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so schien sich doch nun das Verhältniß zwischen den Beiden erträglicher zu gestalten.
Elnestine schien nun auch Alles vermeiden zu wollen, was ihrer Gebieterin mißfallen konnte, sie forschte nicht nach dem Ziel und Zweck der Ausfahrt, als Dora der Magd, befahl einen Wagen zu holen.
„Katharina muß auch noch ausgehen", sagte sie, als Dora ihren Hut vor dem Spiegel aufsetzte, „es wäre mir lieb, wenn Du ihr das erklären wolltest, mir hat sie, wie es scheint, den Gehorsam gekündigt.^
„Ausgehend" sagte Dora. „Wohin?"
„Ich hab's notirt, damit nichts vergessen wird', fuhr Ernestine fort, indem sie ihr einen Zettel überreichte. „Deine Putzmacherin hat wieder einmal nicht Wort gehalten, Deine neue Robe ist ebenfalls heute nicht abgeliefert worden, dann wolltest Du auch den neuen Roman vom Buchhändler holen und eine andere Modezeitung bestellen lassen —"
„Ja, ja, es ist wahr", unterbrach Dora sie mit einem flüchtigen Blick auf den Zettel, „ich würde an dar Alles nicht mehr gedacht haben, wenn Du mich nicht erinnert hättest."
„Im Hinblick auf die aufregenden Ereignisse des heutigen Tages ist das ja sehr natürlich", nickte Ernestine, von ihrer Häkelarbeit aufblickend. „Weißt Du, wo ich jetzt unsichtbar sein möchte?"
„Run?"
„Im Hause Deines Bruders. Ich möchte jede Wette darauf eingehen, daß Sonnenberg der Einladung zum Souper Folge leisten wird. Die Stadt- räthin hat sicherlich nichts gethan, um ihn zurück zu halten, man hofft vielleicht, daß Du auch kommen wirst."
„In dieser Hoffnung wird man sich freilich getäuscht sehen.
„Um so freier kann man über Dich reden."
„Mögen sie's thun, war liegt mir daran?" sagte Dora achselzuckend. ,Es ist noch nicht aller Tage Abend, das Ende könnte anders auzfallen, wie sie ahnen. Mögen sie stolz darauf sein, daß dieser Abenteurer ihr Hausfreund ist und bleibt, die Augen werden ihnen wohl auch noch einmal geöffnet werden. Hier Katharine", wandte sie sich zu der eintretenden Magd, diese Ausgänge müssen heute Abend noch gemacht werden, sieh Dir den Zettel genau an, damit nichts vergessen wird."
„Heute Abend noch?" fragte Katharine verdrossen, während ihr Blick forschend dar Gesicht Ernestinen's streifte, die ihre ganze Aufmerksamkeit nur der Häkelarbeit zu widmen schien. Von Pontius zu Pilatus, es sind weite Wege, gnädige Frau."
„Du kannst ja auf gewissen Strecken den Omnibus benutzen, ich werde wohl auch nicht so bald heimkommen."
Dora nickte nach diesen Worten der Gesellschafterin noch einmal zu und ging von der Magd begleitet hinaus.
Ernestine legte die Handarbeit hin und sandte
ihrer Gebieterin einen bösen, haßerfüllten Blick nach.
Leise erhob sie sich, auf den Fußspitzen schlich sie zur Thüre, wo sie horchend stehen blieb.
Sie hörte den Wagen von bannen rollen. Katharine kehrte in die Küche zurück und rumorte dort in einer Weise, die ihren Unwillen deutlich bekundete.
So verstrich eine geraume Zeit, dann kam die Magd aus der Küche wieder heraus, die Corridor- thür wurde geöffnet und gleich darauf wieder mir solchem Ungestüm geschloffen, daß die Glasscheiben klirrten.
Ernestine wartete noch eine Weile, draußen blieb Alles still, sie öffnete die Thür und ging hinaus.
Fortsetzung folgt.
Nach hohem Iiek.
Novelle von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
II.
Es war Sonntag, ein wirklich lachender Tag der Sonne, die heute in ihrem herrUchsten Glanze zu strahlen schien. Das schöne Wetter hatte die halbe Bevölkerung hinausgelockt in den prächtigen Stadtgarten, unter dessen schattigen Baumkronen Tausende und aber Tausende von Menschen sich ergingen und die balsamische, ozonreiche Luft athmeten.
Ueberall sah man lachende, frohe Gesichter, denn der blaue, klare Himmel, der blanke Sonnenschein und die grünende und blühende Natur ringsum, die int Feierkleid des Frühlings prangte, stimmten auch die Herzen der Menschen zur Heiterkeit. . Aus den großen Gärten der Etablissements tönten die Klänge der Militärmusik weithin durch den Park, und dichtgedrängt standen und saßen die Zuhörer in und vor den Localen, um den melodischen Weifen zu lauschen.
Nur zwei Männer schienen von der lachenden Natur und dem fröhlichen Leben und Treiben der Menschen nichts zu bemerken. In einen einsamen, dicht belaubten Pfad abseits der großen Verkehrswege bogen sie ein, offenbar, um hier sich ungestörter auSs^rechen zu können, und langsamen Schrittes wandelten sie unter dem grünen Blätter- dache dahin, in welchem die Sonnenstrahlen Versteckens zu spielen schienen.
Sie waren in eifrigem Gespräch begriffen, aber sie führten ihre Unterhaltung so leise, daß sie nur ihnen verständlich blieb. Kein unberufener Lauscher störte sie hier in dieser idyllischen Abgeschiedenheit, nur die Vögel in den Zweigen waren die verschwiegenen Zeugen der Unterredung.
„Die Angelegenheit ist für mich von solcher


