886
Ersuchen, den übrigen Nachlaß seiner Gemahlin, welcher laut Testament ihm zufalle, flüssig zu machen und an ein mir bekanntes Bankhaus in London zu senden. (Fortsetzung folgt).
Aeue Kunde aus der Sammlung des Uapyrus Kainer.
In der Oesterreichischen Monatsschrift für den Orient berichtet Dr. Karabaczek: „Unter den in der jüngsten Zeit durchforschten Documenten wurde ein vorzüglich erhaltenes hieratisch beschriebenes Blatt gefunden, welches in Briefform die poetische Beschreibung einer vom Ramses II., dem Sesostris der klassischen Autoren (um 1800 v. Chr.), im östlichen Nil-Delta gegründeten Stadt Pi-Ramses enthält. Dieser von Dr. Krall constatirte Text, der sich in wesentlichen Theilen mit dem im Anfänge unseres Jahrhunderts gefundenen, jetzt im Britischen Museum befindlichen Papyrus Anastast III. deckt, zeigt, daß uns in dera tigen Briefen nicht Privatcorrefpondenzen, sondern literarische Compositionen, welche sich im alten Aegypten großer Verbreitung erfreuen mußten, vorliegen. Wir erhalten sonach einen werthvollen Beitrag zur Charakteristik der altägyptischen Literatur. Das Blatt lag neben Papyrusrollen voll Notizen privater Natur in hieratischer Schrift und den Requisiten (Paletten und Rohre) des Schreibers, welche fammt dem Korbbehältniß und Leinwandfutteral der erzherzoglichen Sammlung einverlcibt sind.
Unter den von Dr. Wessely gelesenen griechischen Rollen und Blättern fanden sich nunmehr auch solche aus ptolemäischer Zeit. Da viele derselben noch zu öffnen und lesbar zu machen sind, konnte nun erst ein Datum aufgefunden werden, nach welchem diese private Aufzeichnungen enthaltenden Schriftstücke noch in die erste Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts fallen und daher als die ältesten bisher bekannten griechischen Schristdenkmale des Faijumer Fundes zu bezeichnen sind.
Ferner constatirte derselbe Gelehrte eine Reihe wichtiger literarischer Stücke. So die umfangreichen Reste eines Aeschines-Codex des 5. Jahrhunderts, der alle bisher bekannten Handschriften dieses Autors an Alter hinter sich zurückläßt, dessen acht, die Capitel 178 bis 186 (inclusive) der dritten Rede umfassenden Columnen jüngst von W. v. Hartl publizirt worden sind. Dann die aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert stammenden Bruchstücke einer die Reden des Jsokrates enthaltenden Papyrus- rolle mit den Capiteln 48 bis 49 der fünften Rede. Weiter interessante metrologische und rhetorische Aufzeichnungen, darunter Stücke eines Lexikons zu Demosthenes' Midiana; endlich ein in das 1 Jahrhundert nach Christo zurückreichendes Fragment eures unbekannten Grammatikers.
Eins ansehnliche Zahl neu aufgesundener, vorzüglich schöner Privaturkunden der römischen Epoche tragen die Namen der Kaiser Hadrian, Antoninus, Pius, Marc Aurel, Comodus und der bisher noch nicht vertretenen Kaiser Aurelian, Fl. Severus, Maximinus Daza und Julianur Apostata. Desgleichen ergänzte sich die chronologische Folge in d er Kaiserreihe um einen schönen Papyrus aus dem Jahre 83 n. Chr., als den bisher ältesten des Faijumer Fundes aus der römischen Kaiserzeit. Alle diese Stücke bereichern nach vielen Richtungen unsere Kenntnisse von der Cultur jener Zeiten. Insbesondere zu erwähnen sind in dieser Beziehung Prozeß- actcn aus dem Jahre 118 n. Chr., welche in rechtsgeschichtlicher Hinsicht von Wichtigkeit sind; ferner damit in Zusammhang stehende Heirathscontracte aus derselben und einer späteren Zeit.
Chronologisch wichtige Angaben fanden sich für das Jahr 238 n. Chr. in einem Papyrus, der aus dem zweiten (ägyptischen) Jahre der Kaiser Pupienus und Balbinus datirt ist, denen die Ueberlieferung eine Regierungsdauer von nur 99 Tagen zumeist. Er lassen sich daraus Schlüsse auf die noch unbekannte Zeit der Thronbesteigung dieser Herrscher ziehen. Ein anderer, chronologisch nicht minder werthvoller Papyrus bezieht sich auf die Decennalien- feier Konstantin's des Großen, deren Datirung cr mit dem Jahre 313 n. Chr. festsetzt.
Die ansehnliche, überaus wichtige Reihe der lateinischen Papyrus erhielt unter Anderem einen schönen Zuwachs durch eine 3. Quittung des Aktuars Sergius vom Jahre 385, so daß die erzherzogliche Sammlung die drei ältesten lateinischen Papyrus- Urkunden überhaupt bewahrt.
Aus den Uranfängen der islamitischen Epoche sind Funde von ungeahnter Größe zu verzeichnen. Referent hatte das Glück, das bisher und vielleicht für immer älteste Document des Islams, eine prachtvolle Urkunde aus dem 22. Jahre der Hidschra (ddo. 25. April 643 n. Chr.) zu finden, die, abgesehen von ihrer umwälzenden schristgeschichtlichen Bedeutung, Zeugniß giebt von jener großen weltgeschichtlichen Katastrophe, der zufolge die Weltlage eine ganz veränderte Gestaltung erhalten: ich meine den Anbruch des Islams in seinem Siegesläufe und die Gründung seines Staatswesens. Mit dieser und 20 anderer," vortrefflich erhaltener, zum Theile noch mit ihren Jnsiegeln versehener Ecoberungs-Urkunden feiern plötzlich die größten arabischen Helden, viele Gefährten und Jünger des Propheten Mahomed ihre Auferstehung. An ihrer Spitze steht, mit einem gesiegelten Befehle, der Oberseldherr Amru (’Amr ibn el- ’Asi) selbst, den die historische Fabel durch die ihm zugeschriebene Verbrennung der alexandrinischen Bibliothek in den Augen der civilistrten Welt ge- brandmarkt hat. Diese Documente lassen die moderne Geschichtsschreibung über jene Epoche in manchen der wichtigsten Daten als verfehlt erscheinen."
Rrdaction: A. Scheyd«. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


