Ausgabe 
14.1.1886
 
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Doch wohl in dem Falle, wenn ich ihm meine Kassette zur Aufbewahrung übergeben habe?'

Dann allerdings", nickte der Banquier.Ich wurde Sie in's Hotel begleiten, aber so viel Geld trage auch ich nicht bei mir"

Es eilt ja durchaus nicht."

Wollen Sie bis morgen warten?"

Sehr gerne, vielleicht ist dann der Cours noch etwas höher."

Oder auch niedriger", erwiderte Reichert in einem scherzhaften Tone, der mühsam verhaltene Ungeduld durchblicken ließ.Gleichviel wie morgen der Cours notirt wird, das Geschäft ist abgemacht. Sind Sie damit einverstanden?"

Vollkommen, mein Herr."

Wir könnten es heute Abend noch erledigen" fuhr der Banquier fort,aber ich wohne vor der Stadt, es würde spät werden, und Sie beabsichtigen wahrscheinlich das Theater, oder ein anderes Ver- gnügungs-Local zu besuchen."

Ganz recht", sagte der Fremde ruhig,ver­schieben wrr es also bis morgen. Wenn es Ihnen genehm ist, morgen Mittag gegen zwölf Uhr. M pflege ziemlich lange zu schlafen." 10

Einverstanden", unterbrach Reichert ihn Ich werde mich pünktlich einfinden. In welchem Hotel?"

ImSchwarzen Adler", bitte, hier ist meine Karte", erwiderte der Fremde.

Er blieb stehen, holte aus der Brusttasche seines Pelzrockes ern Portefeuille und überreichte seinem Begleiter eine Karte, die den Namen eines adeligen Gutsbeirtzers trug. J

Wenden Sie sich nur an den Oberkellner den Sie rm Speisesaal finden", fuhr er fort,er wird Ihnen d'.e Nummer meines Zimmers bezeichnen ich würde dies schon jetzt thun, wenn ich diese Nummer nicht vergessen hätte. Wenn ich mir eine Bitte er- ^uben darf, so ist es die, das Geld in großen Banknoten zu empfangen, Gold ist mir aus der Reise unbequem."

ich werde auf diesen Wunsch gern Ruckpcqt nehmen", sagte der Banquier, der es ganz zu übersehen schien, daß ihm die Höflichkeit nun auch gebot, seine Karte abzugeben, oder feinen Namen zu nennen;also morgen Mittag zwölf Uhr rmSchwarzen Adler." a 9 1

So lautet die Absprache."

Schön, zu dem Geldwechsler werden Sie nun nicht mehr hingehen?"

Nein, was soll ich dort?" erwiderte der Fremde gleichgültig, auf dem der Blick Reichert's lauernd und erwartungsvoll ruhte.

Sie könnten sich vielleicht verpflichtet fühlen, rhm zu sagen, daß Sie die Banknoten bereits ver­kauft haben."

So wäre Ihnen das unangenehnr?"

Ja, denn ich bin mit dem Herrn befreundet und er würde mir den Vorwurf machen, es sei sehr unfreundschaftlich von mir, daß ich ihm den kleinen Geschäjtsgewmn entzogen habe."

Ich verstehe, beunruhigen Sie sich nicht, ich werde sein Haus nicht wieder betreten, vorausgesetzt, daß Sie Wort halten."

Darauf dürfen Sie vertrauen", nickte Reichert lebhaft,also auf Wiedersehen."

Der Fremde blieb stehen und blickte ihm eine geraume Weile nach, ein spöttisches, triumvhirendes Lächeln umspielte seine Lippen.

Die Falle ist gestellt", murmelte er,blindlings wird er hineingehen, nur noch eine kurze Weile Geduld."

Er holte eine Tabacksdose aus der Tasche, und an der geräuschvollen Weise, in der er sich mit einer Prise erquickte, konnten seine näheren Freunde trotz Pclzrock, Perrücke und Brille den geheimen Criminalbeamten Peter Michel erkennen.

Viertes Kapitel.

U e b e r l i st e t.

An dem Abend desselben Tages, an dem Theo Sonnenberg dem Banquier Reichert gegenüber seine Maske abgeworfen hatte, befand Dora sich in ge- waltiger Aufregung.

Sie hatte ein anonymes Schreiben erhalten, in dem ihr mitgetheilt wurde, daß eine gewisse Person bereit sei, ihr unwiderlegbare Beweise für die Schuldlosigkeit Dornberg's zu überliefern, wenn sie dafür eine Summe Geldes opfern wolle.

Es wurde ihr ferner darin gerathen, mit ihrem Advokaten oder ihren Freunden sogleich über diesen Vorschlag zu reden und noch heute ihre Antwort in einem versiegelten Briefe der Post zu übergeben.

Als Adresse war eine Chiffre angegeben, die be­treffende Person wollte am nächsten Morgen die Antwort von der Post abholen und dann sofort ivettere Mütheilungen machen, vorausgesetzt, daß dre dafür angebotene Summe ihren Erwartungen entsprach.

Natürlich war Dora augenblicklich entschlossen, diesen Brief dem Doktor Kirchner und dem Oberst vorzulegen, Frönzchen und der Criminalrath konnten ia auch zur Berathung hinzugezogen werden, jeden­falls mußte dem anonymen Schreiber eine nennens- werthe Summe geboten werden.

Mit Ernestine sprach sie nicht darüber, sie hatte das Vertrauen zu dieser einstigen Freundin verloren.

Der Bruch zwischen den Beiden war allerdings durch ernstes, ruhiges Aussprechen gemildert worden, vorzugsweise dadurch, daß Ernestine ihre Ueberein- filmmung mit den Anschauungen Dora's über Sonnenberg erklärt hatte, aber es blieb trotzdem bei der Trennung.

Ernestine sollte bleiben, bis sie ein anderes Unter» tommen gefunden hatte, aber sie mußte dafür das Versprechen geben, weder schriftlich noch mündlich mit Ronnenberg in Verkehr zu treten.

, hatte Ernestine gelobt, und gewann sie auch dadurch das Vertrauen der Freundin nicht wieder,