Ausgabe 
13.11.1886
 
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Ansicht ihm ganz ähnlich. Antonie wollte ihrs Marzipan-Villa behalten, wie sie mir selber gesagt, es kitzelte ihren Hochmuth, ihre maßlose Eitelkeit, ihr eigenes Heim hier in Hamburg zu behalten, um zeitweise dahin zurückkehren zu können im Glanz der gräflichen Krone und auch der schwedischen Gesell­schaft zu zeigen, daß sie mindestens zu unserer Geld- Aristokratie gehöre. Ich kenne ihren Character und bin überzeugt, daß dieser Verkauf, abgesehen von der perfiden Heimlichkeit, ihr heiße Thräuen er­preßt hat."

Das glaube auch ich", bemerkte der Notar, unsere Gräfin hätte wohl die arme Borner, aber niemals aus eigenem Antrieb ihre Marzipan-Villa verkauft. Wer hat dieselbe erstanden?"

Das habe ich noch nicht erfahren, wußte die Madame Borner auch selber nicht; der Hausmakler Hansen ist's gewesen."

Hm, werde ihn noch heute darum befragen", sprach der Notar nachdenklich,sonderbare Heimlich­keit, mir unerklärlich, sie hat ja leider das volle Recht zum Verkauf."

Freilich, freilich, der Graf wird seine Gründe dazu gehabt haben, vielleicht gegen Baarzahlung weit unter'm Preise verschleudert. wer kann's wissen. Die Sache fleht verdächtig aus, wie?"

Mir kommt's auch so vor, alter Freund!" nickte d-r Notar,ich werde mich jedenfalls erkundigen, habe als langjähriger Anwalt der alten Firma immerhin ein Recht dazu. Hat wohl so ziemlich Alles mit, he?"

Na, es steht noch ein hübscher Rest im Ge­schäft; was ich auftreiben konnte, war beträchtlich genug. Dann ist das alte Haus noch vorhanden, woran die Kaufsumme vollständig haftet; wir werden vor Jahresfrist nicht völlig liquidiren können. Wollen's abwartcn, vielleicht ist's noch zum Besten der eitlen Närrin."

Der Notar griff nach Hut und Stock.

Wiffen Sie" lieber Herr Notar! daß ich soeben ein Attentat auf Sie geplant habe?" rief Fräulein Natalie plötzlich, ihn lächelnd anblickend.

Mit Dynamit oder Blausäure?" fragte er lachend.

Keins von beiden, ich möchte Ihnen nur ein kleines Terzerol auf die Brust setzen. Sehen Sie, lieber Notar 1 Sie leben viel zu einsam"

O weh ich merke, wo es brennt" Unterbrechen Sie mich nicht zu einsam, be­haupte ich zu nomadenhaft und unbehaglich seit dem Tode Ihrer guten Frau. Effen im Hotel"

Sehr gut, Fräulein Natalie"

Nein, das weiß ich besser Sie essen unter aller Würde für vieles Geld. Nehmen Sie eine Haushälterin"

Bitte um Verzeihung, daß ich wieder unter­breche ober die Sorte kenne ich drei Schritte vom Leibe, jede glaubt, mich heirathen zu müssen."

Herr Notar Willing Sie sind ein Grobian", sprach Natalie mit komischem Ernst,ebenso einge­

bildet wie unsere heirathssähige junge Männerwelt welche einem weiblichen Wesen gegenüber stets als Opfer sich betrachtet und jedes Mädchen für eine Ehestandsjägerin hält. Wir leben in der That in einer abscheulich materiellen Zeit und ich begreife und lode jedes Mädchen, welcher, vermögenslos, sich bei Zeiten selbstständig macht, um durch eigenes Wissen und Können ihr Schicksal selber zu bestimmen und dem zweifelhaften Glück einer Ehe zu entgehen, welche der reichen Frau die Enttäuschung einer Geldheirath, der armen di« der Noth und Ueber bürdung bietet."

Der Tausend, Fräutein Natalie! da» war eine Standrede, die sich gewaschen hat", rief der Notar erstaunt,hm, hm, liegt sicherlich ein Körnchen Wahrheit darin. Denn wahr ist's, daß unsere jungen Männer durchweg eine heillose Furcht vor der Ehe haben und in jedem Mädchen eine Netze werfende Kokette erblickten. Aber wissen Sie auch, woran es liegt"

Papperlapapp!" unterbrach ihn der Banquier, halb ärgerlich, halb belustigt,fangen Sie nun noch mit Gegengründen an, Notar! Der Beweis ist in zwei Worten geführt. An der Erziehung liegt's, unsere Mädchen spielen, kaum aus den Windeln, schon die Modedame, die Jagd nach Geld hat unsere Industrie zu den tollsten Extravaganzen getrieben und die Kindheit in den Bann der raffinirtesten Eitelkeit gefesselt; das Kind wird im zartesten Alter schon in der Kunst der Koketterie unterrichtet; wird diese abscheuliche Kunst dann später durch Hundert­tausende nicht ausgewogen, da ist's doch kein Wunder, daß ein jeder Mann sich scheut, in das Ntz einer solchen Kokette zu gerachen, um ihr seinen Namen und feine Existenz zu überliefern? Nun hast Du den Beweis, meine Tochter und damit Punktum."

Danke, Papa! ich sprach von stolzen, selbst­ständigen Frauen, nicht von Koketten; wollen Sie noch etwas sagen, Herr Notar?"

Ja, Fräulein Natalie! ich wollte Sie um den Namen Ihrer Haushälterin bitten."

Ich dachte dabei an die arme Madame Borner, welche durch jene Hinterlist so urplötzlich brodlos ge­worden ist doch will ich unter diesen Umständen kein weiteres Wort darüber verlieren."

O, seien Sie mir nicht böse", bat der Notar, wenn alle Frauen Ihnen glichen, würde ich selber mit meinem grauen Kopf noch leichtfüßig in die Ehe springen. Aber ich will mich doch über Ihre Haushälterin besinnen, Fräulein Natalie! ich glaube, daß diese arme Borner ganz verträglich ist"

Jawohl, bis auf ihr vermaledeites Clavierfpiel", fuhr der Banquier spöttisch dazwischen,nehmen Sie sich in Acht, Notar I diese Madame Borner ist eint Wagner-Enthusiastin und trommelt täglich ihren Lohengrin oder gar die Meistersinger unerbittlich durch."

Ich habe kein Clavier im Hause, dulde auch keins und würde da» als ersten Paragraphen auf« stellen", versetzte der Notar trocken.