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Wichtigkeit, daß ich mit möglichster Beschleunigung eine Entscheidung herbeiführen muß", sagte der eine der Beiden, ein junger, blasser Mann von krankhaftem Aussehen, dessen tiefliegende, brennende Augen auf große Leidenschaftlichkeit deuteten.
Es lag etwas Barsches, Befehlender in dem Tone, in welchem diese Worte gesprochen wurden.
„Es wird sich da nicht viel thun lassen, gnädiger Herr von Brehmer", versetzte der Andere, ein Mann in den Fünfziger Jahren, in schlichter, bürgerlicher Kleidung. „Solche Sachen müssen vorsichtig behandelt werden, denn wenn die Absicht bemerkt würde, wäre alle Mühe und Aufmerksamkeit umsonst gewesen."
„Sie sind nicht eifrig genug, Rothe, sonst müßten Sie längst ausgekundschaftet haben, was mir zu wissen nöthig ist", meinte der Jüngere, indem er den Hut ein wenig lüstete und das mit wohlriechendem Oel stark getränkte, schwarze Haar zurückstrich. „Ich hatte geglaubt, die Ihnen in Aussicht gestellte Entschädigung müsse Sie zu energischer Thätigkeit anspornen, aber, wie es scheint, habe ich mich in Ihnen getäuscht. Sie rechnen auf den Zufall, wo nur eigenes Handeln und ein wenig Klugheit zum Ziele führen kann."
Das Schroffe, Zurechtweisende, welches unverkennbar aus den Worten des jungen Mannes herausklang, schien dessen Gefährten nicht im Geringsten aus der Fassung zu bringen; nicht der leiseste Ausdruck von Empfindlichkeit war auf seinem wohlgenährten Antlitz zu bemerken. Nur in den kleinen, grauen Augen leuchtete cs einen Moment lang seltsam ans, dann aber blickten sie wieder so gleichgültig, fast nichtssagend wie zuvor in's Weite.
„Gut Ding will Weil' haben, sagt das Sprichwort, und ich habe erfahren, daß man am besten fortkommt, wenn man diesem Ausspruche gemäß handelt", erwiderte er ruhig und mit einer gewissen Festigkeit. „Sie sind zu hitzig, gnädiger Herr, und werden gewiß noch Alles verderben, wenn Sie sich nicht mäßigen lernen."
„Wie lange soll ich denn, aber noch Geduld haben, Rothe, bis es Ihnen gefällig ist, mich aus dieser Ungewißheit zu reißen?" flüsterte Jener mit dem Fuße stampfend. „Seit Wochen warte ich nun schon auf eine Nachricht, und von einem Tage zum andern vertrösten Sie mich, ohne auch nur das Mindeste erreicht zu haben. Ich kann Ihnen den Vorwurf der Saumseligkeit nicht ersparen und muß nunmehr suchen, auf anderem Wege zum Ziele zu gelangen, wenn durch Sie nichts zu erreichen ist."
Ein kaum merkliches, höhnisches Lächeln zuckte um den Mund Rothe's.
„Das hätten der gnädige Herr früher thun müssen", warf er nachlässig hin; „aber ich fürchte, es würde seine Schwierigkeiten haben, eine geeignete Persönlichkeit zu fu.ben."
„M-inen Sie?" gab Herr von Brehmer ironisch zurück, „Sie scheinen nicht ganz frei von Selbst
überschätzung zu seim Die hervorragende Stellung, welche Sie als Hausmeister des Barons von Eschenheim einnehmen, flößt mir zwar den erforderlichen Respect ein, indessen besitzt Ihr Brodherr doch auch noch andere Dienerschaft, denen eine anständige Nebeneinnahmr keineswegs unwillkommen sein wird."
„Gewiß nicht unwillkommen, gnädiger Herr, und ich kann Ihnen nur raihen, die eben ausgesprochene Ansicht zur That w-rden zu lassen. Vielleicht würden Sie sogar noch einen kleinen Gewinn dabei haben, denn es wäre ja möglich, daß einer der von Ihnen in Aussicht genommenen Männer für ein geringes Entgelt zu Diensten steht."
Der Hausmeister gab sich nicht die geringste Mühe, den Unmuth zu verhehlen, den die Worte seines Begleiters augenscheinlich in ihm hervorgerufen hatten.
Schweigend schritten sie eine Weile neben einander dahin, Keiner schien zum Nachgeben geneigt zu sein.
„Sie sind heute übel gelaunt, Rothe, aber ich hoffe, Sie werden noch zur Vernunft kommen", nahm endlich Herr von Brehmer wieder das Wort. „Geben Sie sich etwas mehr Mühe, suchen Sre zu erforschen, wie die Sache sieht, und Sie werden sich nicht über mich zu beklagen haben. Genügt Ihnen der Betrag, den ich Ihnen versprochen nicht, so sprechen Sie sich aus; habe ich erst meinen Zweck erreicht, so kommt es mir auf einige Hundert mehr nicht an."
Der besänftigende Ton, in welchem diese Worte gesprochen waren, verfehlte auf den Anderen seine Wirkung nicht; der düstere Zug verschwand aus seinem Antlitz — augenscheinlich eine Folge der avfmunternden Schlußbemerkung seines jungen Be- glüters.
„Ich bin keineswegs so unthätig gewesen, als es den Anschein hat, gnädiger Herr", entgegnete er wieder mit der früheren Gelassenheit, „aber zu einem bestimmten Resultat vermochte ich noch nicht zu gelangen. Nur soviel brachte ich in Erfahrung, daß der Baron einen großen Theil seines Vermögens in Frankfurt am Main untergebracht hat."
„Wie hoch mag sich Eschenheims Vermögen belaufen?" forschte Jener.
„Darüber wird wohl außer ihm selbst Niemand genaue Auskunft zu geben im Stande sein", meinte der Hausmeister, „indessen spricht man von anderthalb Millionen. Thatsache ist, daß er kürzlich seinen Banquier beauftragte, einen großen Posten russischer Papiere zu verkaufen, ich selbst mußte das Telegramm befördern."
Die Augen Brehmers leuchteten in unheimlichen Feuer auf, als er von anderthalb Millionen hörte. Es war derselbe dämonische Glanz, der in den Augen des hungrigen Tigers spiegelt, wenn er verlangend nach der arglosen Gazelle schaut.
(Fortsetzung folgt).
Iiedartivn? A. Scheyda. — Druck Md Verlag der B riihl'scheu Druckerei lFr- Chr. Pietsch) in Gießen.


