Belletristisches Beiblatt MM Gießener ANM-M-
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Ax, ß Donnerstag den 14. Januar. LZ86.
Gin Spiel des Zufalls.
Roman in drei Vändm von Ewald August König.
(Fortsetzung).
„Na, ich will mich nun wieder empfehlen", wandte Reichert sich zu seinem Schwiegersöhne, „wir sehen uns ja heute Abend noch, dann können wir über das Thema weiter reden."
Menzel nickte schweigend. Der Fremde rüstete sich nun auch zum Aufbruch und schied mit der Erklärung, daß er vielleicht am nächsten Tage wieder- kehren werde.
Er hatte noch nicht lange das Haus verlassen, als er den Banquier Reichert an seiner Seite sah.
„Sie sind wohl hier fremd?" fragte Reichert in auffallend hastigem Tone.
„Haben Sie mir das nicht sofort angesehen?" erwiderte der Fremde scherzend. „Unter den Personen, mit denen ich bisher hier in Berührung kam, war keine, die nicht sogleich in mir den Fremden erkannt und die Gelegenheit benützt hätte, mich zu Übervortheilen."
„In einer großen Residenz —"
„Run ja, ich beschwere mich ja nicht, es heißt überall: Die Augen auf oder den Beutel! Mich ärgert's nur, daß ich an den englischen Banknoten so viel verlieren soll."
„Sie wollen sie trotzdem verkaufen?"
„Ja, dann habe ich den ganzen Aerger hinter mir, während ich mich jetzt jeden Tag über die Wirthe und Geschäftsleute ärgern muß, die den Cours nicht niedrig genug berechnen können und sich dabei noch geberden, als ob sie mir den größten Gefallen erzeigten. Ich will ja nicht bestreiten, daß der Geldwechsler, mit dem ich vorhin sprach, ein ehrlicher Mann ist, aber es läßt sich auch nicht leugnen, daß er einen famosen Schnitt machen würde, wenn ich auf sein Gebot einginge."
Sie waren in eine weniger belebte Straße ein- * gebogen, dem Fremden konnte es nicht entgehen, daß sein Begleiter ein Anliegen auf dem Herzen halte, für das er die rechten Worte noch nicht finden zu können schien.
„Ich kenne die Geldverhältnisse drüben sehr genau", fuhr er nach einer kurzen Pause fort, „ich bin lange genug in London gewesen, um genügend ' unterrichtet zu sein. Jemand, der hinüber reisen wollte, dürfte mir dreist sechs, dreiundzwanzig geben,
er würde drüben noch ein gutes Geschäft damit machen."
„Glauben Sie?" fragte Reichert scheinbar gedankenvoll.
„Das ist meine Ueberzeugung."
„Würden Sie die Banknoten nicht billiger verkaufen ?"
„Reflektiren Sie darauf?" fragte der Fremde in einem Tone, der starken Zweifel ausdrückte.
„Vielleicht, ich habe vor, in einigen Tagen nach England zu reisen." $
„Ah, dann können Sie ein Geschäft dami machen —"
„Rein, nein, das beabsichtige ich nicht, ich werde sehr lange dort bleiben, da ist es mir angenehm, gleich englisches G ld zu haben."
„Aber Sie werden dann die ganze Summe nicht übernehmen wollen?"
„Hm, zweitausend Pfund, über dreizehntausend Thaler — es ist ein kleines Vermögen!"
„Bah, meine Reisekaffe enthält mehr als diese Summe", sagte der Fremde mit einem gering« schätzenden Achselzucken. „Man kann ja nicht wissen, zu welchen Ausgaben man draußen veranlaßt wird. Und namentlich ich, ein Kunft'üarr, der überall auf antike Seltenheiten fahndet, um sie seiner Sammlung einzuverleiberi, Sie glauben nicht, welches Loch diese Liebhaberei manchmal in die Casse reißt!"
„Na, na, wir kennen hier doch auch die Preise der Antiquitätenhändler', erwiderte Reichert auf den vertraulichen Ton eingehend, den fein Begleiter angeschlagen halte, „einige Freunde von mir sind ebenfalls Sammler, sie klagen aber nie über die Summen, die sie ausgeben."
„Dus thue ich ebenfalls nicht, ein Steckenpferd kostet immer Geld, und das Geld selbst macht mir nur dann Freude, wenn ich mir durch dasselbe irgend eine Rarität für mein Kunstkabinet erwerben kann. Nebrigens können Sie getrost die ganze Summe übernehmen, Sie verlieren wahrhaftig nichts daran, ich will sie Ihnen zu sechs, zweiuudzwanzig und ein halb abgeben."
„Abgemacht!" sagte Reichert ohne Zögern. „Haben Sie die Banknoten bei sich?"
„Oh nein, ich bin so sehr von den hiesigen Taschendieben gewarnt worden, daß ich es für rathsam halte, mein Geld im Hotel zu lassen."
„Es kann Ihnen auch dort gestohlen werden!"
„Daun muß der Wirth Ersatz leisten."
„Richt in allen Füllen!"


