Kießener Jamilienblätter.
Sellekistischer AeidlatZ MW Gießener AnreigsT.
Nr. 95 Samstag den 14. August. 1386.
Saat und GrnLe.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Abermals wurde er au» seinem Brüten geweckt; Han» von Reizenstein stand vor ihm.
„Ich suche Sie", sagte Han» in einem Tone, der das Blut de» Försters jäh in Wallung brachte; „mein Vater erwartet Sie, er hat Ihnen einen Dienstbefehl zu geben."
„Damit wird's wohl Zeit haben bis heute Abend", erwiderte Hellmuth unwirrsch.
„Keineswegs; es ist ein Befehl vom Forstamt."
Der Förster zuckte unwillkürlich zusammen; aus seinen halbgeschlossenen Augen schoß ein lauernder, tückischer Blick.
„Vom Forstamt?" fragte er mit erzwungener Ruhe. „Was will es von mir?"
„Können Sie es nicht errathen? Glauben Sie wirklich, daß mein Schwager zu der Schmach, die Sie seiner Frau angethan haben, geschwiegen hat?"
„Und was hat das Forstamt damit zu schaffen?"
„Diese Frage wird Ihnen mein Vater beantworten! Sie sollen sich rechtfertigen, und da Ihnen das schwerlich gelingen wird, so dürfen Sie sich auf eine Strafversetzung gefaßt machen."
„Glauben Sie?" fragte Hellmuth höhnisch. „Es könnte anders kommen, bester Herr; ich werde nun auch nicht schweigen und wir wollen abwarten, was das Forstamt zu meinem Bericht sagt."
Hans blickte ihn betroffen an. Legte er auch kein Gewicht auf diese Drohung, so war sie doch in einem Tone gesprochen worden, der ihm ernste Be- sorgniß einflößte.
„Was wollen Sie berichten?" erwiderte er. „Sie haben sich einfach auf Ihre Vertheidigung zu beschränken —"
„Und ich glaube nicht, daß man mir vorschreiben kann, in welcher Weise ich diese Vertheidigung zu führen habe", sagte der Förster mit verächtlichem Achselzucken. „Die ganze Geschichte ist nicht der Rede werth. Ich habe mir mit der jungen Frau nur einen Scherz erlaubt. Weshalb mußte man aus der Mücke gleich einen Stephanen machen?"
„Derartige Scherze — "
„Kommen jeden Tag vor, und ein vernünftiger Mann nimmt sie nicht übel; aber Ihr Schwager benutzte nur zu gerne diese Gelegenheit, die ihm erlaubte, seinen Haß gegen mich zu befriedigen."
„Wir denken darüber anders, und die Aussagen
meiner Schwester laffen Ihren Scherz nicht so unschuldig erscheinen", erwiderte Hans; „ich kann es meinem Schwager nicht verargen, wenn er daraufhin Ihnen das Haus verboten hat. Sie wollen mich nicht begleiten?"
Hellmuth war stehen geblieben, verbiffener Trotz sprach aus jedem Zuge seines Gesichts.
„Ich komme nachher", sagte er, „mir eilt es nicht, die Rase in Empfang zu nehmen. Ich weiß wohl, Sie wünschen meine Versetzung, aber der Beamte, der nach mir kommt, könnte strenger mit Ihnen verfahren, wie ich es gethan habe. Ich bin nun schon seit zwölf Jahren in diesem Revier, ich kenne Ihren Vater und habe immer Rücksichten auf ihn genommen; ob das aber mein Nachfolger auch thun, ob er sich geduldig wie ich in die Launen des alten Herrn fügen wird, das ist eine andere Frage, und der Herr Oberförster könnte in Folge vessen sich bald genöthigt sehen, seinen Abschied zu nehmen."
Ohne eine Erwiderung auf diese Bemerkung abzuwarten, schlug der Förster wieder einen Seitenpfad ein; er war bald darauf dem Blick des jungen Mannes entschwunden.
Hans schüttelte ärgerlich das Haupt; er wußte sehr wohl, daß er und seine Familie von dem Haß dieses Mannes das Schlimmste erwarten durfte; er hatte auch seinem Schwager abgerathen, den Vorfall anzuzeigen; man konnte ja in anderer Weise den Förster empfindlich genug dafür strafen.
Im Begriff in das Försterhaus einzutreten, um dem Vater die Antwort Hel muths zu berichten, sah er fich plötzlich dem Oberst gegenüber, der sichtbar erregt war. „Sie waren b.i meinem Vater?" fragte er erstaunt.
Der Oberst rückte den Hut tiefer in die Stirne und schob seinen Arm vertraulich in den des jungen Mannes."
„Wie Sie sehen", erwiderte er; „ich glaube ihn warnen zu müssen." >
„Vor wem?"
„Vor dem Strolch, der seit einigen Tagen von drüben hierher zurückgekehrt ist."
„Der rothe Fritz?"
„So wird er hier genannt", nickte der Oberst; „der Bursche begegnete mir vorhin; er ließ einige Aeußerungen fallen, aus denen ich entnehmen mußte, daß er feindliche Gesinnungen gegen Ihren Vater hegt."
„Bah, die Gesinnungen eines solchen Burschen werden meinem Vater keine Besorgnifle einflößen."
„Sagen Sie das nicht; gerade solchen Leuten


