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„Es hat Zeit bis morgen!",
„Wie Sie wollen — ich bin zu jeher Stunde bereit V*
Der Rath gab dem Gerichtsdiener einen Wink, der Vagabund wurde abgeführt.
„Es ist ihm Nichts anzuhaben", sagte der Untersuchungsrichter; „er antwortet auf alle Fragen kurz und klar, und auf bloße Vermuthungen hin kann ich den Menschen nicht in Haft behalten."
„Und doch liegen die Dinge anders, als er sie schildert!" erwiderte Rommel gedankenvoll;, „so oft die Rede auf die Leiche kam, konnte er seine Verlegenheit nicht ganz verbergen; er wich Ihrem Blick aus, und das böse Gewiffen spiegelte sich in jedem Zug seines Gesichts."
„Hm, ich werde ihn trotzdem enllassen muffen."
„Er muß in seiner Heimath beobachtet werden!"
„Darin sind die ländlichen Behörden in der Regel sehr ungeschickt; sie glauben gleich zugreifen zu müssen, noch ehe sie überzeugende Beweise erhalten haben."
„Geben Sie mir einige Tage Urlaub, dann reise ich selbst hin."
„Hm, das wäre keine üble Idee!"
„Und für mich eine praktische Hebung, die mir nur von Nutzen sein kann."
„Ich fürchte nur, Sie werden Nichts erreichen."
„Das lassen Sie meine Sorge sein. Ich werde mich jedenfalls an Ort und Stelle über die vergangenen Ereignisse eingehend informiren und auch über diesen Vagabund Manches erfahren, was uns bisher unbekannt geblieben ist."
Der Untersuchungsrichter nahm rasch nach einander mehrere Prisen und blies die verstreuten Tabakskörnchen von den Akten fort.
„Ich könnte Sie immerhin einige Tage entbehren", sagte er, „aber im Grunde genommen sehe ich keinen Zweck in Ihrer Reise. Die Sache ist ja ziemlich klar. Es steht fest, daß der Todte, der damals gefunden wurde, nicht der Banquier Krüger war, und möglich ist es immerhin, daß der Wilddieb und Hausirer den Paß gefunden hat."
„Und wo ist der Banquier geblieben?" warf der Referendar ein."
„Ausgewandert, verschollen!"
„Hm, die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube! In heutiger Zeit schlägt man sich nicht mehr seitswärts in die Büsche, um spurlos zu verschwinden. Wie aus den Akten hervorgeht, hat das Gericht derzeit nicht einmal ermitteln können, ob und wo der geflüchtete Bankerotteur sich eingeschifft hat."
„Darauf lege ich gar kein Gewicht. Er kann, und dies ist sehr wahrscheinlich, unter falschem Namen sich eingeschifft haben, und diese Nachforschungen selbst sind auch nicht energisch betrieben worden. Die betrogenen Gläubiger hatten keine Lust, die Kosten einer voraussichtlichen fruchtlosen Verfolgung zu bestreiten, und so mag er drüben als unbekannter, heimathloser Lump gestorben und verdorben sein."
„Und den Paß sollte er wirklich fortgeworfen haben?"
„Weshalb nicht? War es nicht ein Akt der Vorsicht und der Klugheit, alle Papiere zu beseitigen, die über seine Person Auskunft geben konnten?"
„Wie aber kam dieser Mann in den Wiesenthaler Wald?" fragte der Referendar, der sich von den Gründen seines Collegen nicht überzeugen laffen wollte. (Fortsetzung folgt).
Em Scheffelfest vor 25 Jahren.
Ein literarhistorischer Beitrag von AlbcrtJaenich.
(Fortsetzung).
Das war der Mann, der aufgesucht werden mußte, denn Heidelberger Herren hatten ausgesagt, daß der wackere Pfarrer noch einen bedeutenden Vorrath neuer Scheffelscher Lieder besäße. , Wir finden daher eines schönen Sonntags Nachmittags den findigen Lahrer Verlagsbuchhändler in dem gastlichen Wirthshause in Ziegelhausen, wohin er, kurz entschloffen, auf einem Miethswägelein von Heidelberg sich hatte kutschiren laffen. Doch die Ungeduld mußte gezügelt werden, denn der Geistliche war in der Kirche beim Gottesdienst. Nach dessen Beendigung aber pochte der Verleger, das Commers« buch unter dem Arme, sofort an des Pfarrers Thür. „Das ist mein Begehr!" so lautete der Schlußsatz der Anrede, mit der er ihm den Zweck seines Besuchs auseinandergesetzt hatte. Und mit leuchtendem Blick stand der Pfarrherr, noch im Talar, vor ihm, dann erfaßte er das Commersbuch und schlug es auf. „Die Idee ist herrlich! Scheffel wird sich freuen! Schauen Sie her, diesen Vers hab' ich gemacht!" rief er vergnügt aus und mit mächtigen Schritten im Zimmer umherschreitend, daß der Luftzug die Enden des Talars hob, sang er mit kräftiger Stimme das betreffende Lied seinem Gast vor. „Leisten Sie, Verehrtester, meiner Frau einstweilen in der Laube im Garten bei einer Taffe Kaffee Gesellschaft, ich habe noch drei Kindtaufen zu vollziehen, bin aber gleich wieder da und wir fahren dann zusammen nach Heidelberg!" fügte er hinzu. So saß denn der Gast v ergnüglich in angenehmer Unterhaltung in der grünumrankten Laube, die den Blick auf den Neckar gestattete, neben der Frau Pastorin beim Kaffee, des Zeitpunkts harrend, in welchem die Verwandlung der drei kleinen Heiden in rechtschaffene Christenmenschen stattgefunden haben würde. Der Pfarrer ließ nicht allzulange auf sich warten und nachdem er dem neuen Freunde noch den Vorrath seiner Mappe an Scheffelliedern übergeben, fuhr er mit ihm zusammen gen Heidelberg und führte ihn Abends in den jovialen „Engem" ein, wo bei heiterm und anregendem Gespräch und einem guten Trunk die Stunden zu Minuten wurden.
Scheffel selbst war über die Idee der Compo- sition undAnfnahme in das Commersbuch


