Ausgabe 
13.7.1886
 
Einzelbild herunterladen

322

mir gar nichts beweisen. Ich hatte die ewigen Querelen satt; das war der einzige Grund."

Und woher nahmt Ihr die Mittel zur Reise?"

Ich hatte mir Etwas erspart und Unsereins schlägt sich immer durch."

Eine Reise nach Amerika kostet Geld, Keller", erwiderte der Richter scharf;ich will wissen, woher Ihr dieses Geld genommen habt."

Der Vagabund zuckte gleichgiltig mit den Achseln.

Beweisen kann ich es Ihnen jetzt nicht mehr, daß ich mir damals Etwas zurückgelegt hatte, und daß ich als Matrose mir freie Ueberfahrt verdiente", sagte er.Sie mögen's nun glauben oder nicht, es war so."

Und Ihr bleibt auch jetzt noch dabei, den fremden Paß im Walde, gefunden zu haben?"

Ich muß dabei bleiben, denn es ist die Wahr' heit. Der Paß und einige andere Papiere waren in eine Zeitung eingewickelt; ich fand das Packetchen im Gestrüpp; die anderen Papiere habe ich fortge­worfen, aber den Paß nahm ich mit, weil ich glaubte, ihn gebrauchen zu können."

Der Gerichtsrath schüttelte zweifelnd das ergraut^ Haupt und nahm geräuschvoll eine Prise.

Ihr müßtet doch selbst einsehen, daß wir das nicht glauben können", sagte er;der Paß war damals noch gütig, und solche» Dokument wirft man nicht ins Gestrüpp."

Der Mann, dem der Paß gehörte, mag wohl seine Gründe dafür gehabt Men."

Seit Ihr mit diesem Manne zusammengc- troffen?"

Rein."

Aber mit einem Andern seid Ihr zusammenge­troffen", erwiderte der Richter eindringlich,mit einem Herrn von Salberg, der von Wiesbaden nach Wiesenthal kam."

Davon weiß ich Nichts; ich höre den Namen heute zum ersten Male."

Erinnert Ihr Euch noch, an welchem Tage Ihr die Heimath verlaffen habt?"

Warten Sie! Es war ein sehr heißer Tag im Juni, wenn ich nicht irre, der sechszehnte."

Und sechs Tage später wurde im Walde bei Wiesenthal die Leiche Salberg's gefunden; sie hatte mindestens schon acht Tage dort gelegen. Uhr, Börse und Ringe fehlten"

Und nun soll ich diesen Mann ermordet haben?" fragte der Vagabund rasch.Kreiden Sie mir alles Andere an, Herr Richter, nur das nicht! Ich will zugeben, Wild und Holz gestohlen zu haben, wenn das einmal Diebstahl genannt werden soll, aber Menschenblut klebt nicht an meinen Händen, so wahr ich selig zu werden hoffe."

Mit derartigen Phrasen kommt Ihr nicht durch, Keller; ich habe diese Redensarten zu oft gehört, um nicht ihren Werth zu kennen. Was wollt Ihr jetzt in der Heimath?"

Mein MH Gewerbe wieder betreiben!"

Hausiren? Ihr habt kein Geld um Maaren zu kaufen, und borgen wird Euch Niemand."

Meine alte Tante wird wohl unterdeffen ge­storben sein ; ste hatte noch Etwas; das Gericht muß mir die Erbschaft aurzahlen. Ich werde mich schon durchschlagen, und wenn ich gar Nichts verdienen kann, muß die Gemeinde mich ernähren. Drüben wäre ich verhungert, ohne daß sich ein Mensch um mich gekümmert hätte; in meinem Dorfe dürfen sie mich nicht auf der Straße liegen laffen. Und mit dem falschen Paß verhält es sich so, wie ich Ihnen gesagt habe; ich bin auf ehrlichem Wege dazu ge« kommen. Es mag Mancher mit einem falschen Paffe reisen, der trotz seiner Vornehmthuerei ein größerer Lump ist, als ich, und wäre ich bester gekleidet ge­wesen, dann hätte der Gensdarm mich auch nicht angehalten."

Der Gerichtsrath blätterte wieder in den Akten und schüttelte ärgerlich den Kopf.

Sagt, was Ihr wollt: auf dem Gewissen habt Ihr doch Etwas", erwiderte er nach einer Pause. Es ist nur schlimm, daß ich es Euch nicht beweisen kann. Solltet Ihr denn gar Nichts von der Leiche im Walde gewußt haben?"

Dann hätte ich doch wohl der Ortsbehörde An­zeige gemacht."

Dar ist kein Gegenbeweis; Ihr mochtet triftige Gründe haben, diese Anzeige zu unterlassen!"

Herr Richter, ich wiederhole Ihnen noch ein­mal, Sie hegen da einen Verdacht, der ganz grund­los ist."

Ihr wollt also Nichts bekennen?"

Soll ich denn eine That bekennen, die ich nicht begangen habe? Da» kann Niemand verlangen!"

Weder Trotz noch verstockte Frechheit lag in dem Auftreten und den Worten de« Gefangenen. Er sprach ruhig und ohne Leidenschaft, wie ein Mann, der sich keiner Schuld bewußt ist; nur der tückische, lauernde Blick, der bald auf dem Richter, bald auf dem Referendar ruhte, wollte mit dieser leidenschafts­losen Ruhe nicht übereinstimmen.

Ich darf wohl fordern, daß Sie mich wieder auf freien Fuß setzen", nahm er nach einer Weile wieder das Wort.Ich bin kein Landstreicher und auch kein Bettler, und für die Dummheit, daß ich einen fremden Paß bei mir geführt habe, mußte ich schwer genug büßen."

Zu fordern habt Ihr gar Nichts!" erwiderte der Richter ärgerlich.Es liegen Verdachtsgründe genug gegen Euch vor, und ich könnte Euch so lange in Haft halten, bi« ich über Eure Person und Eure Vergangenheit vollständig aufgeklärt bin. Jedenfalls, wenn ich Euch entlasse, werde ich Euch mit einem Zwangepaß in Eure Heimath schicken. Versteht Ihr das?"

Meinetwegen!" sagte Keller achselzuckend.Sie wissen dann daheim gleich, daß sie für mich sorgen müssen, das erspart mir viel Gerede. Und wenn Sie wollen, trete ich noch heute den Marsch an, der Staat hat dann einen Kostgänger weniger."

b

d

l ki r<

f< d l

(

S r

i

r

r g ii l

c c *

l i z T I 1 $

f r

r i

> s

v s

<

j

i

1