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hocherfreut und gab nicht nur mit größtem Vergnügen hierzu seine volle Zustimmung, sondern fügte auch zugleich noch eine Anzahl neuer Lieder hinzu. Später ertheilie er auch dem Verleger des Commers- buchs seine Genehmigung zur Veranstaltung einer Ausgabe der „Lieder aus dem Engern"' mit Clavier- begleitung.
Und nun ging es sofort zu flotter That. Anfangs 1861 schrieb die Schauenburgsche Verlagsan- stalt eine Preisbewerbung für Compositionen „Neuer Lieder aus dem Engern in Heidelberg" aus. Die sechs besten Compositionen, unter denen die trefflichen „Rodensteinlieder"", „Perköo" 2c. waren, fanden später, nachdem sie von dem Preisrichterkollegium gekrönt worden waren, mit den meisten übrigen „Liedern aus dem Engern" Aufnahme in das mehrfach genannte Commersbuch, das dann in rascher Folge Auflage um Auflage in außerordentlich starker Höhe erlebte und den Schesfelschen Liedern in trefflichem Melodienschmuck den Flug durch ganz Deutschland und weit darüber hinaus, ja bis in das gelobte Land jenseits des atlantischen Oceans, nach Amerika, eröffnete. Hierbei zeigte sich eine erfreuliche Rückwirkung auf die and-rn Werke Scheffels, so den „Trompeter" und den „Ekkehard", mit deren Absatz es bislang nicht recht vorwärts gehen wollte. Die rapide und ausgedehnte Verbreitung seiner Trinklieder und Gesell- schasrslieder durch das Commersbuch gab auch diesen einen kräftigen Impuls, denn man sagte sich in immer weitern Kreisen, daß auch die andern Werke des Dichters von entsprechendem Werthe sein müßten. Daß man sich nicht getäuscht, das beweist die bedeutende Zahl der Auflagen, welche diese beiden Werke seitdem in rascher Folge gehabt haben.
Um den Preisrichtern Kenntniß von der Aufnahme der besten eingesandten Compositionen bei: dem sangeskundigen Publikum zu ermöglichen und das Interesse überhaupt für das Unternehmen zu erhöhen, bereitete der eifrige Verleger in Heidelberg ein Preis sing en, gewiffermaßen einen modernen „Sängerkrieg", vor, auf welchem die betreffenden Lieder zum Vortrage kommen sollten. Selbstredend erhielten in erster Reihe Scheffel sowie dessen Vater dazu Einladungen. Beide waren leider verhindert — ersterer durch Krankheit — von der Einladung Gebrauch zu machen; mit welcher Freude und mit welcher Anerkennung dieselbe aber an betreffender Stelle ausgenommen wurde, das zeigen die beiden hochintereffanten Schreiben, die bisher noch nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen sind. Das erstere ist von Scheffels Mutter, das zweite von Scheffel selbst.
Dieselben lauten:
Karlsruhe, den 2. März 1861.
Verehrtester Herr!
Mein Mann, der heute verhindert ist, Ihnen selbst zu schreiben, beauftragt mich, Ihre freundliche
Zuschrift in seinem Namen zu beantworten, was ich anmit mit Vergnügen thue.
Ihre erfreuende heitere Einladung an meinen Sohn werden wir demselben heute noch übersenden und sind überzeugt, daß er derselben gerne entsprechen wird, wenn seine Gesundheit es erlaubt. Ob eben dieß der Fall sein wird, können wir von hier aus zur Zeit noch nicht mit Bestimmtheit voraus- sagen. Joseph ist nämlich im November vorigen Jahres auf einer Fahrt nach Zürich erkrankt und obgleich gottlob bald wieder hergestellt, hat er doch bis jetzt noch immer der größten Ruhe und Schonung bedurft und deßhalb den ganzen Winter in einem schönen stillen Landaufenthalt am Hallwyler See zugebracht, wo er aber jetzt im Begriffe steht, heim- zukehren und es sich somit ermöglichen könnte, daß er dem fröhlichen Sängerstreit in Heidelberg beiwohnte, ob aber sein Befinden einen so stürmischen Abend gestattet, darüber können wir wie gesagt nicht urtheilen und er wird Ihnen selbst sagen, was geschehen kann und darf. An seinem Willen zu kommen wird es jedenfalls nicht fehlen. Wir wissen aus seinen Briefen, daß schon die Mittheilungen des Herrn Kapellmeisters Lachner ihm große Freude machten und er sich geehrt fühlt, diese leichten harmlosen Liedertexte von so vielen und zum Theil berühmten und ausgezeichneten Componisten beachtet zu sehn. Wir glauben sogar, daß dieser fröhliche Sängerkrieg noch viel zur Vervollständigung seiner Erholung und Erheiterung beitragen wird. Sie, verehrter Herr, haben dabei das Verdienst der Anregung und des ersten Gedankens und wir wünschen Ihnen von Herzen, daß Sie ungetrübte Freude daran erleben mögen.
Was Ihre freundliche Einladung an meinen Mann betrifft, so ist er sehr gesonnen, davon Gebrauch zu machen, wenn die Beschwerden des Alters und sein vielfach wechselndes Befinden es ihm erlauben, es ist leider auch darüber im Augenblick noch nichts Bestimmes zu sagen, als daß die beste Lust dazu vorhanden ist. Mein Mann dankt Ihnen auch herzlich für die gütige llebersendung der Texte und läßt Sie bitten, verehrter Herr, bei uns einzukehren, wenn Sie hierher kommen, da er herzlich wünscht, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, welchem Wunsche auch ich vollständig beistimme.
Für den Fall, daß Sie unserm Sohne irgend etwas auf den Gesangkrieg Bezügliches noch selbst mittheilen wollten, setze ich Ihnen seine Adresse her: Dr. Jos. Viel. Scheffel bei Herrn Erismann in Breitenberg (Schweiz) am Hallwyler See, Eisenbahnstation Wildegg. Bis zum 4. wird er wohl noch dort fein, auch bis zum 5. März.
Nocheiumal Ihrem Sängertag gute Sterne wünschend, zeichne ich mit Hochachtung
Ihre ergebenste
I. Scheffel-Krederer.
(Fortsetzung folgt.)
Red-Eon; A. Scheyda. — Druck und Verlag der Bsühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


