585
„Ach, Papa, Du übertrügst einmal wieder entsetzlich", rief Natalie, „wenn die Arme in der Musik ihren einzigen Lebenrtrost findet —"
„Um Verzeihung, meine Gnädigste I" fiel der Notar ängstlich ein/ „ein Jeder ist sich selbst der Nächste, und mir würde unter solchen Umständen mein Haus verhaßt werden, da die sogenannte häusliche Musik mein Entsetzen ist."
„Ach, das ließe sich leicht mit Ihrer Ruhe vereinen", meinte Natalie, ihn freundlich anlächelnd, „da Ihr Beruf Sie nicht immer an's Haus feffelt. Ueberlaffeu Sie mir das Arrangement, Herr Notar!"
„Nein, Fräulein, — bann würde ich mich doch lieber contractmäßig versichern. — Eine solche Musik- - wuth ist schrecklich, sie macht die Menschen grausam gegen die Ruhe ihres Nächsten."
Natalie lachte fröhlich auf und versprach, sich nicht weiter einzumischen.
„Aber zu ihrer kleinen Prinzessin in der goldenen Traube könnten Sie mich einmal mitnehmen, lieber Notar! Ich bin zu neugierig auf die geheimnißvolle
„Weiß nicht, ob das angeht", meinte der Notar ! zögernd, „der Gasthof ist ein gewöhnliches Wirths- hau« niederen Ranges, wohin eine Dame in Ihrer Stellung —"
„Geht nicht", entschied der Banquier, „willst Du das Kind so gern sehen, dann laß es hierher holen."
„Oho, wenn Frau Möller solches litte", lachte Willing, „die Brave hat ihren Stolz wie Eine und ist zu demokratisch, um ihren Augapfel, ihr Kind zum „Besehen" herzuschicken; da kämen wir schön an. Sie ist auch zu ängstlich eifersüchtig auf die Kleine."
Natalie zuckte lächelnd die Schultern und schwieg. Sie war eine zu energische Natur, um sich durch solche Rücksichten von einem Entschlüsse abbringen zu lasten.
In diesem Augenblick meldete der Diener den schwedischen Consul, welchen er in den Salon geführt hatte.
Der Banquier blickte seinen Freund betroffen an.
„Vielleicht Nachrichten von dem gräflichen Paar", murmelte er, „bleiben Sie, Notar, bis ich bett Besuch empfangen habe, seine Mittheilungen könnten auch Sie interessiren."
Er verließ bas Zimmer.
„Ich komme heute Abend um fünf Uhr, wenn es hinreichend finster ist, zu Ihnen, Herr Notar!" sagte Natalie ruhig, „Sie begleiten mich dann zur goldenen Traube. Der Papa braucht rs nicht zu erfahren."
„Aber —"
„Kein aber, wenn ich Sie darum bitte, lieber alter Freund! Ist es ein Verbrechen, in Ihrer Begleitung einen solchen Besuch zu machen? Weshalb haben Sie meine Neugierde erregt?"
„Ja, wer Ihnen etwas abschlagen könnte, meine kleine Freundin!" lachte der alte Herr, „machen Sie sich aber nicht zu schön, die Gäste sind dergleichen dort nicht gewohnt. — Also um fünf Uhr?"
„Hole ich Sie ab, Notarchen!"
„Gut. Was der Consul wohl für Neuigkeiten bringen mag?" fetzte er nachdenklich hinzu.
„Hm, der Graf wird auf diesem Wege^ das ganze Vermögen herausholen wollen; — das Schicksal jener Närrin bekümmert mich weniger als das des verschollenen Felix. Wo der arme Junge wohl geblieben sein mag."
„Das mag Golt wiffen, — er hätte die alten Freunde in der Heimath auf dem Laufenden erhalten muffen, da kein Conflict mit dem Strafgesetz ihn fortgetrieben. Daß er Ihren Vater nicht um weitere Zahlungen angegangen, macht mich bedenklich. Vielleicht ist, er nach Amerika ober sonst wohin über's Meer gegangen und modert irgendwo schon in fremder Erde."
„Entsetzlicher Gedanke!" rief Natalie, „hoffen . mir, daß Ihr schwarzer Sehervlick sich gründlich ge- ; täuscht. Wäre er nur um einige Jahre älter ge- wesen, um Antonien's hohlen, eitlen Character beur- theilen zu können, ich glaube schwerlich, daß der arme Don Carlos um diese Königin sein Ein>e verscherzt haben würde."
„Möglich, obwohl die Männer in dieser Hmsicht so ziemlich Alle den Staar besitzen."
„Und sich selbst im Alter noch nicht davon operiren laffett wollen", lachte Natalie spöttisch, „o, diese weisen Männer, welche den Kern nie von der äußeren Schale unterscheiden. Doch still, da fo rmt der Vater, — die Conferenz hat nicht lange ge* | dauert."
Seltsam aufgeregt und bleich trat der Banqaier in's Zimmer, einige Papiere in der Hand haltend.
„Meine Ahnung war richtig", begann er, sich in einen Seffel niederlassend, „der Besuch betraf das junge Paar. Setzen Sie sich, Notar, die Geschichte ist wirklich tragisch, sehr tragisch!"
Der Notar nahm Platz und sah ihn erwartungsvoll an.
„Darf auch ich es anhören, Papa?" fragte Natalie, zu ihm tretend.
„Ja, gewiß, es wird früh genug durch die Zeitungen laufen. Alsa, — die junge Frau Gräfin ist tobt — ertrunken."
„Großer Gott! —"
Wie aus einem Munde erscholl dieser Ruf von beiden Zuhörern.
„Der Consul hat heute Morgen dieses Schreiben ans Jönköping erhalten", fuhr der Banquier mit einem tiefen Athernzuge fort — „es enthalt den amtlichen Todtenschein der jungen Frau und die Bescheinigung der Behörde, daß Graf Altorf wie durch ein Wunder gerettet worden und diese Lebensbeglaubigung sich ebenfalls amtlich habe ausstellen lassen. Hier schreibt er selber an mich mit dem


