trostlose Zeit der unverdientesten Zurücksetzung. Das Gros der Speichellecker und Liebediener, wie ste ja manche Lehrercollegien aufzuweisen haben, zog sich von dem Umgänge mit Kirchner ganz und gar zurück; die Halben bemitleideten ihn zwar, wenn sie unter vier Augen mit ihm sprachen und nur wenige seiner Collegen nahmen offene Theilnahme und Partei für ihn.
In einer größeren Stadt würden nur die Fachkreise Kenntniß von all dem genommen haben; hier lag es anders. Die Provinzialstadt mit ihren Klatschkränzchen und ihren stehenden Bierbänken machte die Angelegenheit zu einem Scandal, indem die würdigen Bürgersfrauen mit Scheu und Entsetzen von der hergelaufenen Betteldirne sprachen, das vorhandene Material hundertfach verschlimmerten und die Männer zum Frühschoppen und Abendtrunk sich nicht genug in Combinationen über die Vorvergangenheit der schönen Lehrersfrau ergehen konnten. Dem Director der Schule war die Angelegenheit äußerst fatal und er gab Kirchner mehrfach nicht undeutlich zu verstehen, daß es ihm lieber sei wenn er sich eine Stelle in einer andern, ferner gelegenen Stadt suchen wolle. Das beste Zeugniß würde ihm sicherlich zur Seite stehen.
Die sämmtlichen Privatstunden und Dirigentenposten bei den einzelnen Vereinen hörten wie mit einem Schlage auf und für die literarischen Arbeiten wurde im Verhältniß zur aufgewendeten Zeit und Mühe nur wenig gezahlt. Aber dies kümmerte Kirchner wenig. Mit eisernem Fleiß arbeitete er für mehrere pädagogische Zeitschriften und auch ein Unterhaltungsbiatt hatte ihm verschiedene Arbeiten abgenommen und suchte hierdurch dem Deficit in seiner Einnahme zu begegnen. Da die der gemäßigt liberalen Partei angehörige Zeitung des Ortes auch verschiedene Artikel von ihm gebracht hatte, so griff ihn der Verleger des gegnerischen Blattes in einer gemeinen und unflätigen Weise an, bekämpfte nicht etwa seine politischen Anschauungen, nein, sondern brachte pikante Anspielungen au» dem Privatleben Kirchners und scheute sich nicht, die Behörde direct, meist aber in der feigsten anonymen Weise anzugehen, Kirchners literarische Thätigkeit lahm zu legen.
Von behördlicher Seite wußte man sehr wohl, daß ein Lehrer bei seinem knapp bemeffenem Gehalt nicht auszukommen vermöge und man hatte es des
halb gern gesehen, baß die meisten der jüngeren Lehrkräfte ihre idealen Anschauungen von der Ehe dem Materialismus geopfert und sich mit den Töchtern der begüterten Familien verbunden hatten. Der von dieser Seite aus erfolgende Zuschuß erhob sie über die Sorge der Stellenaufbefferung. Bei Kirchner war dies nicht der Fall gewesen und man sah deshalb auch nicht so scharf auf seine außeramtliche Thätigkeit, richtiger gesagt, man wollte nichts davon sehen.
Nachdem sich aber der Zeitungsverleger Löwenberg nicht gescheut hatte, als gemeiner Denunciant aufzutreten, da mußte die Behörde einschreiten und laut eines im Staatsdienergesetz enthaltenen Para« graphens über den Nebenerwerb der Staatsbeamten, wurde ihm jedwede literarische Thätigkeit bei Androhung der Disciplinar-Untersuchung verboten.
So pochte das Gespenst der Noth 'vernehmlich an der Thür der Kirchner'schen Wohnung, als Frau Kirchner nach einer sehr schweren Entbindung und sich daran reihenden Krankheit endlich soweit wieder hergestellt war, daß sie ihren häuslichen Pflichten nachkommen konnte. Einige Kaufleute und Lieferanten hatten Kirchner zwar auf eine kurze Zeit einen kleinen Credit geschenkt, als jedoch nicht gleich Zahlung zu den versprochenen Terminen erfolgte, hörte dar Vertrauen auf, umsomehr, als der Verleger des gegnerischen Blattes, ein Mensch ohne jede» menschliche Gefühl, angesichts der den Lehrer bedrückenden Noth auch hierüber seine greifbare Glossen veröffentlichte und hierdurch die Creditoren abschreckte, weitere Verbindungen mit Kirchner einzugehen. Das erste Opfer, das sich Kirchner auferlegt, war der Verkauf des Pianino». Der Erlös reichte aber kaum zur Befriedigung der ärgsten Gläubiger. An Stelle der früher von Kirchner getragenen goldenen Kette trat eine bescheidene stählerne, die Kleidung wurde beiderseits in Bezug auf Neubeschaffung auf das Noth- wendigste beschränkt, der Aufwand im Hause noch einfacher angesetzt, als früher, allein alles dies reichte nicht hin, um Einnahme und Ausgabe in Einklang zu bringen. Als die Noth, von der äußerlich noch Niemand in der Stadt die rechte Ahnung hatte, dringender wurde, da raffle sich eines Tags Kirchner auf und sprach den Besitzer des goldenen Ringes um ein Darlehn an. Der gutherzige Mann lieh ihm hundert Thaler und hiermit konnte er endlich auch die letzten seiner Peiniger abschütteln.
Um aber nicht von Neuem in ähnliche Verhältnisse zu gerathen, schloß er mit einem bedeutenden Verleger der Residenz einen Contract zur Lieferung eines größeren Werkes ab, hoffend, aus dem Erlös daraus feine Verhältnisse wieder zu consolidiren. Bis zur Ablieferungszeit gehörte aber eine gehörige Spanne Zeit und sein Hausstand kostete alle Tage mehr Geld durch das Heranwachsende Kind und der damit verbundenen früher ungeahnten Ausgaben.
(Fortsetzung folgt).
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen.


