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ist in den Händen des Gerich S — wir müssen das weitere abwarten."
Sie gingen hinaus. Vor der Thür blieb der Advocat stehen. „Da ist Nicht» zu machen", sagte er; „die Erklärungen des Buchhalters liefern mir den Beweis, daß Sie Alles verloren haben. Behauptete er jetzt schon, daß kaum fünf Procent herauskommen werden, dann darf man sich darauf gefaßt machen, daß die Creditoren gar Nichts erhalten. Jetzt noch einen Prozeß anzustrengen, wäre Thor- heit; ich bedaure, Ihnen das sagen zu muffen, aber Pflicht und Gewissen verbieten mir, Ihnen einen andern Rath zu geben."
Ackermann hatte die Wagenthür geöffnet. Er blickte finster vor sich hin. „Wissen Sie auch, daß ich nun ein Bettler bin?" erwiderte er mit heiserer Stimme.
„Sie sind ein Mann, Herr Landrath, und als solcher werden Sie dem Schicksal die Stirn bieten. Sie werden sich um ein Amt bewerben und e« erhalten, damit ist Ihre Existenz gesichert —"
„Ich kenne solche Existenz", unterbrach Ackermann ihn mit schneidendem Hohn; — „sie ist reich an Demüthigungen, eine elendere kann ich mir kaum denken! Leben Sie wohll"
Er gab dem Kutscher einen Wink und sprang in den Wagen, der sofort von dannen rollte; der Rechtsanwalt sah ihm einige Secunden lang nach, dann schlug er in Nachdenken versunken, die ent- gegengesetzte Richtung ein.
23. Capitel.
Enthüllungen.
Vera hatte im Hause der Frau Schirmer die herzlichste Aufnahme gefunden.
Die Damen fragten nicht lange nach den Gründen des Bruchs; ihnen genügte die Mittheilung, daß dieser Bruch vollzogen war; zudem ließen die Worte Vera's sie erkennen, daß eine Aussöhnung nicht mehr in der Möglichkeit lag.
Ludmilla hatte der Freundin ihr Zimmer eingeräumt und sich selbst bei Hertha einquartiert, und die warme, ungeschminkte Herzlichkeit, mit der man der unglücklichen Frau entgegenkam, ließ sie bald das Drückende ihrer Lage vergessen.
Vera wollte im Auslande eine Stelle als Gesell- schafterin annehmen. Tante Lina rieth entschieden davon ab. Die alte Dame meinte, man müsse solche Entschlüsse nicht übereilen, und Vera könne einstweilen, ja, für immer, ruhig bei ihr bleiben; nach der Verheirathung der beiden Mädchen werde es ohnehin recht still und einsam in ihrem Hause werden. „Ackermann", fügte sie hinzu, „werde ohne Zweifel die Stadt verlassen, sie habe also eine peinliche Begegnung mit ihm nicht mehr zu fürchten."
Dann berichtete Tante Lina ihr die Flucht Morgenroth's, von der Vera noch Nichts wußte, und die Befürchtungen, die für das Vermögen Acker- mann's an diese Flucht sich knüpften.
Sie sprachen noch über diese» Thema, al» draußen eine Stimme laut wurde, bei deren Klange Vera hastig von ihrem Sitz emporfuhr.
„Oberst Johnson I" sagte sie überrascht.
Tante Lina nickte zustimmend.
„Die Herren wollen heute bei dem Hauptmann von Görlitz zusammenkommen", erwiderte sie, „der Oberförster von Wiesenthal ist ebenfalls hier."
„Dieser Unterredung muß ich beiwohnen", sagte Vera erregt.
„Sie werden für diesen Wunsch keine Erfüllung finden; der Herr Referendar sagte mir, es sei eine geheime Berathung —"
„Nicht für Diejenigen, welche das Geheimniß bereits kennen", unterbrach Vera sie rasch; „zu diesen zähle auch ich. Was nun noch zu enthüllen übrig bleibt, das wird in dieser Unterredung besprochen werden, und ich muß auch dies erfahren, wenn ich endkich Ruhe finden will. Verrathen Sie mich nicht; mag dieser Schritt auch nicht Ihre Billigung finden, ich kann ihn vor meinem Gewissen verantworten." (Fortsetzung folgt.)
Die Brandstifterin.
Criminal-Novelle von Andri Hugo.
(Fortsetzung).
Kirchner vermochte keine Silbe über die Lippen zu bringen. Sein Herz war zu voll. Er liebte seine Gattin aus dem tiefinnersten seines Herzens und er hätte freudig fein Leben für sie hingeben können, allein in stillen Stunden hatte er sich doch auch gesagt, daß er sich vom moralischen Standpunkt aus durchaus keinerlei Vorwürfe zu machen habe, im Gegentheil fühle er sich im Bewußtsein eine gute That gethan zu haben. Vom materiellen und praktischen Gesichtspunkte aus dagegen betrachtet, mußte sein Schritt eine Jugendthorheit genannt werden, denn — und das sagte er sich oft genug — kamen die Einzelheiten über das Vorleben seiner Frau, bezüglich die Vorkommnisse ihrer Familie an den Tag, so war und mußte es um sein Ansehen geschehen sein. Stärker denn je hatte sich dieser Gedanke seiner schon bemächtigt, als der Amtsrichter ihm Vorhalt über die Antecedenzien seiner Frau gemacht, jetzt trat die ganze Schwere dieser Ereignisse auf und suchte ihn zu erdrücken.
Frau Kirchner wurde unter den besänftigenden Worten ihres Mannes nach und nach ruhiger und suchte dann das Lager auf, während Kirchner Zerstreuung noch in einer literarischen Arbeit suchte, die er versprochen hatte au»zuführen.
Aber die Arbeit gedieh nicht. Hatte er ein paar Zeilen auf das Papier geworfen, so zerriß er diese wieder, bi» er endlich der vergeblichen Anstrengungen überdrüssig, auch zur Ruhe ging. Doch sie kam ihm nicht so schnell als er gedacht, denn


